Wort zum Tage, 24.06.2021

Martin Wolf, Mainz

Geben

„Ich habe Hunger.“

Das dreckige Pappschild liegt vor dem Mann, der da auf dem Bürgersteig vor einer Hauswand sitzt. In seine schmuddelige Decke hat er sich dick eingemummelt. In Mainz, wo ich arbeite, ist es an diesem Tag ziemlich kalt. Wie oft am Morgen bin ich in Eile, muss ins Büro.

Ein Termin steht an und vorher will ich noch schnell ein paar Dinge erledigen. Aus den Augenwinkeln schaue ich nur kurz auf das Schild, dann auf den Mann – und haste vorbei.

Später im Büro geht mir diese Szene allerdings nicht aus dem Kopf. Das Bild eines heruntergekommenen Menschen nicht, der um etwas Geld für Essen bittet, und meine geschäftige Eile auch nicht. Und irgendwie kommt sie mir nun falsch vor.

„Ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen.“

So heißt ein Satz in der Bibel. Jesus hat das gesagt. Er hat ihn auf sich bezogen. In jedem hilfsbedürftigen Menschen, der dir begegnet, soll das heißen, kannst du einen Hinweis auf Christus entdecken.

Zugegeben, das war schon damals und ist auch heute noch eine Herausforderung. Denn da fällt mir nicht nur der Bettler mit seinem Pappschild ein.

Dazu gehört auch die junge Frau aus Südosteuropa, die ihr Kind auf dem Arm hat und den Passanten in der Fußgängerzone die offene Hand hinstreckt. Dazu gehört der alte, dunkelhäutige Mann, der mit seinem auffallend goldenen Hut an der Bushaltestelle sitzt.

Ein zweiter Hut liegt vor ihm, für etwas Kleingeld. Wer mit offenen Augen durch eine deutsche Großstadt läuft begegnet Menschen wie ihnen an jeder Ecke. Und dann fallen mir natürlich auch alle Argumente ein, die gegen das ständige Geben sprechen.

Sie mögen alle irgendwie stimmen, aber dennoch gibt es ja diese Not in einem wohlhabenden Land. Und es gibt diese Menschen auch in meiner Stadt, die offensichtlich durch alle sozialen Raster rutschen.

Die junge Journalistin Valerie Schönian, die aus Ostdeutschland stammt und selbst nicht christlich ist, lebt und arbeitet in Berlin. Sie hat einmal beschrieben, wie sie für sich beschlossen hat, jedem Bettler etwas zu geben, der ihr begegnet.

Und davon gibt es in der Hauptstadt ziemlich viele. Das mache sie nicht arm, schreibt sie. Warum sie sich dazu entschlossen hat beschreibt sie kurz und knapp so:

„Da bittet ein Mensch um Hilfe. Und deswegen hilft man ihm. Das sollte ein Dogma sein. … Man muss nur sein Portemonnaie zücken.“

(Die Zeit 03/2019, S. 52)

Ein Satz, der unmissverständlich klar macht, warum sich meine Eile im Angesicht der Not so falsch angefühlt hat.  


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑


Beitrag anhören


Dieser Beitrag wurde am 24.06.2021 gesendet.


Über den Autor Martin Wolf

Martin Wolf wurde 1962 in Schwerte geboren. Er studierte Katholische Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Seit 1990 ist er beim Bistum Speyer beschäftigt. Von 1993 bis 2004 war er als Pastoralreferent in verschiedenen Pfarreien des Bistums Speyer tätig. 2004 wurde er Leiter der Katholischen Hochschulgemeinde in Kaiserslautern. Als Autor ist er in der Katholischen Rundfunkarbeit bereits seit 2002 engagiert. Von 2010 bis 2017 war er auch Beauftragter des Bistums Speyer beim Südwestrundfunk (SWR) und Saarländischen Rundfunk (SR). Seit Juni 2017 ist Martin Wolf Landessenderbeauftragter der Katholischen Kirche beim SWR in Mainz. Wolf ist verheiratet und hat gemeinsam mit seiner Frau zwei Töchter.

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche