Wort zum Tage, 07.06.2021

von Peter Kottlorz, Stuttgart

Vater Unser

Wie viele Menschen auf der Welt wohl heute das Vater Unser beten? In einem Gottesdienst oder allein für sich zu Hause? Dieses Gebet, das alle Christen verbindet und auf Jesus selbst zurückgeht.

Ich bete es regelmäßig und gern. Wobei das nicht immer so war. Es gab eine Zeit, in der ich alles, was ich im Gottesdienst oder in meinen privaten Gebeten gedacht oder gesprochen hatte, radikal in Frage gestellt habe. Mich befragt habe, ob das, was ich da sage, auch so für mich geht.

Und beim Vater Unser ging es eben gleich mal um den Vater. Da kamen Fragen auf wie: Ist Gott denn ein Mann? Meine Antwort darauf: Ja und Nein. Denn ich meine, dass Gott nur übergeschlechtlich zu denken ist.

Und wenn man schon in unseren Denkkategorien über ihn sinniert, müsste er natürlich alle Anteile haben, weil er alles und in allem ist. Also auch Vater.

Aber welche Assoziationen und Erinnerungen da alle möglich sind: Mann, Erzeuger, Erzieher, Bestimmer, Bestrafer, Liebender, Freigebender, Freigebiger, Strenger oder Abwesender – Vater, da schwingen die verschiedensten Erfahrungen mit.

Und sie klingen besonders lange nach, weil wir sie in der Kindheit gemacht haben. Dadurch haben sie sich auch auf die Gottesbilder ausgewirkt, vor allem bei der älteren Generation.

Bei der der klassische Vater vielleicht noch für Sicherheit und Schutz steht. Als der Elternteil, der den Rahmen bietet innerhalb dessen sich das Familienleben behütet entfalten kann.

Und vermutlich auch deshalb heißt das zentrale Gebet der Christen „Vater Unser“. Weil sich Jesus Gott wohl so vorgestellt hat. Wie einen liebenden Vater. Losgelöst vom strengen, fernen und nahen Gott seiner jüdischen Herkunftsreligion, hin zum Abba, Vater, wörtlich übersetzt Papa.

Ein Lallwort aus der Kindersprache. In diese göttliche Geborgenheit aus Sicherheit und Schutz hat er sich beim Beten hineinbegeben. So hat er selbst zu seinem Vater gebetet und die Seinen gelehrt, es auch so zu tun.

Wohl wissend, dass sich im jesuanischen „Vater Unser“ auch die patriarchalischen Strukturen seiner Zeit spiegeln, bete ich es doch oft und gern.

Denn es tut mir gut, mich immer mal wieder gedanklich in die Arme Gottes zu legen. Und mich tragen zu lassen…


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑


Beitrag anhören


Dieser Beitrag wurde am 07.06.2021 gesendet.


Über den Autor Peter Kottlorz

Dr. Peter Kottlorz ist Senderbeauftragter der Katholischen Kirche am Südwestrundfunk. Seit vielen Jahren macht er Radiosendungen in den Programmen des SWR sowie Fernsehsendungen. Er ist Jahrgang 1957, verheiratet, hat 3 Kinder und 4 Enkelkinder und wohnt  in Rottenburg am Neckar.

Kontakt
pkottlorz@drs.de

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche