Wort zum Tage, 21.06.2021

Martin Wolf, Mainz

Mein Lebensrest

Ein alter Hit von Udo Jürgens ist mir vor einiger Zeit zufällig wieder begegnet. Ich hatte ihn schon längst vergessen. Bei einer Autofahrt lief er plötzlich im Radio:

„Heute beginnt der Rest deines Lebens.“

Als ich den Titel gehört habe, habe ich mich ertappt gefühlt, denn die Liedzeile hat tatsächlich einen sensiblen Punkt getroffen. Schließlich ist die Jugend bei mir nun auch schon eine ganze Weile her und der Rest des Lebens wird zu einer zunehmend überschaubaren Größe.

Als der Song 1995 erschienen ist, da war ich Anfang dreißig und der Rest meines Lebens gefühlt noch unfassbar groß. Begleitet von der beruhigenden Vorstellung, dass ich statistisch gesehen ja noch ein halbes Jahrhundert vor mir habe. Jahrzehnte also, in denen noch so vieles möglich erscheint.

Heute, viele Jahre und manche Lebenserfahrung später, klingt die alte Textzeile schon ganz anders. Der Rest meines Lebens ist mittlerweile jedenfalls deutlich kleiner geworden, so viel steht fest.

Dabei bleibt ja dieser Rest meines Lebens, von dem das Lied singt, genau genommen ein großes Fragezeichen. Im schlechtesten Fall könnten das nur noch wenige Tage oder Wochen sein, aber ebenso vielleicht auch noch Jahrzehnte.

Es könnte sein, dass ich bis ins hohe Alter noch agil und geistig fit sein darf, vielleicht aber auch in wenigen Jahren schon hilfebedürftig und dement bin. Sicher, ich kann selber einiges dafür tun, gesund zu bleiben.

Doch alles eigene Bemühen bleibt letztlich immer nur die halbe Wahrheit. Weil ich mein Leben halt immer nur zum Teil in der Hand habe.

Die andere Hälfte ist – ja was eigentlich? Irgendein verborgenes Schicksal vielleicht, eine ominöse Vorsehung? Ich glaube auch nicht, dass Gott einen verborgenen Masterplan für mein Leben hat. So, als ob alles, was mir je im Leben widerfährt, schon längst ausgemachte Sache wäre.

Als Christ hoffe ich aber fest darauf, dass Gott trotzdem da ist, ganz nah, was immer auch kommen mag. Ein altes irisches Segensgebet, das ich einmal gefunden und mir aufgeschrieben habe, spricht diese Hoffnung so aus:

„Der Herr sei vor dir, um dir den rechten Weg zu zeigen.
Der Herr sei neben dir, um dich in die Arme zu schließen und dich zu schützen.
Der Herr sei unter dir, um dich aufzufangen, wenn du fällst.
Der Herr sei in dir, um dich zu trösten, wenn du traurig bist.
Der Herr sei um dich herum, um dich zu verteidigen, wenn andere über dich herfallen.
Der Herr sei über dir, um dich zu segnen.“

Das jedenfalls wünsche ich mir für den Rest meines Lebens, wie auch immer er aussehen mag.


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑


Beitrag anhören


Dieser Beitrag wurde am 21.06.2021 gesendet.


Über den Autor Martin Wolf

Martin Wolf wurde 1962 in Schwerte geboren. Er studierte Katholische Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Seit 1990 ist er beim Bistum Speyer beschäftigt. Von 1993 bis 2004 war er als Pastoralreferent in verschiedenen Pfarreien des Bistums Speyer tätig. 2004 wurde er Leiter der Katholischen Hochschulgemeinde in Kaiserslautern. Als Autor ist er in der Katholischen Rundfunkarbeit bereits seit 2002 engagiert. Von 2010 bis 2017 war er auch Beauftragter des Bistums Speyer beim Südwestrundfunk (SWR) und Saarländischen Rundfunk (SR). Seit Juni 2017 ist Martin Wolf Landessenderbeauftragter der Katholischen Kirche beim SWR in Mainz. Wolf ist verheiratet und hat gemeinsam mit seiner Frau zwei Töchter.

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche