Feiertag, 04.07.2021

von Joachim Opahle, Berlin

"Möge Sonnenschein dein Herz erleuchten." Warum irische Segenswünsche so beliebt sind

Irische Segenswünsche sind weltbekannt - bei Gläubigen, aber auch bei Menschen, die mit der Kirche nicht so viel am Hut haben. Nicht nur die Texte, auch die Melodien haben eine einende Wirkung.

© Steven Hylands / Pexels

„Mögest du gesegnet sein,
mit Wärme in deinem Zuhause,
Liebe in deinem Herzen,
Frieden in deiner Seele
und Freude in deinem Leben.“

Ein Segenswunsch für Wärme, Liebe, Frieden und Freude. Wer ihn sich ausgedacht hat, ist nicht bekannt. Die Herkunft aber schon: die Segensformel stammt aus Irland.

Irische Segenssprüche sind hierzulande bekannt und beliebt. Wer im Internet auf die Suche geht, findet tausende von Versen, Gedichten und Aphorismen, die alle das gleiche wollen: einem Anderen etwas Gutes zusprechen, Mut machen und Hoffnung vermitteln.

„Mögest du immer einen Freund an deiner Seite haben,
der dir Vertrauen gibt,
wenn es dir an Licht und Kraft gebricht.“

Es sind vor allem diese kurzen, aber zu Herzen gehenden Formulierungen, die die Segenswünsche aus Irland so populär gemacht haben.

Sie machen das Leben freundlicher und können einen Menschen allein durch die Kraft der Worte verwandeln. Denn viele sehnen sich nach guten Worten, vielleicht weil in unserem Alltag viel zu viele Fluchworte gesagt werden.

Gesegnet werden bei den Segenswünschen aber nicht nur Personen, sondern auch Dinge des täglichen Lebens: Die Wohnung beim Einzug, Früchte des Feldes beim Erntedank, sogar Fahrzeuge oder Tiere. Alles, was dem Leben dient, kann durch einen Segen zu etwas Besonderem werden, indem es ausdrücklich unter die Fürsorge Gottes gestellt wird.

Mögen aus jedem Samen, den Du säst,
wunderschöne Blumen werden
auf, dass sich die Farben der Blüten
in Deinen Augen spiegeln und sie Dir
ein Lächeln auf Dein Gesicht zaubern.“

Segen hat mit liebevoller Zuwendung zu tun. Segen kann man dankbar annehmen und im Gegenzug selbst andern schenken.

So ist das Segenspenden zunächst ein freundlicher Gestus, ein Geschenk, von Großmut getragen. Irische Segenswünsche widmen wir gerne jemandem, den man mag. Sie verdanken sich einer euphorischen Grundstimmung, sie sind allgemein und bisweilen etwas süßlich formuliert.

Doch im Begriff „Segen“ steckt noch mehr. Es kann auch ein Hilfszusage sein, die mich selber in die Pflicht nimmt; ein Wohlwollen, das mehr ist als ein bloßer Wunsch an den Adressaten.

So kann das Gut-über-den-Anderen-Reden auch zu einem Anspruch an mich selber werden, der mehr kostet als bloße Freundlichkeit: In der berühmten Bergpredigt spricht Jesus in überaus provokanter Weise davon, sogar für die Feinde zu beten.

Ein hoher ethischer Anspruch! Verlangt er wirklich, auch denjenigen zu segnen, der mir feindlich gesonnen ist?

„Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde

und betet für die, die euch verfolgen,

damit ihr Kinder eures Vaters im Himmel werdet. (…)

Wenn ihr nämlich nur die liebt, die euch lieben,

welchen Lohn könnt ihr dafür erwarten?“

(Mt 5,44)

Es verlangt schier übermenschliche Kraft, jemanden, der mich verletzt hat, auch noch zu segnen, ihm also wohlzuwollen, ihm gar zu vergeben. Aber so etwas kann auch ein Schutzschild sein: er bewahrt mich davor, in eine Spirale der Verneinung zu geraten, weil er mich gegen die Verletzung durch andere in gewisser Weise immun macht und mir so meine Souveränität erhält.

Ich steige aus der Opferrolle aus, ich werde aktiv, ich richte mich auf und werde so entlastet von den negativen Folgen der Missgunst. Segen meint also nicht nur gute Worte dem anderen zu sagen, sondern auch einen Schutzraum gegen Feindseligkeit aufzurichten und aktiv mitzutun, dass etwas aufblüht in mir.

„Mögen die Regentropfen sanft auf dein Haupt fallen.
Möge der weiche Wind deinen Geist beleben.
Möge der sanfte Sonnenschein dein Herz erleuchten.
Mögen die Lasten des Tages leicht auf dir liegen.
Und möge unser Gott dich hüllen in den Mantel seiner Liebe.“

Irland, die sogenannte „Grüne Insel“! Sie ist bekannt für ihre lange christliche Tradition und ausgeprägtes Brauchtum. Obendrein ist die Insel geschätzt wegen ihrer beeindruckenden Naturschönheit. Legendär sind die Wanderwege an der bergigen und von grünen Wiesen gezeichneten Westküste.

Immer wieder zeigt sich der Atlantik in atemberaubenden Ausblicken, die die Fantasie anregen und dazu einladen, geheimnisvolle Geschichten von Elfen und Feen weiterzusagen. Naturerleben und Traditionsbewusstsein haben dazu beigetragen, dass gerade an diesem Ort in der Welt eine besondere Segenskultur wachsen konnte.

Die Erfahrung hat die Menschen gelehrt: Eine Schöpfung, die so überwältigend schön und fruchtbar ist, muss von einem gütigen Gott geschaffen sein, der auch mein alltägliches Lebensglück verantwortet. So schließt sich der Kreis vom Naturerleben zur seligen Geborgenheit als Geschöpf. 

Tausende „irischer“ Segensworte voller malerischer Naturempfindungen sind im Umlauf. Sie zieren Postkarten, Kaffeetassen und Sammelteller. Womöglich stammen sie gar nicht alle aus Irland, aber sie klingen alle ähnlich und haben eine eigene Poesie-Gattung begründet. 

Möge Klarheit sich spiegeln auf dem Grunde Deines Herzens.

Rein sei Deine Seele wie ein See in der Stille des Gebirges.“

Nicht immer sind die Segensformeln von großem inhaltlichem Anspruch. Bisweilen erweisen sie sich als ganz alltägliche und vermeintlich banale Beobachtungen:

Deine Hände mögen immer ihr Werk finden

und immer eine Münze in der Tasche, wenn du sie brauchst.“

Es ist nicht so wichtig, wer diese Worte ersonnen hat und woher sie letztlich kommen. Der Phantasie, unseren Lieben Gutes zu wünschen oder sich selbst Mut zuzusprechen, sind keine Grenzen gesetzt.

Wo immer das Glück sich aufhält,

hoffe, ebenfalls dort zu sein.

Wo immer jemand freundlich lächelt,

hoffe, dass sein Lächeln dir gilt.

Wo immer die Sonne aus den Wolken hervorbricht,

hoffe, dass sie besonders für dich scheint.

Damit jeder Tag deines Lebens

So hell wie möglich sei.“

Zu den beliebtesten Segenswünschen gehört der Reisesegen. Ein Brauch, der wohl aus der Welt der Pilger stammt. Sie waren über Jahrhunderte hinweg die einzigen, die unterwegs waren, bevor der moderne Tourismus das Reisen für alle ermöglicht hat.

Der Segen, der dem Pilger von den Daheimgebliebenen mit auf den Weg gegeben wird, verbindet gute Wünsche mit der Hoffnung, dass dem Reisenden kein Unglück widerfährt, und dass er sicher am Ziel seiner Reise ankommt. 

„Möge die Straße sich erheben und dir entgegenkommen

Möge der Wind immer in deinem Rücken sein

Möge die Sonne warm auf dein Gesicht scheinen,

der Regen sanft auf deine Felder fallen.

Und bis wir uns wiedersehen,

halte Gott dich fest in seiner Hand.“

Dieser Segen ist als Lied besonders populär geworden. Es wird gesungen bei Abschiedsfeiern jeder Art, denn hier wird ausdrücklich vom Wiedersehen gesprochen. Oder am Abend eines Tages. Manchmal sogar bei Beerdigungen, denn auch da wünschen wir uns in gläubigem Vertrauen ein Wiedersehen am Ende unserer Tage.

Und viele, die gar nicht religiös sind, singen trotzdem gerne mit. Denn auch sie fühlen sich berührt von so viel gut gemeinten Wünschen. Und vielleicht auch, weil die Sehnsucht nie ganz schwindet, dass mich Jemand in seiner Hand halten möge, oder – wie es im englischen wörtlich heißt – in der Fläche der Hand. Eine schöne Vorstellung, auf der Handfläche Gottes zu stehen und von ihm vorsichtig durch das Leben getragen zu werden.

Eine ähnliche Glaubenszuversicht für die Wege meines Lebens bezeugt auch dieser Irische Segen:

Gott sei vor dir, wenn du den Weg nicht weißt.
Gott sei neben dir, wenn du unsicher bist.
Gott sei über dir, wenn du Schutz brauchst.
Gott sei in dir, wenn du dich fürchtest.
Gott sei um dich wie ein Mantel, der dich wärmt und umhüllt.“

 „Möge der erste Schritt, den Du ins Leben tust,

ein Gang wie auf Wolken sein,

und möge stets eine helfende Hand da sein,

die Dich auffängt, wenn Du zu fallen drohst.“

Die ältesten irischen Segensworte sind wahrscheinlich keltischen Ursprungs; eine Geisteswelt, die seit der Antike im angelsächsischen Raum sehr verbreitet war und bis heute in Irland lebendig gehalten wird.

Es sind uralte, teilweise orakelartige Beschwörungsformeln, die magisch klingen und von Generation zu Generation mündlich weitergegeben wurden. Sie zeichnen sich aus durch phantasievolle Sprachbilder, die das allzu Realistische meiden und das Natürliche nicht grundsätzlich vom Übernatürlichen unterscheiden.

Die Urheber, die die Segenssprüche zuerst formulierten, sind heute nicht mehr bekannt. Vielleicht waren es keltische Druiden. Dass sie so große Verbreitung fanden, geht aber wohl auf christliche Mönche zurück, die bereits im fünften Jahrhundert auf der Insel lebten.

Sie waren offenbar überzeugt, dass die naturhaften Beschwörungsformeln der Einheimischen gut in Übereinstimmung zu bringen waren mit der christlichen Botschaft von Glaube, Hoffnung und Liebe. Bekannt sind die Mönche Patrick oder Kilian.

Zu einer Zeit, als auf dem Europäischen Festland erst wenige Christen zu finden waren, machten sie sich von Irland aus auf den Weg ins weit entfernte germanische Frankenland, um dort Klöster zu errichten und die heidnischen Bewohner zum Christentum zu bekehren.

Die einprägsamen Segensformeln haben wahrscheinlich dazu beigetragen, dass ihre Botschaft unmittelbar verstanden wurde. Das Abendgebet der Mönche, das noch heute täglich in den Klöstern gebetet wird, klingt jedenfalls auch wie ein irischer Segen:

„Gott, dessen Wort die Welt erschuf

Und dessen Wille sie erhält:

Du hüllst den Tag in holdes Licht,

in gnäd’gen Schlaf die dunkle Nacht.

Dich träume unser tiefstes Herz,

wenn uns die Ruhe nun umfängt.

Der Schlaf erquicke unsern Leib

Und rüste ihn mit neuer Kraft.

Dir sei der Lobpreis dargebracht,

Gott Vater, Sohn und Heil’ger Geist.

Dreiein’ge Macht, die alles lenkt,

behüte, die auf dich vertraun.“

(Deutsches Antiphonale, Vesper und Komplet, EOS-Verlag St.Ottilien 1995)

Den Segen über jemanden zu sprechen, ist nicht nur im kirchlichen Bereich üblich. Jeder kann seine Verbundenheit mit dem Lebensquell und sein wohlwollendes, mitfühlendes Empfinden in Segenswünsche fließen lassen, die wir uns gegenseitig mit auf den Weg geben.

Als Ermutigung für freudige Anlässe, für die Kinder oder für Paare, als Segen für Lebensübergänge und nicht zuletzt für Kranke und Trauernde. Auch hierfür haben sich die Segenswünsche aus Irland als hilfreich erwiesen. In ihrer Formelhaftigkeit werden sie leicht erkannt und mit ihrem grundsätzlichen Wohlmeinen transportieren sie eine Botschaft echter Annahme und unbedingter Zuwendung:

„An deiner Seite sei ein Mensch,

der wissen will, wer Du wirklich bist,

der annehmen kann, der Du warst,

der verzeiht, was Du zu tun versäumst

und der Dir dankt, was Du gibst.

Ein Mensch, der an Dich glaubt, wenn Du an Dir zweifelst,

der Dich umarmt, wenn Du Dich selber nicht aushältst,

der sich zu Dir bekennt, wenn Du Dich verleugnest,

und der Deine Zuversicht ist, wenn Dir der Mut sinkt. 

Ein Mensch, der Dir so sehr vertraut,

dass er bereit ist, sich preiszugeben,

sein Licht in Deine Tiefe zu schenken,

und mit Dir das Wagnis einzugehen,

das wachsende, wandernde Liebe heißt.“ 

Sich selbst und anderen Gutes Wünschen, Worte für Momente, in denen wir selbst sprachlos sind, sei es aus Freude oder aus Trauer, dazu geben die alten Segensformeln eine Anregung. Es wundert nicht, dass sie auch bei Hochzeiten sehr beliebt sind.

Die 1931 verstorbene Schweizer Schriftstellerin Franciska Stoecklin, deren Lyrik häufig von Traum, Liebe und Natur handelt, hat ganz in der Tradition der irischen Segenswünsche einen beliebten Trauspruch verfasst:

Wir wollen uns immer die Hände halten,

damit unsre Seelen nicht in den kalten,

notvollen Nächten einsam erfrieren.

Wir wollen uns immer tiefer finden,

damit wir uns nicht wie die armen Blinden

im schwarzen Walde traurig verirren.

Wir wollen uns immer die Hände halten,

damit wir uns nicht zu tief in die Falten

des unendlichen Lebens verlieren.

(Francisca Stoecklin: Lyrik und Prosa. Hg. von Beatrice Mall-Grob, Verlag Paul Haupt, Bern Stuttgart Wien 1994)

Etwas schenken, was wir nicht selbst besitzen, Heimat versprechen, etwas ins Bild heben, was sich nie ganz unverhüllt zeigt, das bedeutet Segen spenden. Es geht dabei auch um das erhabene Gefühl der Ehrfurcht.

Sie ereilt uns, wenn wir von etwas Großem beeindruckt oder sogar wie berauscht sind, sei es der leuchtende Sonnenball, der im Meer versinkt, die idyllische Hütte am Waldrand mit Vogelgezwitscher oder die atemberaubende Welt der Berge.

Solche romantischen Empfindungen sollten wir keineswegs als irrationale Wallungen abtun, die nicht weiter wichtig sind. Es sind vielmehr Augenblicke, in denen etwas von außen auf uns zukommt, das über uns selbst hinausverweist.

Das betrifft auch Menschen, die nicht gläubig sind, und nach Lebenssinn suchen. Wer nicht drauf vertraut, dass der große Sinn des Lebens irgendwo da draußen zu finden ist, wird den Wert des Daseins in der alltäglichen Begegnung mit anderen suchen und immer wieder selbst entwerfen. So komme ich mit der Unerklärlichkeit der Welt besser zurecht, werde möglicherweise zufriedener und gelassener.

Dann können gute Wünsche hervorragende Lebensbegleiter sein, als Ermutigung für Aufbrechende, für Hoffende, Trauernde und Feiernde.

„Mögen alle deine Himmel blau sein,
mögen alle deine Träume wahr werden,
mögen alle deine Freunde wahrhaft wahre Freunde
und alle deine Freuden vollkommen sein,
mögen Glück und Lachen alle deine Tage ausfüllen –
heute und immerzu ja,
mögen sich alle deine Träume erfüllen.“

Irische Segenswünsche sind poetisch und weise, klug und tiefgründig, pointiert und humorvoll. Sie machen Mut, muntern auf oder stimmen nachdenklich. Manche sind nur geflügelte Worte, andere verbinden alltägliche Gegebenheiten mit geistlichen Gedanken.

Ihre Poesie ist bisweilen blumig und in veraltetem Sprachstil. Aber immer geht es um das Gelingen, um die Bewältigung des Anstrengenden, um eine positive Spiritualität:

„Nimm Dir Zeit zum Träumen,

das ist der Weg zu den Sternen.

Nimm Dir Zeit zum Nachdenken,

das ist die Quelle der Klarheit.

Nimm Dir Zeit zum Lachen,

das ist die Musik de Leben,

das ist der Seele.

Nimm Dir Zeit zum Reichtum des Lebens.

Nimm Dir Zeit zum Freundlichsein,

das ist das Tor zum Glück.“

Die redaktionelle Verantwortung für die Sendung hat Martin Korden.

Musik:

Loreena Mckennitt, La serenissima

Loreena Mckennitt, Prologue

Die Priester: Gloria Dei („Möge die Straße“)

Die Priester „Du erfüllst meine Seele“ (Annie's Song)

Nadia Birkenstock, A la source

Nadia Birkenstock, A Trip to the Islands

Nadia Birkenstock, Valse dans les vignes


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Dieser Beitrag wurde am 04.07.2021 gesendet.


Über den Autor Joachim Opahle

Joachim Opahle, geboren 1956, ist verheiratet und hat drei Kinder. Er studierte in Freiburg im Breisgau, in Wien, Tübingen und Bamberg Katholische Theologie und Kommunikationswissenschaften. Seit 1993 ist er im Erzbistum Berlin tätig als Leiter der kirchlichen Hörfunk- und Fernseharbeit.

Kontakt
rundfunk@erzbistumberlin.de
www.erzbistumberlin.de

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