Wort zum Tage, 10.06.2021

von Peter Kottlorz, Stuttgart

Und vergib uns unsere Schuld…

„Schuld gehört zu unserem Leben wie das tägliche Brot.“

Das hat Alfred Delp gesagt. Ein Jesuitenpater, der am eigenen Leben schrecklich konkret erfahren musste, wie schuldig Menschen werden können. Die Nazis haben ihn drei Monate vor Kriegsende umgebracht.

Schuld, schuldig sein, schuldig werden ist aber nicht auf so monströse Untaten wie die der Nazis beschränkt. Sie ist alltäglich, ebenso wie das tägliche Brot.

In dieser Woche beschäftige ich mich mit dem Vater Unser. Und vielleicht steht in diesem Gebet ja auch deshalb der Satz „…und vergib uns unsere Schuld“ direkt nach der Bitte ums tägliche Brot.

Schuldig werden zu können gehört zur Natur des Menschen. Zum Wohl und zum Wehe. Zum Wehe, weil es einfach weh tut, verletzt zu werden und weil es – so man psychisch gesund ist – einem auch selbst weh tut, wenn man jemand anderen verletzt.

Zum Wohl des Menschen ist es, Schuld überhaupt empfinden zu können. Und zwar nicht, um sich selbst zu erniedrigen, sondern als Voraussetzung dafür, dass einem vergeben werden kann, dass man sich ent-schuldigen kann.

Was vielen Menschen gar nicht leicht fällt und ja auch nicht leicht ist. Weil zu einer wirklichen Entschuldigung mehrere, unerlässliche Schritte gehören: Zuerst einmal bereuen, und den Fehler oder die Verletzung wieder gut machen wollen, dann sich vornehmen, das, was falsch war, nicht wieder zu tun und schließlich: um Vergebung zu bitten. Ohne Wenn und Aber.

Die erste Voraussetzung dafür ist Einsicht. Und zwar die demütige Einsicht, dass wir alle fehlbar sind und deswegen vergebungsbedürftige Wesen. Vor Gott und den Menschen.

Und dass wir uns darum dieses Geschenk, das Vergebung heißt, nicht versagen sollten. Weil es allen, die unter einem Vergehen oder einem Fehler leiden, guttut. Den, der um Vergebung bittet, kann dieser Schritt innerlich wieder aufrichten.

Dadurch, dass er Verantwortung für sein Verhalten übernimmt und sich ent-schuldigen kann. Der, der um Vergebung gebeten wird, kann sich von seinem Schmerz oder seiner Wut befreien, die er als Opfer empfindet. Und alle beide können erfahren, wie not-wendig und nährend Vergebung ist.

Wie Brot, tägliches Brot.


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Dieser Beitrag wurde am 10.06.2021 gesendet.


Über den Autor Peter Kottlorz

Dr. Peter Kottlorz ist Senderbeauftragter der Katholischen Kirche am Südwestrundfunk. Seit vielen Jahren macht er Radiosendungen in den Programmen des SWR sowie Fernsehsendungen. Er ist Jahrgang 1957, verheiratet, hat 3 Kinder und 4 Enkelkinder und wohnt  in Rottenburg am Neckar.

Kontakt
pkottlorz@drs.de

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