Am Sonntagmorgen, 27.06.2021

von Elena Griepentrog, Berlin

„Sternenkind.“ Vom Trost für Eltern fehl- und stillgeborener Kinder

Sternenkinder erblicken das Licht des Himmels vor bevor sie das Licht der Welt erblicken. Sie sterben, ohne auf der Welt gelebt zu haben. In ihrer Trauer können Eltern auch von Seelsorgen begleitet werden.

© Aziz Acharki / Unsplash
„Gott, in Trauer sind wie vor dir und beten zu dir. Wir wollen glauben: Diese Kinder sind in deiner Hand, in deinem Schoß geborgen. Für dich ist keines von ihnen verloren und du wirst dem, was nicht reifen konnte, Vollendung schenken. Lass sie und uns Trost und Frieden finden. Amen.“

Oktober 2018. Die Berliner Volkswirtin Dorothea Schäfer*, damals 41, muss diese Worte, dieses Gebet hören. In der Friedhofs-Kapelle des katholischen St. Matthias-Friedhofs in Berlin. Wie im Nebel zieht alles an ihr vorüber.

Noch einige Monate zuvor waren sie und ihr Mann voller Vorfreude, Dorothea Schäfer ist schwanger, mit dem zweiten Kind. Hormonell eindeutig. Doch der Gynäkologe kann keine Herztöne feststellen, auch nach Wochen nicht. Nach 12 Wochen ist es eindeutig, das Kind lebt nicht mehr.

Nun, Monate später, sitzen sie und ihr Mann hier in der Friedhofskapelle. Kerzen brennen. Vor dem Altar zwei kleine weiße Särge, nicht einmal einen Meter lang. 

„Ich möchte sagen, es waren vielleicht fünfzehn Paare jetzt aus meiner Erinnerung, und alle, auch die Väter, haben sich da nicht versucht zurück zu nehmen. Alle haben geschluchzt, alle waren mit sich beschäftigt, und keiner hat es versucht zu überspielen.“

Den Himmel vor der Welt erreicht 

In den beiden Särgen liegen rund 70 winzige Kinder, jedes an einem separaten Platz, alle unter 1000 Gramm.

Es sind „Sternenkinder“. So werden fehlgeborene und stillgeborene Kinder genannt. Kinder, die nicht leben konnten, die bildlich gesprochen den Himmel schon erreicht haben, noch bevor sie das Licht der Welt erblicken durften.

Einfühlsam gehen die beiden Seelsorgerinnen auf die Eltern ein bei dieser Trauerfeier, mit persönlichen Gedanken, Liedern, Texten. Eine Krankenschwester spielt sanft ihre Querflöte. Eine unwirkliche, dichte, sehr emotionale Atmosphäre. Dann erheben sich alle. 

„Und dann sind wir eben zusammen in einer kleinen Prozession zu der Kindergrabstelle gelaufen. Und, diese Kindersärge da zu sehen (schluchzt), das ist schon schlimm...“

Unendliche Freude – unendlicher Schmerz

Auf dem Friedhof, auf einer kleinen Rasenfläche, steht eine Steele für diese viel zu früh gestorbenen Kinder. Es ist eine Grabstelle für alle, ohne Namen, aber mit vielen persönlichen Gegenständen, Teddys, Puppen, Spielzeuge, Windspiele, Kerzen.

Eine gemeinsame Trauerstelle für Eltern, die das gleiche erleben mussten: riesige Vorfreude, Hoffnung, das Leben umgestellt, voller Erwartung auf das neue Familienmitglied, vielleicht schon das Kinderzimmer eingerichtet, einen Namen ausgesucht, Freunde und Familie freudig informiert.

Und dann der Absturz. Der Fall ins Dunkle, in einen Abgrund, für viele ein Abgrund ohne sichtbaren Boden.

Fehlgeburten und Totgeburten

Zehn bis 30 Prozent aller ärztlich festgestellten Schwangerschaften enden mit einer Fehlgeburt. Die meisten Kinder sterben in den ersten drei Monaten. Doch es kann auch noch viel später passieren, bis zum neunten Monat oder während der Geburt. Und nicht immer ist ein Grund klar erkennbar.

Rein technisch heißen Kinder Totgeburten, wenn sie über 500 Gramm wiegen und nach der Entbindung keinen Herzschlag haben, nicht atmen. Fehlgeburten dagegen sind Kinder, die weniger als 500 Gramm wiegen.

Doch was sagt das schon? Für alle Eltern hier auf dem Friedhof ist es einfach ihr Kind, das sie verloren haben. 

„Man hat eben die Möglichkeit, Abschied zu nehmen. Ich glaube, dass das enorm wichtig ist! Jedes Paar hatte die Möglichkeit, selbst auch an die Grube heran zu treten und auch Blumen oder was man mitgebracht hat, dort abzulegen, wir sind dann zurück getreten, also, ich habe noch ein Lied gesungen, ein Lied, dass ich auch meinem älteren Sohn als Schlaflied vorgesungen habe, also eher für meinen Mann und mich.“

„Heulen Sie sich bitte erst mal aus“

Das katholische St. Josef-Krankenhaus in Berlin-Tempelhof ist die größte Geburtsklinik in Deutschland. Rund 150 Kinder werden hier jedes Jahr fehl- oder still-, also tot geboren. In jedem Bundesland ist das Bestattungsrecht etwas anders.

In Berlin müssen Kinder über 1000 Gramm individuell beerdigt werden. Wiegt das Kind weniger, kann es zum Beispiel bei einer Sammelbestattung beerdigt werden, wie im St. Joseph Krankenhaus.

Alle toten Kinder hier werden bestattet, auch wenn die Eltern nicht dabei sein wollen oder können. Jeder Mensch, und sei er auch noch so klein, wird hier von Anfang an geachtet, heißt es im Leitbild des katholischen Krankenhauses. Alle Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sind darauf vorbereitet, Eltern in ihrem Abschiednehmen beizustehen.

Dazu gibt es noch Seelsorgerinnen, die auf Wunsch für die Mütter oder Paare da sind, ganz unabhängig von einer Religionszugehörigkeit. Sabine Friedrich, katholische Theologin mit psychologischer Zusatzausbildung, ist bei Bedarf zur Stelle. 

„Es gibt tränenlose Frauen, sag ich jetzt mal so, es gibt aber auch gänzlich heulende Frauen. Es geht mehr um Gesten, es geht mehr um dieses Da-Sein. Und natürlich auch die Frage: ‚Wie geht es Ihnen jetzt?‘

Ich will der Frau nicht vermitteln: ‚Ich halte Ihre Tränen jetzt hier nicht aus und will Sie jetzt mal schnell trösten.‘

Sondern eigentlich will ich ihr auch signalisieren: ‚Heulen Sie sich bitte erst mal aus. Also, bleiben Sie in Ihren Tränen, ich kann die gerade ertragen. Bei mir müssen Sie gerade nicht zeigen, dass Sie es eigentlich hinkriegen, mich muss man nicht schonen.‘“

Kinder wurden wie Organe weggeworfen

Schon immer mussten Mütter und auch Väter den Verlust eines ungeborenen Kindes bewältigen. Vor dem 19. Jahrhundert wurden Fehl- und Totgeburten oftmals ganz unkompliziert zwischen den Gräbern beigesetzt oder einfach mit ins Familiengrab gelegt.

Mit der Industrialisierung und gerade auch noch einmal nach der Verrohung von Nazizeit und Zweitem Weltkrieg wurde der Umgang rauer. Krankenhäuser entsorgten zumindest die toten Kinder unter 500 Gramm meist einfach als organisches Material, wie amputierte Beine oder entfernte Gallenblasen.

Noch bis Ende der 1990er Jahre war dies sehr verbreitet. Nicht so allerdings in vielen christlichen Krankenhäusern. Hier ging man oft schon früher sensibler und respektvoller mit den verstorbenen Kindern um. Und auch mit den Eltern.

Das eigene Kind ein letztes Mal halten 

Seelsorgerin Sabine Friedrich baut eine Art Schutzraum um die Mutter auf. Es sind erst mal kleine Gesten: Taschentücher reichen, Wasser, vor allem sorgt sie dafür, dass die Mutter, die Paare ungestört sind.

Ein sicherer Raum, in dem die Trauer aufgefangen wird. Erst später gibt sie auch praktische Anregungen. Ein Foto des toten Kindes machen, vielleicht im Kreis der Familie. Oder einen farbigen Fuß- oder Handabdruck von einem Stempelkissen auf Papier, als bleibende Erinnerung. 

Manche Mütter wollen auch einfach nur Zeit allein mit ihrem Kind verbringen, es anschauen, es im Arm halten.

Umgang mit der Trauer ist verschieden

Einige Mütter nehmen den Verlust eines Kindes hin, als biologisch gesehen natürlichen Teil des Kinderbekommens. Andere versuchen, einfach möglichst schnell zum Alltag überzugehen. Sie wollen sich nicht der Trauer widmen. Und wieder andere sind dankbar, wenn ihnen eine Seelsorgerin zur Seite steht.

Denn durch die heute schon sehr früh verlässlichen Schwangerschaftstests und die präzisen Ultraschallaufnahmen, bauen Eltern oft schon nach sehr kurzer Zeit eine Beziehung zum Kind auf.

Früher, ohne Technik, wussten Frauen oft erst nach Monaten genau, dass sie schwanger waren. Oder hatten ein Kind verloren, ohne dass sie es überhaupt mitbekamen.

Die Angst, versagt zu haben 

Häufig bestehen die Mütter darauf, dass Sabine Friedrich ihr totes Kind sieht, es ansieht. Der Blick eines anderen Menschen auf das Kind, ohne medizinische Brille.

„Und da dabeibleiben, Zeugin auch sein, das halte ich auch für einen ganz wichtigen Aspekt, ich lerne diese Kinder kennen, ich sehe diese Kinder, ich halte es mit aus, ich höre mir von den Müttern immer wieder an, wenn sie es möchten, dass sie davon erzählen, wie es passiert ist, was passiert ist, wie dieses Kind aussieht.“

Viele Mütter haben das Gefühl, versagt zu haben.

„Alle können es, warum ich nicht?“

Das liegt wohl auch am heute oft so tiefen Glauben an die Möglichkeiten der Medizin, an die grenzenlose Machbarkeit. Doch trotz aller medizinischen Fortschritte: Jedes Kind bleibt offenbar einfach auch ein Wunder, wie schon zu allen Zeiten. Und auch früher haben Mütter gelitten, wenn sie ein Kind verloren hatten.

„Ich verstehe meine Aufgabe gerade in dieser akuten Krankenhaussituation, in der ich ja als Krankenhausseelsorgerin arbeite, immer, dass ich so ein erster Trittstein sein kann. Also, da tut sich so ein Abgrund auf, da tut sich sozusagen so schäumendes Wasser auf. Und da sieht man nicht mehr die Steine, auf die man treten kann. Und ich hoffe, dass es dann da weitergeht zu den nächsten Schritten. Dass da irgendwo dann die nächste Trittstufe auftaucht. Und es irgendwann eine Brücke wird.“

Seelsorge in „professioneller Nähe“

Die erste Trittstufe – das kann ein aktives Abschiednehmen sein: Das Kind im Arm halten, ihm etwas Warmes anziehen oder es in ein weiches Tuch wickeln. Andere Eltern graben die Plazenta in die Erde ein und pflanzen einen Baum darauf.

Und auch in Berlin möchten manche Eltern ihre Sternen-Kinder von Sabine Friedrich segnen lassen. Eine Kerze in der Kapelle anzünden. Oder zusammen ein Gebet sprechen, manchmal auch über Gott reden.

Die Seelsorgerin sieht sich nicht in „professioneller Distanz“, sondern in „professioneller Nähe“, wie sie sagt. Viele der Kinder und Eltern nimmt sie abends mit in ihr persönliches Gebet. Legt sie bewusst in Gottes Hände. Manchmal, bei besonders schlimmen Schicksalen, klagt sie Gott auch einfach an.

„Das ist hier nicht mehr gerecht, das ist hier nichts mehr an Gnädigkeit, Gerechtigkeit, sondern das ist einfach gerade nur noch…. es schreit zum Himmel! Also, das ist mir selber sehr, sehr wichtig, da nicht vorschnell trotzdem vom barmherzigen Gott zu reden, sondern ich erfahre immer mehr, dass Gott halt wirklich alles ist. Es wäre zu einseitig, mich immer nur an den guten Gott zu wenden. Und in seiner Ganzheit ist Gott einfach alles.“

„Lebendiger Gott, wir bitten dich um deinen Segen für alle, die um diese Kinder trauern. Mögen sie inmitten der Traurigkeit immer auch Spuren der Hoffnung finden. Mögen sie an Leib und Seele Heilung erfahren. Mögen sie sich auch an schweren Tagen getragen fühlen und wieder festen Boden unter den Füßen spüren.“

Weiterleben – mit der Trauer

Oktober 2019: Dorothea Schäfer kann es kaum fassen: Fast auf den Tag genau ein Jahr nach der Beerdigung bringt sie ein gesundes Mädchen auf die Welt, mit 42. Ihr kommt es vor, als würde das tote Baby, das nicht stark genug, nicht gesund genug war für diese Welt, ein Stück weiterleben in ihrer Tochter.

Für Dorothea Schäfer ist klar: Ihr Sternenkind bleibt Teil ihrer Familie, der lebenden wie auch der schon verstorbenen Familie.

„Bis heute denke ich an diesen Tag, bis heute denke ich an den voraussichtlichen Geburtstermin und zünde Kerzen an, wenn ich privat in irgendeiner Kirche bin, weil ich sie besichtige oder so, dann zünden wir Kerzen an und denken an das Kind. Ich bin fest davon überzeugt, dass es irgendwo ist, also ich gehe davon aus, dass meine Schwiegereltern und meine Großmutter ein Auge auf das Baby haben.“

Den tiefen Schmerz hat Dorothea Schäfer nicht vergessen, vielleicht wird er sie für immer begleiten. Aber er erstickt nicht ihre Lebensfreude. Ihre Trauer über den Verlust hat den nötigen Raum bekommen.

Wiedersehen bei Gott

Ärztinnen und Ärzte, Pflegerinnen, die Seelsorgerin und auch Freundinnen haben ihr zur Seite gestanden. Die Trauerfeier hat für sie und ihren Mann alles noch einmal in einem Punkt konzentriert.

Und es ist tröstlich für sie zu wissen: Es gibt diese Grabstelle für Sternenkinder, einen Ort, den sie aufsuchen kann, wenn sie es braucht.

All das hat ihr geholfen, der Trauer Raum zu geben und den Verlust zu verarbeiten. Und Dorothea Schäfer ist davon überzeugt: Wenn sie selbst einmal stirbt, dann wird sie ihr Sternenkind wiedersehen. Und in die Arme nehmen können. 

* Name geändert 

Die redaktionelle Verantwortung für die Sendung hat Martin Korden.

Musik:

Britten – Suite No 2, Op 80: Andante Lento


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Dieser Beitrag wurde am 27.06.2021 gesendet.


Über die Autorin Elena Griepentrog

Elena Griepentrog ist Hörfunk-Journalistin/Feature-Autorin und arbeitet für die Kulturwellen diverser ARD-Sender. Ihr Fokus liegt auf den Bereichen Zeitgeschehen/Gesellschaft, Religionen und Psychologie. Außerdem arbeitet sie in Berlin als Buisiness- und Entwicklungscoach mit dem Schwerpunkt: "Die eigene Berufung. Und was uns davon abhalten kann, sie zu leben".

Kontakt

www.elena-griepentrog.de

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