Wort zum Tage, 26.06.2021

Martin Wolf, Mainz

Dabeisein ist alles

Dabeisein ist alles. Ein Spruch, den ich manchmal aus der Sportwelt höre, wenn es beim Wettkampf wieder mal nicht fürs Treppchen gereicht hat.

Was für ein Blödsinn, denke ich dann oft. Wer antritt beim Rennen, der will doch gewinnen, oder wenigstens ganz vorne mit durchs Ziel gehen. Im Idealfall natürlich auch mit auf dem Treppchen stehen. Wofür sonst quält man sich als Sportler oft jahrelang?

Ein Kollege von mir ist begeisterter Radfahrer. Für ihn ersetzt sein Fahrrad in Beruf und Alltag auf vielen Strecken nicht nur das Auto. Er fährt mit seinem Rad auch Rennen.

Vor ein paar Jahren hat er an einem ultralangen Radrennen quer durch Europa teilgenommen, von dem er mir ausführlich erzählt hat. Von Belgien bis hinunter nach Griechenland ging es. Mehrere tausend Kilometer im Sattel.

Da gibt es dann keinen Begleittross wie bei den großen Profirennen. Die Fahrerinnen und Fahrer müssen alles selbst organisieren. Schlafen, Essen, Trinken, die Wartung ihres Rades. Selbst die Route ist nur grob vorgegeben. Leistungssport also mit ein bisschen Abenteuer.

Mein Kollege hat für die fast 4000 Kilometer damals ganze elf Tage gebraucht. Gewonnen hat er das Rennen zwar nicht, ist aber als Zehnter ins Ziel gekommen, unter rund 250 Fahrern.

Ihm habe das völlig gereicht, hat er mir gesagt. Auf dem Treppchen stehen müsse er nicht unbedingt. Zehnter zu sein, das reiche, um auf sich aufmerksam zu machen.

Denn mit seinem Sport verbindet mein Kollege noch ein weiteres Anliegen. Er möchte dadurch aufmerksam machen auf Projekte, die ihm am Herzen liegen und für die er auf seinem Radtrikot wirbt.

Die kirchliche Aktion Renovabis etwa, die sich für Menschen in Osteuropa einsetzt. Oder das Hilfswerk Misereor, das Menschen in den armen Regionen der Welt unterstützt.

Aber auf dem Trikot finden sich auch die Logos kleinerer Initiativen, die sich für einen grundlegend anderen Lebensstil engagieren. Einen, der helfen kann die Schöpfung zu bewahren.

Und indem er dafür wirbt, bringt er passionierte Radsportfans mit den ökologischen und sozialen Projekten zusammen, für die er selber brennt und sich engagiert.

Mich hat das ziemlich beeindruckt. Nicht nur, weil ich eine solche Höllentour quer durch Europa wohl nie geschafft hätte.

Sondern auch, weil es ihm tatsächlich nicht ums Gewinnen geht. Sondern darum, Menschen mit wichtigen Themen in Kontakt zu bringen, über die sie so vielleicht noch nie nachgedacht haben. Ohne moralisierende Attitüde oder erhobenen Zeigefinger, sondern mit Sport und Lebensfreude. In diesem Sinne ist Dabeisein wirklich alles.


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Dieser Beitrag wurde am 26.06.2021 gesendet.


Über den Autor Martin Wolf

Martin Wolf wurde 1962 in Schwerte geboren. Er studierte Katholische Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Seit 1990 ist er beim Bistum Speyer beschäftigt. Von 1993 bis 2004 war er als Pastoralreferent in verschiedenen Pfarreien des Bistums Speyer tätig. 2004 wurde er Leiter der Katholischen Hochschulgemeinde in Kaiserslautern. Als Autor ist er in der Katholischen Rundfunkarbeit bereits seit 2002 engagiert. Von 2010 bis 2017 war er auch Beauftragter des Bistums Speyer beim Südwestrundfunk (SWR) und Saarländischen Rundfunk (SR). Seit Juni 2017 ist Martin Wolf Landessenderbeauftragter der Katholischen Kirche beim SWR in Mainz. Wolf ist verheiratet und hat gemeinsam mit seiner Frau zwei Töchter.

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