Am Sonntagmorgen, 13.06.2021

von Andreas Brauns, Schellerten

„Wer loslässt, wird gehalten.“ Zu Besuch bei einem Eremiten

Rückzug, Stille, alleine sein: Der Lebensstil von Eremiten irritiert und fasziniert zugleich viele Menschen. Hinter diesem Modell steckt oft eine tiefe Sehnsucht – etwa nach Ruhe und dem Gefühl „angekommen zu sein“. Ein Besuch bei einem Mann, der sich nach Jahrzehnten des Gemeinschaftslebens zurückgezogen hat.

© Aaron Burden / Unsplash

Es ist ein radikaler Gegenentwurf zu dem, was in unserer Gesellschaft gilt. Und letztlich ist es eine tiefe Sehnsucht, die Frauen und Männern keine Ruhe lässt, wenn sie den Mut haben, aus ihrem sicheren Alltag auszusteigen und ganz für sich allein zu leben – als Eremitin oder Eremit.

Rund 90 gibt es derzeit in Deutschland, die meisten sind Frauen. Diese ungewöhnliche Lebensweise gehört zu den ältesten Formen des gottgeweihten Lebens.

Einige der frühchristlichen Mönche, der so genannten Wüstenväter im 3. Jahrhundert, lebten so zurückgezogen. Auch die ersten Mönche in Europa waren Eremiten. Sie lebten in ihrer eigenen Höhle, um in Stille Gott zu suchen.

Plötzlich Eremit

Ein Leben in einer Einsiedelei, einer Klause, hat auch den Steyler Missionar Pater Norbert Cuypers seit vielen Jahren angezogen. Seit Ende 2020 lebt er in einer Klause im Sauerland.

Doch bis er diesen Schritt gehen konnte, war es ein langes Ringen. Denn da war immer auch der Zweifel: Wie soll das gehen – nach vier Jahrzehnten in einer Gemeinschaft nun plötzlich Eremit werden?

„‚Mensch, du bist doch hier angenommen. Du bist gerne in der Gemeinschaft. Es gäbe eigentlich keinen Grund wegzugehen. Und jetzt lässt du das alles los für eine Sehnsucht, von der du nicht weißt, ob die sich erfüllen wird. Du lässt den Spatz in der Hand los, in der Hoffnung, du kriegst die Taube auf dem Dach. Aber der Spatz ist weg und ob du die Taube kriegst, weißt du gar nicht. Also: Du bist verrückt, Norbert!‘“

Auf der Suche nach Gott

Trotzdem hat den Ordensmann das Abenteuer gereizt, das Abenteuer mit Gott. Eine tiefe Sehnsucht hat ihn gelockt – heraus aus allem, was bisher sein Leben war.

Er wollte nicht vor den Menschen fliehen, mit denen er als Seelsorger tagtäglich zu tun hatte – aber er wollte Gott suchen, nicht in einer Stadt mit ihren großen Kirchen sondern in der Natur, in der Stille.

„Ich hab‘ immer schon die Stille gesucht. Mein ganzes Ordensleben war davon geprägt, immer am Vormittag eine halbe Stunde Stille zu suchen. Und dafür hatte ich in meinem Privatzimmer immer eine Gebetsecke. Einen Rückzugsort, wo man nicht auf die Arbeit des Schreibtisches schielt, sondern wirklich vor der Christusikone sitzt. Manchmal war diese Gebetsecke nur ein Mahnmal: ‚Hör mal, komm mal wieder vorbei!‘ Weil natürlich auch das manchmal hinten runterfällt… Eine Gebetsecke, eine Ecke der Stille.“

Aber diese Ecke im Tag war dem Ordensmann, der aus einer Familie mit sechs Kindern stammt, nicht genug. Da war diese Sehnsucht nach mehr Stille, um so achtsamer zu werden für Gott.

Loslassen und von Gott gehalten werden

Einen ersten Versuch, in die Stille einzutauchen, konnte er bei Mitbrüdern in Belgien wagen. Sechs Wochen hat er sich zurückgezogen und die Stille jeden Tag neu erlebt.

Er musste nichts leisten, durfte einfach da sein und aufmerksam werden für Gottes Spuren, Gottes Nähe, die sich ihm in der Stille zeigte. Auf besondere Weise spürte er hier: Wer loslässt, wird gehalten – von Gott. Diese Erfahrung hat ihn begeistert und nicht mehr losgelassen. 

„Die Stille hat noch einmal eine andere Qualität, die ist dicht, sehr dicht. Und die ist natürlich schwer in der U-Bahn von Berlin zu finden oder auf dem Marktplatz der Großstädte. Ich glaube, es ist wichtig, äußerlich Stille zu suchen, damit innerlich auch die Einheit mit Gott zu finden ist.“

„Die Einsiedelei findet dich“

Das ist für den Steyler Missionar die Quelle des geistlichen Lebens. Um sie zu finden, ist er seinem unruhigen Herzen gefolgt. Mit seinem geistlichen Begleiter hat er immer wieder darüber gesprochen.

„Dann kam 2018 noch mal ganz massiv diese Sehnsucht auf: ‚Ne, eigentlich möchtest du mehr an der Quelle leben.‘ Mein Begleiter sagte: Ja, dazu hast du das Recht! Schau mal, das ist jetzt der dritte Anlauf: Wenn Gott da so oft bei dir anklopft, dann solltest du das auch machen, sonst ist irgendwann die Gelegenheit vorbei. Mach kleine Schritte, mach einfach einmal im Monat Wüstentage. Geh weg aus deiner Gemeinschaft, such‘ dir einen stillen Ort und übernachte da auch.

Das hab ich dann tatsächlich gemacht – in Berlin am Wannsee. Jedes Mal, wenn ich dort ankam, war ich sofort in dieser Stille, wo du die Einheit mit allem spüren konntest.“

Das hat den Ordensmann nicht mehr losgelassen. So wollte er leben. Doch wo? Wie so einen Ort finden? Noch dazu in der Pandemie?

Bei der Suche im Internet hat er sich Videoclips von Einsiedlern und Eremiten angeschaut und schließlich Kontakt aufgenommen zu einer Einsiedlerin. Von ihr hat er dann gehört:

„‚Norbert, Du findest nicht die Einsiedelei, die Einsiedelei findet dich! Lass dich finden!‘ Das klingt sehr komisch, und am Anfang konnte ich damit auch nicht viel anfangen, aber tatsächlich konnte ich es ja nicht machen.“

Gesucht: Eremit

Geduld war gefordert, und auch die Zustimmung der Ordensleitung. Es begann die Recherche und bald war klar: Die Einsiedelei sollte nicht in völliger Einsamkeit liegen, da er alles Notwendige zu Fuß erledigen wollte. Und direkt an einer Kapelle wollte er eigentlich nicht wohnen. Dann wurde im Sauerland eine Stelle ausgeschrieben für einen Eremiten.

„Und da bin ich dann tatsächlich als erstes auch hingefahren und das war sozusagen die Liebe auf den ersten Blick! Ich bin da ausgestiegen, stand auf dieser Waldlichtung und habe gedacht: ‚Ja, das wäre was.‘ Und das hat sich dann bestätigt im Gespräch mit dem zuständigen Pfarrer der Gemeinde, die diese Einsiedelei vermietet.

Dann musste ich mich darauf bewerben. Es gab sieben oder acht Mitbewerber. Das war für mich sehr überraschend, dass es doch so viele Menschen gibt, die so einen Ort suchen. Und, ja: Scheinbar habe ich alles richtig gemacht, und durfte dann im Herbst letzten Jahres umziehen.“         

Die Arbeits-Bet-Balance finden

Und den Sprung riskieren aus dem geregelten Ordensalltag und der Gemeinschaft, die ihn gehen ließ. Als Eremit lebt er in einer Klause mit Küche, Schlaf- und Gebetsraum, ohne ein Fernsehgerät, aber mit Computer. Die Einsiedelei steht bei einer Kapelle, zu der jeden Tag Menschen kommen, um zu beten oder eine Kerze zu entzünden.

„Also ich hatte sehr hohen Respekt, in die Einsiedelei zu ziehen, weil ich ja nicht genau wusste, was mich erwartet, wie das sein wird. Man kann ja so seine Phantasien haben, so: ‚Ich und der liebe Gott.‘

Andererseits war ich schon lang genug auf einem spirituellen Weg, um zu wissen, dass das nicht immer so glatt geht. Und nach 40 Jahren im Gemeinschaftsleben hatte ich da auch schon Respekt davor: selber kochen, selber waschen, dann allein sein am Abend am Waldrand, wo das nächste Haus erst ´n Kilometer weit weg ist.

Und tatsächlich war es aber vom ersten Abend an: ‚So, du bist jetzt angekommen!‘ Und ich hab‘ dann so viel Wohlwollen auch der Menschen in der Umgebung gespürt, die sich gefreut haben, dass ich da bin, dass dieser Ort wieder be-lebt ist, das hat mich so wohlwollend mitgetragen.

Und inzwischen, muss ich sagen, tut es richtig gut, allein zu leben. Und tatsächlich hat jetzt das Gebet auch einen größeren Raum, die Stille einen größeren Raum gefunden. Und das tut mir sehr gut. Also, es ist einfach ‚work and pray-balance‘.“

Zu dritt gemeinsam alleine sein

Den ganzen Vormittag über versinkt der Eremit in der göttlichen Ruhe. Er schweigt und setzt sich Gott aus – in dem kleinen Gebetsraum vor einer Christusikone und dem Licht einer Kerze.

„Ich würd‘ mich gern Hüter der Stille nennen, weil es mir eben darum geht, Stille zu bewahren - innerlich und äußerlich. Ich lebe alleine, bin viele Stunden allein, nie einsam, aber allein. Natürlich bin ich offen für Menschen, die kommen.

Ich bin ja nicht da, um hier einen Selbsterfahrungstrip zu machen: Ich und mein lieber Gott, wir sind jetzt in ´ner spirituellen Kuschelecke. Uns zweien geht es gut und die böse Welt da draußen soll schauen, wie sie zurechtkommt. Sondern: Die Frucht meiner Stille soll und darf auch Menschen zugutekommen, indem ich ihnen auch Zeit schenke. Das ist ja etwas sehr Kostbares: Zeit zu haben für Menschen.“

Damit irritiert der Eremit so manchen, der bei ihm, dem Exoten, klingelt und um ein Gespräch bittet. Manchmal mit einem Glas Marmelade in der Hand. „Ich hab Zeit“, sagt der Ordensmann dann, der sich ein Leben in einer Einsiedelei lange gewünscht hat, aber jetzt nicht in einer Idylle lebt, denn er ist doch nicht so allein.  

„Wir leben hier in der Einsiedelei eigentlich zu dritt: Da bin ich. Da ist der Herrgott, der war schon da, der ist mein Mitbewohner. Und manchmal bellt der innere Schweinehund. Den hätte ich natürlich gerne an dem Ort gelassen, wo ich vorher gelebt hab, aber der bleibt treu, scheinbar gibt es da ´ne unsichtbare Leine. Überall, wo ich bis jetzt in meinem Leben war, ist er mitgekommen.

Ja, und dann muss man ihn als Haustier einfach liebhaben und ihm gewissen Raum geben, aber ihn auch nicht die Hauptrolle spielen lassen.“

Und ihm schon gar nicht folgen, wenn er den Tag einfach mal im Bett verbringen möchte. Doch nicht nur der innere Schweinehund, den wohl jeder bei sich selbst kennt, nutzt die Stille.

Mit Zweifeln umgehen lernen

In der Einsiedelei werden hin und wieder auch Stimmen laut, die einfach nicht zu überhören sind. Die Dämonen oder Abergeister, wie der Ordensmann sie nennt, hinterfragen seinen Rückzug in die Stille.

„‚Ja, ist das hier nicht Zeitverschwendung? Du könntest doch in einer Gemeinde viel mehr tun? Und jetzt sitzt du hier am Waldrand und tust nix.‘ Obwohl Beten ja nicht Nix ist. ‚Gibt es nichts Sinnvolleres?‘ Oder auch so die Stimme: ‚Betest du genug? Betest du richtig?‘ Weil natürlich eine Schweigemeditation was ganz anderes ist als eine liturgische Feier.“

Damit muss sich der Eremit auseinandersetzen. Doch er ist dabei nicht auf sich allein gestellt. An keinem Tag.

„Das spüre ich die ganze Zeit immer und immer wieder, mal mehr, mal weniger, dass ich geführt werde. Das ist ja auch das, was ich in der Stille suche: All-eins-Sein mit allem, was letztendlich auch mit Gott zu tun hat. Das gibt einen unwahrscheinlichen inneren Frieden, wenn ich spüren kann: Er ist da! Und ich bin da.

Also, er ist ja immer da, nur ich bin dann nicht immer da. Er wartet eigentlich sehnsuchtsvoll, dass ich auch komme. Manchmal bin ich dann im Gebetsraum da, aber meine Gedanken gehen spazieren. Und das nicht Werten und Mich-Beurteilen, sondern, wie sagen die Kölner: „Et is, wie et is.“ Das ist die Kraftquelle: Gott und ich zusammen.“

Gestillt und belebt durch die Stille

Diese Quelle spürt er auch, wenn am er frühen Morgen oder am späten Abend durch den Wald geht. Da sind Augenblicke, die ihn dankbar staunen lassen – in einer Welt, die für viele Menschen aus den Fugen geraten ist. Aus seinem stillen Leben mit Gott ist der Steyler Missionar da für die Menschen, die ihn aufsuchen.

„Mich stillt die Stille. Ich bin dann gestillt und dann bin ich auch gut drauf ‚getuned‘, die Sorgen anderer Menschen entgegen zu nehmen, die ich dann auch wiederrum in mein Gebetsleben mit hineinnehme. Und das wissen die Menschen, dass sie hier getragen werden. Da ist jemand, der hört sie an, der nimmt ihre Sorgen entgegen gleichsam und trägt sie dann in die Stille weiter und legt sie vor Gott ab. Und das tut den Menschen gut.

Also sehr oft sagen sie: ‚Oh, das hat jetzt richtig gutgetan, mit Ihnen zu sprechen. Sie haben so eine ruhige Art.‘ Manchmal sagen sogar Leute: ‚Sie strahlen so!‘ Gott strahlt ab! Der ist nicht radioaktiv, aber seine Liebe, die strahlt dauernd. Und wenn man sich in diese Strahlkraft setzt, wenn man einfach mal erstmal nur bei ihm ist, dann strahlt das ab. Und wenn das dann bei mir wieder abstrahlt bei den Menschen, umso besser.“

Pater Norbert Cuypers nimmt dieses Leuchten, das in seinen Augen zu sehen ist, selbst nicht wahr, aber er kann es nicht verstecken. Er spürt tief in seinem Herzen: Die Stille belebt ihn auf eine Weise, von der er als Ordensmann bisher nur geträumt hat.

Er ist als Eremit ganz bei sich und so ganz nah bei Gott. Er hat alles losgelassen, um einer Sehnsucht zu folgen.

„Ich hab‘ bis jetzt keinen einzigen Tag bereut, dass ich hierhergekommen bin.

Gehofft, dass ich getragen werde im Leben, habe ich immer. Als Ordensmann habe ich immerhin mein ganzes Leben auf diese eine Karte ‚Herrgott‘ gesetzt, obwohl ich ihn nie gesehen habe, aber doch immer wieder Zeichen seiner Gegenwart spüren konnte.

Also, das muss er auch tun, sonst bleibe ich ihm nicht treu, ja. Ich brauch‘ seine Liebe, seine Nähe. Ich meine, er hat mich ja auch gelockt, er hat ja gesagt: ‚Komm, hab mal ein längeres Rendezvous mit mir als nur die halbe Stunde am Morgen.‘ Natürlich habe ich sehr darauf gehofft, es hier noch einmal in einer anderen, vielleicht dichteren Form zu erleben. Und da hat er mich nicht enttäuscht.“

Die redaktionelle Verantwortung für die Sendung hat Martin Korden

Musik:

Rebirth - Eric Neveux

Naval - Yann Tiersen

Rebirth - Eric Neveux


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑


Beitrag anhören


Dieser Beitrag wurde am 13.06.2021 gesendet.


Über den Autor Andreas Brauns

Andreas Brauns wurde 1962 geboren. Er ist verheiratet und Vater von drei Töchtern. Nach dem Theologiestudium in Frankfurt am Main und Freiburg im Breisgau absolvierte er seinen Zivildienst in Hannover. Während dieser Zeit gab es erste Kontakte zur kirchlichen Rundfunkarbeit. Seit 1995 arbeitet er als Redakteur im „Katholischen Rundfunkreferat für den NDR“. Zudem arbeitet er seit einigen Jahren auch als Beauftragter für Funk- und Fernsehen im Bistum Hildesheim. Ein Wort des Apostels Paulus im Römerbrief begleitete ihn seit dem Studium: „Wie sollen sie an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie hören, wenn niemand verkündigt?“

Kontakt
andreas.brauns@bistum-hildesheim.de


Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche