Wort zum Tage, 11.06.2021

von Peter Kottlorz, Stuttgart

Führe uns nicht in Versuchung

Um das „Vater Unser“ geht es mir diese Woche. Und eine nicht unumstrittene Bitte in diesem Gebet heißt

„…und führe uns nicht in Versuchung“.

Ein Spötter hat sie so umformuliert:

„Und führe mich nicht in Versuchung, denn ich werde sie schon alleine finden.“

Nicht schlecht, denn er legt frei, wie unsinnig diese Bitte doch ist. Denn zum einen sind wir Menschen doch mit freiem Willen geschaffen. Und zum anderen: was ist das doch für ein schräges Gottesbild?!

Denn was wäre das für ein Gott, der es nötig hat, seine Kreaturen bewusst in die Bredouille zu bringen?

„Ein Vater tut das nicht“

– so kurz und knapp hat das Papst Franziskus abgehandelt. Und nicht erst seit ich das von ihm weiß, bete ich an dieser Stelle des Vater Unsers:

„Lass uns nicht in Versuchung geraten.“

Und warum soll Gott uns dabei helfen? Weil wir Menschen halt auch schwache Wesen sind, die mit der uns gegebenen Freiheit nicht immer souverän umgehen können.

Wenn es statt an den Schreibtisch aufs Sofa geht, statt Schwarzbrot Schokolade die Zunge umschmeichelt oder die letzte Zigarette eben doch nicht die letzte ist. Das alles sind ja noch die kleinen Versuchungen, um die es im Vater Unser weniger geht.

Da geht es eher um die großen. Um die, bei denen es ans Eingemachte geht, um existentielle Dinge, die dem Menschen langfristig schaden.

Wenn Macht zum Beispiel nicht als Leihgabe empfunden wird, sondern als Lust am Herrschen. Wenn im Geschäftsleben nach Gewinn nicht aus Freude am guten Wirtschaften gestrebt wird sondern aus Gier nach Geld.

Und nicht zuletzt: die Ur-Versuchung: Sein wollen wie Gott. Wenn Diktatoren über Leben und Tod von Menschen entscheiden. Oder Wissenschaftler in die Natur eingreifen ohne die Folgen ausreichend abschätzen zu können.

Im Wort Versuchung steckt das Wort Suche. Und ich denke, hinter den meisten Versuchungen liegt eine Suche. Zum Beispiel die Suche nach Anerkennung oder Zuneigung bei dem, der herrschen will. Die Suche nach Sinn oder nach Seelennahrung bei dem, der unersättlich ist. Oder die Suche nach Erkenntnis bei dem, der Grenzen überschreitet.

Darum verstehe ich diese Vater-Unser-Bitte so: Als Bitte, uns zu befähigen, die Suche zu erkennen, die in der Versuchung steckt. Und so mit ihr umzugehen, dass es erst gar nicht zur Ver-Suchung kommt…


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Dieser Beitrag wurde am 11.06.2021 gesendet.


Über den Autor Peter Kottlorz

Dr. Peter Kottlorz ist Senderbeauftragter der Katholischen Kirche am Südwestrundfunk. Seit vielen Jahren macht er Radiosendungen in den Programmen des SWR sowie Fernsehsendungen. Er ist Jahrgang 1957, verheiratet, hat 3 Kinder und 4 Enkelkinder und wohnt  in Rottenburg am Neckar.

Kontakt
pkottlorz@drs.de

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