Wort zum Tage, 22.06.2021

Martin Wolf, Mainz

Ort zum Trauern

In der Mainzer Innenstadt inmitten einer kleinen Grünfläche liegen auf dem Boden zwei Halbkreise aus Beton. Wie zwei Arme, die jeden umschließen, der sich in die Mitte zwischen sie stellt. Es soll ein universaler Trauerort für Menschen sein, die sonst keinen Platz zum Trauern haben.

Bewusst offen gestaltet für Menschen aller Nationalitäten und aller Religionen, und auch für jene, die keine Religion haben. Ein paar Bänke gruppieren sich um die beiden Betonarme.

Man kann sich hinsetzen und still verweilen und obwohl in der Innenstadt gelegen ist es recht ruhig hier. Etwas abgeschieden vom Treiben in der Fußgängerzone.

Sicher, traurig sein, an meine Liebsten denken kann ich überall. Aber wenn ich hin und wieder am letzten Wohnort meiner Eltern bin, dann zieht es mich trotzdem an den Platz, wo sie begraben sind. Weil ich mich ihnen dort nicht nur in Gedanken, sondern auch physisch nahe fühlen kann.

Es ist ein Grund, warum Menschen Friedhöfe besuchen, an die Gräber ihrer Angehörigen gehen. Weil ein Friedhof eben kein finsterer Ort ist, sondern für viele genau das Gegenteil. Ein Ort der Nähe, der Erinnerung und des Trostes. Doch einen solchen Ort hat nicht jeder.

Wer aus seinem Land fliehen musste und nicht mehr wieder dorthin zurückgehen kann, weil Leib und Leben bedroht sind, der hat ja oft auch seine Liebsten dort zurückgelassen.

Auch jene, die schon gestorben sind. Es gibt keinen Friedhof, kein Grab, gar nichts. Im besten Fall ein Foto auf dem Handy, das sich dieser Mensch noch anschauen kann.

Eine Mitarbeiterin der Caritas, die sich damals für diesen Trauerort eingesetzt hat, hat mir die Geschichte einer jungen Frau aus Afghanistan erzählt, die in ihrer Beratung war.

Mit drei kleinen Kindern ist diese Frau aus ihrer Heimat geflohen. In einem überfüllten Flüchtlingsboot haben sie sich schließlich auf die lebensgefährliche Fahrt übers Mittelmeer gemacht.

Als in der Nacht dann ein Sturm aufgezogen ist und das Boot in schwere See kam, gelang es ihr nur mit Mühe, ihre Kinder festzuhalten. Bei der jüngsten Tochter ist das nicht mehr geglückt. Das Kind fiel in dieser Nacht aus dem schlingernden Boot ins Meer. Die junge Frau hat es nie wiedergesehen.

Das Trauma jener Nacht hat sie nicht überwunden und einen Ort für Ihre Trauer gibt es auch nicht. Die Mitarbeiterin hat mit ihr dann dort gesessen, mit ihr gemeinsam den Verlust betrauert.

Ein solcher Ort ersetzt keinen Friedhof. Keinen Platz, an dem ich mich meinen Lieben auch physisch nahe fühlen kann. Aber er kann eine Schicksalsgemeinschaft schaffen, über alle Grenzen hinweg.


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Dieser Beitrag wurde am 22.06.2021 gesendet.


Über den Autor Martin Wolf

Martin Wolf wurde 1962 in Schwerte geboren. Er studierte Katholische Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Seit 1990 ist er beim Bistum Speyer beschäftigt. Von 1993 bis 2004 war er als Pastoralreferent in verschiedenen Pfarreien des Bistums Speyer tätig. 2004 wurde er Leiter der Katholischen Hochschulgemeinde in Kaiserslautern. Als Autor ist er in der Katholischen Rundfunkarbeit bereits seit 2002 engagiert. Von 2010 bis 2017 war er auch Beauftragter des Bistums Speyer beim Südwestrundfunk (SWR) und Saarländischen Rundfunk (SR). Seit Juni 2017 ist Martin Wolf Landessenderbeauftragter der Katholischen Kirche beim SWR in Mainz. Wolf ist verheiratet und hat gemeinsam mit seiner Frau zwei Töchter.

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