Wort zum Tage, 23.06.2021

Martin Wolf, Mainz

Ein Gefühl von Heimat

In der Kleinstadt, in der ich meine Kindheit und Jugend verbracht habe, bin ich schon seit vielen Jahren nicht mehr gewesen. Seit meine Eltern nicht mehr leben gibt es keinen Grund mehr, dorthin zu fahren.

Und dennoch denke ich ab und zu daran zurück. Einfach deshalb, weil sich damit bis heute unzählige Erinnerungen verbinden. Und im Rückblick über die Jahrzehnte sind es am Ende vor allem die schönen und wärmenden, die sich im Gedächtnis eingebrannt haben.

Erinnerungen an meine Eltern, die dort die längste Zeit ihres Lebens verbracht haben. An die Wege, die ich wohl tausende Male morgens zur Schule gegangen bin. Auf denen ich mich noch heute an fast jedes Haus erinnern kann. An manche Plätze, an denen ich mich getroffen habe mit Freunden und Freundinnen.

Mit Menschen also, die mir als junger Mensch wichtige Begleiter gewesen sind und von denen ich die meisten inzwischen aus den Augen verloren habe. Wenn ich heute Fotos dieser Kleinstadt sehe, dann ist er gleich da, dieser „Weißt-du-noch-Moment“. Dieses „weißt du noch, damals …“, verbunden mit einem fernen Gefühl von Heimat.

Und doch:

„Geh fort aus deinem Land, von deiner Verwandtschaft und aus deinem Elternhaus in das Land, das ich dir zeigen werde!“,

heißt es im ersten Buch der Bibel (Gen 12,1). Abraham, so etwas wie der Urahn von Juden, Christen und Muslimen, bekommt diesen Auftrag von Gott. Gott selbst also, so verstehe ich den Verfasser dieser Zeilen, fordert auf zu Aufbruch und Neubeginn, zum Zurücklassen des Vertrauten und Gewohnten.

In der biblischen Erzählung schließt sich daran tatsächlich eine lange Wanderung an. Von Mesopotamien im Süden der heutigen Türkei durch Syrien bis nach Kanaan im heutigen Israel. Für mich sind diese uralten Geschichten aber nicht nur die Erinnerung an ferne geschichtliche Ereignisse. An die Völkerwanderungen der Antike etwa, die es tatsächlich gegeben hat.

Durch die biblischen Geschichten schimmert auch die tiefe Lebenserfahrung unzähliger Generationen. Und das Weggehen, Vertrautes und Gewohntes, das mir einmal Heimat gewesen ist, zu verlassen, gehört zum Leben unbedingt dazu. Denn ohne diesen Schritt ist es kaum möglich zu wachsen und zu reifen. Das kann ein Weggehen im räumlichen Sinne sein, muss es aber nicht.

Geh fort aus deinem Land und deinem Elternhaus, das kann auch heißen, das Leben die eigene Hand zu nehmen. Sich zu emanzipieren von Verwandtschaft und Elternhaus und im übertragenen Sinn neues Land zu besiedeln.

Irgendwann werde ich wieder in den Ort meiner Jugend fahren, da bin ich mir sicher. Und dann wird es wie ein Treffen zweier alter Bekannter sein, die sich lange nicht gesehen haben.

Ich werde feststellen, dass wir uns beide spürbar verändert haben. Aber die alte Vertrautheit wird dennoch da sein und ein fernes Gefühl von Heimat.


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Dieser Beitrag wurde am 23.06.2021 gesendet.


Über den Autor Martin Wolf

Martin Wolf wurde 1962 in Schwerte geboren. Er studierte Katholische Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Seit 1990 ist er beim Bistum Speyer beschäftigt. Von 1993 bis 2004 war er als Pastoralreferent in verschiedenen Pfarreien des Bistums Speyer tätig. 2004 wurde er Leiter der Katholischen Hochschulgemeinde in Kaiserslautern. Als Autor ist er in der Katholischen Rundfunkarbeit bereits seit 2002 engagiert. Von 2010 bis 2017 war er auch Beauftragter des Bistums Speyer beim Südwestrundfunk (SWR) und Saarländischen Rundfunk (SR). Seit Juni 2017 ist Martin Wolf Landessenderbeauftragter der Katholischen Kirche beim SWR in Mainz. Wolf ist verheiratet und hat gemeinsam mit seiner Frau zwei Töchter.

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