Gottesdienst am 12. Sonntag im Jahreskreis

aus der Pfarrkirche St. Marien in Gernsbach

Predigt von Dekan Josef Rösch

Liebe Hörerinnen und Hörer, liebe Gemeinde,

vor ein paar Jahren hat mich ein Mann angerufen. Ich weiß es noch ziemlich genau: Er war unheilbar krank und ich sollte ihm die Krankensalbung spenden. Wir haben einen Termin vereinbart und er hat einen Wunsch geäußert:

„Ich möchte gern, dass Sie bei Ihrem Besuch die Bibelstelle von der Stillung des Seesturms vorlesen. Die passt doch, oder?“

Ich hatte diesen Text noch nie bei einer Krankensalbung eingesetzt und zögerte etwas mit der Antwort. –

„Wissen Sie“,

fügte er hinzu,

„mir geht es wie den Jüngern damals in ihrem kleinen Fischerboot. Ich bin zwar ein gläubiger Mensch, aber jetzt werde ich gewaltig durchgeschüttelt und habe Angst.“

– wie die Jünger im Boot.

Etliche von ihnen sind Fischer bevor sie Jesus folgen. Sturm und Wellen auf dem See von Genezareth sind ihnen nicht fremd. Vermutlich wurden sie häufiger hin- und hergerissen zwischen der Angst, im Sturm unterzugehen, und dem Vertrauen darauf, dass Gott sie sicher ans rettende Ufer bringt.

Auch später auf ihren Missionsreisen steht ihnen das Wasser immer wieder bis zum Hals. Bei allen Erfolgen bläst ihnen oft auch ein rauer Wind ins Gesicht. Ablehnung und Hass schlagen ihnen entgegen. – Wie kommen sie damit zurecht? –

Ich erkläre es mir so: Bei seiner letzten Erscheinung hat der Auferstandene ihnen zugesagt:

“Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt.“

Darauf vertrauen sie. Und sie spüren: Er ist wirklich bei uns. Er verlässt uns nicht.

Diese Erfahrungen kleiden die Jünger in die alt vertrauten Bilder vom Fischen. Sie bringen ihr Gottvertrauen im Bild zum Ausdruck: Jesus ist mit uns im Boot. Er lässt uns nicht untergehen.

Der auferstandene Herr ist auch mit uns im Boot. Mir selber ist das Bild vom Boot weniger vertraut. Ich habe die Berge des Schwarzwalds vor der Haustür und denke daher eher an die Hilfe von oben. In Psalm 121 heißt es:

„Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen: / Woher kommt mir Hilfe? / Meine Hilfe kommt vom Herrn, / der Himmel und Erde gemacht hat.“

„Meine Hilfe kommt vom Herrn.“

– Immer wieder erzählen mir Menschen: Wenn ich meinen Glauben nicht gehabt hätte, wäre ich nicht mehr am Leben. Ich habe mich an Jesus festgehalten, – nur so habe ich meine Krise überstanden. – Hatten diese Menschen einfach nur Glück? Ich glaube nicht, dass der gute Ausgang immer nur Zufall ist. Im Gegenteil: Ich bin überzeugt: Oft lenkt da ein Größerer – Gott.

Allerdings gibt es da noch ein Problem: Jesus mag mit im Boot sein und meine Hilfe mag letztendlich vom Herrn kommen. Aber nicht immer spüre ich das. Der Bibeltext spricht das sehr deutlich an: Jesus liegt auf einem Kissen und schläft. – Er lässt die Dinge laufen! Er scheint die Jünger, er scheint uns im Stich zu lassen. Wir rudern wie wild und kämpfen ums Überleben und spüren nichts von seiner Macht. 

Da frage ich mich dann schon: Stimmt das, was er gesagt hat? Ist er wirklich alle Tage bei mir? Oder habe ich von ihm vielleicht doch keine Hilfe zu erwarten? Hält er sich generell heraus aus all dem, was mit uns Menschen geschieht? Bin ich ihm vielleicht sogar gleichgültig?

Das Evangelium endet mit der Rettung der Jünger. Sie erleben: Jesus greift doch ein. Und er ist stärker als die lebensbedrohlichen Kräfte. Er hat Macht über alle Gewalten, die Leib und Seele in den Abgrund reißen wollen.

Ich bin gewiss: Er lässt auch uns nicht im Stich, Sie nicht und mich nicht. Doch es kann dauern, bis er den Zeitpunkt für sein Eingreifen gekommen sieht. Warten müssen auf seine Hilfe gehört offensichtlich zu den Herausforderungen unseres Glaubenswegs dazu.

Unser Glaube bewährt sich, wenn wir uns in Krisen den aufkommenden Fragen stellen und die bohrenden Zweifel aushalten. Manchmal erkenne ich vielleicht im Nachhinein, wann er mir wo und wie geholfen hat.

Ich weiß, das ist leicht gesagt. Einem leidgeprüften Menschen gegenüber kann ich diese Überzeugung nicht unvermittelt vortragen. Da sehe ich es oft als hilfreicher an, seine Ohnmacht mit ihm zusammen auszuhalten.

Oder, wenn es passt, mit ihm zu beten und seine Not klagend und fragend vor Gott zu bringen: Woher kommt mir Hilfe?

Der Mann, der mich seinerzeit gebeten hat, die Erzählung vom Seesturm zu lesen, hat keine wunderbare Heilung erwartet. Er hatte sich schon darauf eingestellt, bald zu sterben. Hilfe von oben hatte er im Laufe seines Lebens immer wieder erfahren. Jetzt hoffte er, dass Jesus auch auf der letzten Fahrt mit ihm im Boot ist und ihn sicher ans rettende Ufer der kommenden Welt bringt.

Liebe Gemeinde, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, auch wenn die Stürme des Lebens uns mitunter lange Zeit durchschütteln und wir uns von Gott verlassen fühlen: Jesus Christus ist mit uns im Boot. Davon bin ich fest überzeugt. Es kommt der Zeitpunkt, da er aufsteht und Rettung bringt, dann wenn er es für richtig hält.


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Dieser Beitrag wurde am 20.06.2021 gesendet.





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