Wort zum Tage, 25.06.2021

Martin Wolf, Mainz

Teil einer Einheit

Wer die Comics des Zeichners ©TOM aus der Zeitung kennt, der kennt auch die etwas skurrile Frau im geblümten Kleid, die im Wald die Bäume umarmt und mit ihnen spricht. Sie ist eine seiner Comicfiguren.

Wer so seltsame Beziehungen zur Natur pflegt, der gilt schnell als verschrobener Sonderling oder taugt eben zur Comicfigur, über die man lachen kann. Darum könnte es gut sein, dass auch Giovanni Bernardone – würde er heute leben – in diese Kategorie fiele.

Besser bekannt ist er als der Heilige Franz von Assisi. Gestorben 1226 mit gerade mal 44 Jahren. Mit den Tieren, so heißt es, soll er gesprochen haben.

Im Jahr vor seinem Tod hat er einen großen Lobpreis auf die Schöpfung verfasst, der aus heutiger Sicht auch verschroben klingen mag, für mich aber zu den großen Texten der spirituellen Literatur gehört. Den sogenannten Sonnengesang. Das Besondere daran ist, dass der Heilige Franz alle Elemente der Schöpfung als seine Geschwister begreift und sich selbst als Mitglied dieser riesigen Familie.

Zutiefst verbunden nicht nur mit Pflanzen und Tieren, sondern mit allem, was ihn umgibt. Mit Wolken, Wind oder Wasser. Alles ist für ihn Bruder oder Schwester.

Als Franz den Sonnengesang schrieb, lag er schwerkrank darnieder, war fast komplett erblindet und dennoch atmen die Worte eine tiefe Gelassenheit. Der Verfasser fühlt sich im Einklang mit Gott und allem, was dieser geschaffen hat.

Vielleicht ist es gerade diese tiefe innere Verbundenheit mit allem, was uns umgibt, die heute manchmal fehlt. Wenn wir heute über Umwelt-, Klima- oder Artenschutzfragen sprechen, dann kommt es mir manchmal so vor, als ob das etwas Äußeres wäre.

Etwas, dem wir Menschen quasi wie einem großen Werkstück gegenüberstehen, an dem wir dann nach allen Regeln der Wissenschaft herumarbeiten können. Klar, die komplexen Zusammenhänge etwa beim Klima oder dem Artensterben akribisch nüchtern zu erforschen, das ist eminent wichtig.

Doch schön wäre es, wenn es nicht nur dabei bliebe. Der Sonnengesang nimmt eine ganz andere Perspektive ein. In ihm stehe ich der übrigen Schöpfung nicht mehr gegenüber, sondern ich bin mittendrin, ein Teil von ihr.

Ich bin quasi Mitglied einer großen, gedachten Schöpfungsfamilie und so gehe ich auch mit ihr um. Wie mit Brüdern und Schwestern eben.

Unser Umgang mit der Erde und ihren Geschöpfen war vor der Corona-Pandemie das beherrschende Thema des Jahres, dann kam die Pandemie. Das Thema wird zurückkommen.

Und dann fände ich es großartig, wenn wir uns neben aller technisch-wissenschaftlichen Betrachtung auch diese andere Sicht bewahren könnten. Teil jener großen Einheit zu sein, die die Religionen Schöpfung nennen.


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Dieser Beitrag wurde am 25.06.2021 gesendet.


Über den Autor Martin Wolf

Martin Wolf wurde 1962 in Schwerte geboren. Er studierte Katholische Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Seit 1990 ist er beim Bistum Speyer beschäftigt. Von 1993 bis 2004 war er als Pastoralreferent in verschiedenen Pfarreien des Bistums Speyer tätig. 2004 wurde er Leiter der Katholischen Hochschulgemeinde in Kaiserslautern. Als Autor ist er in der Katholischen Rundfunkarbeit bereits seit 2002 engagiert. Von 2010 bis 2017 war er auch Beauftragter des Bistums Speyer beim Südwestrundfunk (SWR) und Saarländischen Rundfunk (SR). Seit Juni 2017 ist Martin Wolf Landessenderbeauftragter der Katholischen Kirche beim SWR in Mainz. Wolf ist verheiratet und hat gemeinsam mit seiner Frau zwei Töchter.

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