Feiertag, 06.06.2021

von Artur Fischer-Meny, Hamburg   

Seele, Sinn und Gott entdecken. Wie ein Pfarrer christliche Mystik mit Erlebnis-Kino verbindet

Online-Gottesdienste sind seit der Corona-Pandemie nichts Besonderes mehr.Anders das Projekt "Vision von Hoffnung", das seit 2014 per Facebook und Youtube mehrere Tausend Menschen gleichzeitig erreicht.

© Grant Whitty / Unsplash

Ein Feuervogel schwingt sich durch den Nachthimmel und geht auf in einem V. Dieses V steht für „Vision von Hoffnung“. Ein Projekt der katholischen Gemeinde Sankt Maria Magdalena in Geldern am Niederrhein. „Vision von Hoffnung“ will helfen, dass Menschen Gott erfahren. Online bei Facebook und YouTube seit Herbst 2014.

Und das nicht nur mit Gottesdiensten, sondern auch mit Glaubensabenden und sogar mit besonders gestalteten Abendessen, wenn das Team von „Vision von Hoffnung“ zu den Interessierten nachhause kommt. Besonders ist dabei jeweils die Gestaltung.

„Langweilig und belanglos war gestern“,

schreibt das Team im Netz. Die Predigten sollen offen, ehrlich und konkret sein, dabei das Leben und den Glauben in den Blick nehmen. Die Gottesdienste setzen dabei auf Atmosphäre, mit Filmausschnitten, guter Musik und Spezialeffekten.

Zu sehen sind Kameraflüge durch phantastische Landschaften, mit Bildern zum Träumen und Musik, die zusammen MIT diesen Bildern den alten Begriff der Mystik neu und jung macht. Und dadurch Räume öffnet, die einen Zugang zum Glauben schaffen - und damit eben eine Vision von Hoffnung, wie es der Name schon sagt:

„Zum einen rekurriert das eben auf das Buch der Sprüche, wo es eben heißt: 'ohne Vision verwildert das Volk'. Also Vision steht auch immer für etwas Größeres, für etwas was auch über dem jetzigen Alltag hinausgeht. Den Glauben daran, dass es etwas Größeres gibt. Und dafür wollen wir auch mit diesem Projekt stehen“,

erklärt Christian Olding, Pfarrer in Geldern. Vor knapp zehn Jahren hatte er die Idee zu dem Projekt, hinter dem nun ein ganzes Team steht.

Die Kombination aus Vision und Hoffnung 

Vision – sagt der Duden – ist eine übernatürliche Erscheinung als religiöse Erfahrung. Und seine „Vision von Hoffnung“ richtet diese Erfahrung recht eindeutig aus:

„Ich kann nicht hoffen, dass ich eine schlechte Klausur schreibe oder dass eine Prüfung in die Hose geht, das kann ich nicht hoffen. Hoffnung ist per se positiv. Und das ist für mich der Kern, der den christlichen Glauben ausmacht. Dass wir Hoffnung zum Leben brauchen, um den Widerwärtigkeiten des Alltages standzuhalten. Und deswegen finde ich Vision und Hoffnung eine für mich von Grund auf optimistische und schöne Kombination, die für mich wirklich den Kern des Glaubens zum Ausdruck bringt.“

Sagt der schlanke Mann mit der markanten dunklen Brille.

Was haben sie nicht schon für Überschriften für ihn gefunden: Influencer Gottes, Pop-Kaplan – als er noch einer war – inzwischen: Klartext-Pfarrer, der junge Wilde, der, der auch Jugendliche wieder in die Kirche holt. Die er nicht nur online erreicht, sondern auch in der Gemeinde vor Ort hier in Geldern.

„Ich bin natürlich erstmal auch handelsüblicher Pastor, das heißt, ich traue, taufe, beerdige, predige am Wochenende und unterrichte zudem noch 8 Stunden in der Schule am Berufskolleg und habe das immer nebenbei dann noch eben obendrauf gesattelt. Und das war nicht immer nur einfach, aber inzwischen ist es gottseidank so, dass wir das ein bisschen mehr auseinanderklamüsert haben und dass die Gemeinde auch realisiert: es ist kein Projekt, was neben der Pfarrei existiert, sondern in der Pfarrei. Wir haben natürlich auch bei allem, was wir tun, immer die Gemeinde vor Ort im Fokus und möchten die Leute hier mitnehmen, weil: Alles braucht eine Heimat.“ 

20.000 Menschen im Gottesdienst

Aber wie macht er das? Dass nicht nur Jugendliche sagen: Find ich gut. Sondern dass auch eine Schwester Dorothee nach sechzig Jahren in ihrem Orden „Unserer Lieben Frau“ und mit fast 83 sich nochmal neu angeschoben fühlt? 

„Ja, das habe ich ja von ihm so übernommen, ‚Vision von Hoffnung‘ und im Hebräerbrief steht: ‚Der Grund unserer Hoffnung ist dieser Jesus‘. Und da würde ich sagen, das ist für Christian dieser Jesus, den er uns vermitteln möchte. Unsere Beziehung zu ihm. Ja, was Besseres kann auch einer Ordensfrau nicht passieren, denn das wollen wir ja auch, das ist ja auch unser Anliegen, mit Christus mehr in Verbindung zu kommen und das macht der, so geht das ganz durch.“

Die ganz eigene Verbindung zu Christus fußt bei Christian Olding auf zwei Schlüsselerfahrungen. Als er 13 war, hat sich sein Vater das Leben genommen. Halt fand er da im Glauben.

Und wie er diesen Halt und seine „Vision von Hoffnung“ auch anderen – und vor allem vielen anderen – erzählen können würde, das hat er in Chicago erfahren: In Willow Creek, bei der Community Church, einer Freikirche.

Da steht er also mit diesen Narben auf seiner Seele in Chicago – und da vorne auf der Bühne die, die ihm gerade einen entscheidenden Weg aufzeigen:

„Und das hat mich geflasht. Allein schon die Tatsache, dass man jetzt 20.000 Menschen – das muss man sich jetzt auf der Zunge zergehen lassen! – 20.000 Menschen kommen da am Wochenende hin, um Gottesdienst zu feiern. Da muss man was so richtig gut und richtig machen, um Menschen da so zu mobilisieren.“

„Und das Setting, in dem Gottesdienst gefeiert wird, war halt einfach phänomenal. Zum einen von der Professionalität, was da an technischem Equipment aufgebaut war: große Leinwand, Prediger, die gesprochen haben über Jesus ohne das ist peinlich wurde, ohne sich irgendwelcher Floskeln zu bedienen. Religiöse Musik, die allerdings mit jedem Rock und Pop Song im Radio mithalten konnte vom Stil her. Und es war halt eine Form der Inszenierung, die sich eben den medialen Techniken der Jetztzeit bediente und das hat mich einfach umgehauen. Das Problem war ja: es war ein paar Monate vor der Priesterweihe, also konnte man jetzt nicht mehr stiften gehen, und so, dass eigentlich nur noch eine einzige Frage übrigblieb: Wie geht das auf katholisch?“

Den Sprung dahin empfindet Christian Olding gar nicht als so außergewöhnlich oder spektakulär. Was nämlich trotz Kunstnebel, epischer Musik und hochauflösender Animationen alles andere als neu ist, ist die Botschaft: Der Glaube an Jesus Christus. Nur eben neu verpackt – damit diese Botschaft nicht untergeht.

 Mystik, Gotteserfahrung und das 21. Jahrhundert

Die Aufmachung, die Olding in Willow Creek erlebt hat, komme auch hierzulande an – nur dann eher im Zusammenhang mit Musikfestivals.

„Ich glaube, wenn heute die klassische Generation, die jetzt unterwegs ist und sich im Jugend- und jungen Erwachsenenalter befindet, wenn die was Mystisches erleben will, die geht zu Parookaville, zu Tomorrowland, weil sie die einfach da eine Form von Inszenierung erlebt, die sie aus ihrem Alltag hinauskatapultiert und deswegen eben so diese medialen Versuche, diese medialen Angänge, weil ich finde, davon dürfen wir uns nicht abhängen lassen.“

Aber wie genau koppelt man denn Mystik und Gotteserfahrungen mit dem Lebensgefühl des 21. Jahrhunderts? In dieser Frage liegt im Grunde schon die Antwort – erlaubt ist so ziemlich alles, es muss nur jenseits des Gewohnten sein, etwas Besonderes. 

Ob nun das Kirchenschiff bunt erstrahlt oder ob es sich die Besucher auf Sitzsäcken gemütlich machen. Ob am Karfreitag die Kreuzwegstationen von einem Ballett-Ensemble in Szene gesetzt werden.

Ob es nun ein Gottesdienst ist im örtlichen Kino oder das Format „God at Dinner“, das nun wieder anlaufen soll. Da geht es darum, zusammen zuhause zu essen und das mit einem Glaubensthema - für die Gespräche mit Freunden.

Hilfen für den Alltag

Bei all diesem Außergewöhnlichen geht es immer um Hilfe im Alltag. „Scheitern, aber richtig“, lautet eine der thematischen Überschriften. Es kann darum gehen, wie es möglich wird, einfach mal „Nein“ zu sagen, oder wie man eigenen Gedanken eine Richtung geben kann.

Diese Alltagshilfen wirken vor allem dann, wenn sie in sich schon ein Erlebnis sind. Sind sie das nicht, verfängt eben auch nichts. In der Pandemie hat Pfarrer Christian Olding einen Grundsatz des Projektteams bestätigt gesehen: Vor Ort und eben auch online auf Qualität zu setzen – und zwar In Inhalt und in Form:

„Das, was schon ohne Kamera halbherzig aussieht und nicht gut ist, das wird mit Kamera auch nicht besser, sondern das vergrößert eigentlich noch das Elend.“

Es lohnt also ein Blick in die Produktion der Inszenierung und auf die Menschen, die diese V-Experience, diese „Vision von Hoffnung“ in Gemeinschaft verbreiten.

Hochmodern und tief geerdet

Besuch bei Christian Olding im Pfarrhaus. Ich will wissen, was hier vielleicht anders läuft als anderswo. Was auffällt: Das Mobiltelefon, das Pad, der Rechner – alles hochmodern.

Aber immer auch irgendwie geerdet: Die Tastatur vor dem großen Bildschirm ruht in einem Holzblock, das Telefon in einem Leder-Etui, selbst das Gestell der Profi-Filmkamera hat Griffe aus Holz. Links vom Schnittplatz ein altes Familien-Kreuz, unter dem Tisch sauber verkabelt 120 Terrabyte an Daten. Warmes Altes und kühles Neues – ist DAS das Geheimnis? 

„Ganz ehrlich: Jetzt, wo sie das sagen, fällt es auch mir auf, dass das ist in der Tat so ein bisschen stilmäßig sich durchzieht. Also, war mir bis jetzt noch gar nicht so klar, aber: ja.“

Das Holz gibt Wärme, die Technik ist Mittel zum Zweck. So lagert wasserdicht verpackt neben einem schwarzen Berg an Beleuchtungs-Stativen der neue Laser-Beamer. Bei der Finanzierung half die Gemeinde.

„Aber es ist zumindest das Schöne, dass beim ersten Gottesdienst den Leuten auch direkt aufgefallen ist, dass die Bilder deutlich schärfer waren als es sonst der Fall ist.“

Das emotionale „Wie“ entscheidet

Technik will auch richtig bedient werden. So hat sich Christian Olding die ersten Youtube-Tipps vor dem Start dort von einem 14-Jährigen erklären lassen, Handbücher wurden beschafft für Beleuchtung und Ton, Software für die Produktion.

Das Team dreht je nach Anlass und Inhalt auch mal in Wohnungen oder im Café, damit die Leute „emotional andocken“ können, wie er es nennt. Denn fast noch wichtiger als das faktische „Was“ ist das emotionale „Wie“.

„In was für einen Raum und was für eine Konzeption müssen wir gehen, damit Leute, die jetzt zu Hause am Küchentisch oder auf dem Sofa sitzen, wirklich einen reellen, auch emotionalen Zugang zu dem bekommen, was wir da mit Ihnen feiern wollen.“ 

Damit das auch Ältere, wie Schwester Dorothee anspricht, reicht es aber nicht, die Produktionen hochzuladen. Ein wichtiger Teil der „v-experience“ ist auch das ganz Analoge.

„Alles war voll von Menschen“

Vor Schwester Dorothee auf dem Tisch steht eine kleine Spielfigur, „Mensch-ärgere-dich-nicht“, umlackiert: weiß mit goldenem Kopf. Die hat sie vor dem Interview aus ihrer Jackentasche gekramt.

„Das hab‘ ich aus dem ersten V-Gottesdienst. Im Dezember 2014 war das, hat er uns vorher erklärt, das ist also das Zeichen für Jesus, stecken sie ihn in die Tasche. Wenn es Ihnen mal schwer wird, denken Sie daran, Jesus ist immer bei Ihnen. Ich habe auch noch Glück gehabt, eins mitzukriegen. 300 hatte er gemacht und oder machen lassen und 700 Leute waren in der Kirche. Alles war voll von Menschen. Meine Mitschwestern und ich, wir sind hingegangen, auch aus Neugierde.“ 

Authentisch ist er, findet sie. Offenbar ein wichtiger Punkt, Menschen auch zu erreichen.

Umstürzende Ereignisse brachten ihn weiter 

Frederic Surace hat mit seiner Freundin Janine Ingenpass für den Karfreitagsfilm den Kreuzweg getanzt und für die beiden Tanzlehrer ist das Authentische auch Teil der Botschaft.

„Man merkt halt auch sofort, dass das ein sehr starker Mensch ist, der sich von nichts unterbuttern lässt. Aber ist vielleicht auch nicht ohne Grund so. Jeder muss irgendwie was erlebt haben in seinem Leben und Christian, glaube ich, hat auch schon so einiges in seinem Leben erlebt.“

Es waren umstürzende Erlebnisse, die ihn geformt haben. Da ist der Freitod des Vaters, der ihn mit 13 Jahren aus der Bahn warf. Aber durch die Auseinandersetzung mit diesem Schicksalsschlag fand er stärker zum Glauben. Das gab ihm Halt und das half ihm, auch mit anderen Rückschlägen umzugehen. 

So wie in seiner vorigen Wirkungsstätte in Emmerich, wo er mit seinem Veni-Projekt auf Ablehnung stieß. Nicht bei vielen, aber offenbar bei Einflussreichen. Das führte im Frühjahr 2014 dazu, dass der damalige Kaplan Olding über ein Jahr früher als geplant die Seelsorgeeinheit Emmerich verließ.

„Das war eine Fügung“

Unabhängig voneinander berichten Pfarrer Christian Olding und Schwester Dorothee heute über das, was damals war und kam. Schwester Dorothee steigt ein bei einem der letzten seiner Gottesdienste in Emmerich.

„Ich war das richtig begeistert von, aber da wussten wir noch nicht, dass er zu uns kommt. Und dann kommt dieser auch noch zu uns, das war schon für mich eine Freude ein Geschenk, das ist so vorausgegangen.“

„Ein echter Glücksfall. Ich kannte Geldern nicht.“

„Ziemlich verletzt kam er nach hier, das sah man ihm auch an. Und dann gab es tatsächlich auch junge Menschen, die gesagt haben, wir möchten ihn gerne helfen, der brauchte ein Team.“

„Dass ich dann nach 3 Monaten allerdings hier schon in einer Neuauflage mich bewegen würde, das war auch eher eine Überraschung, eine Fügung.“

„Der ist im August gekommen und schon im Dezember war der erste V-Gottesdienst und das war der, der so gefüllt war.“

„Ich habe einfach das Glück, dass hier Mensch mit mir zusammenarbeiten, von deren Kreativität ich profitieren kann und dass es uns eben halt scheinbar gelingt, Dinge wieder auszugraben, die eigentlich schon mal selbstverständlich waren.“

Nämlich die eigene Gotteserfahrung, das eigene Aufgefangen-Werden, das alles auch anderen mitzuteilen und mit anderen zu teilen. Und immer wieder zu fragen:

„Was braucht ihr und was kann ich euch eben mitgeben, damit ihr in eurer Gottesbeziehung wachsen könnt. Und da merke ich eben, dass vieles, was dem dienlich ist, sich außerhalb des aktuellen klassisch-katholischen bewegt.“

Bodennebel statt Weihrauch

Womit wir bei der Art der Aufmachung und zurück im Schneideraum sind.

„Also das ist also jetzt ein kurzer animierter Film und Animation für einen Artikel über den Heiligen Geist.“

Die Kamera fliegt durch geheimnisvolle Landschaften, das Licht kommt von oben. Sofort entsteht beim Zuschauer ein Sog, ein irgendwie wohliges Gefühl von Geborgenheit. Das geht nicht mal eben so – die Software dazu ist recht komplex, die Stunden im Schneideraum lang – alles, damit die Botschaft ankommt.

 „Also, das sind dann eben so Dinge, die dann rein über Adobe After Effects im Laufen davor animiert werden, um halt eben dann da noch mal visuell ein bisschen was mit Bildern und Ton zu produzieren, was eben so mit Sprache nicht möglich ist an Effekt und an Wirkung.“

Klingt nach Spezialisten-Sprache. Es geht um Spezialeffekte für bewegte Bilder mit Text und Musik. Damit will das Projekt den neuen Ausdrucksformen Rechnung tragen. Hier fühlt sich Pfarrer Christian Olding auch oft missverstanden.

Er selbst findet das alles gar nicht so unglaublich fortschrittlich, sondern eher sehr katholisch und konservativ und damit gar nicht weit weg von der Verkündigung des Apostels Paulus vor 2000 Jahren, der ebenso die Stilmittel seiner Zeit nutzte:

„Wir haben halt den Weihrauch durch Bodennebel ausgetauscht und die bunten Farbgläser mit bunten Lichtern in der Kirche ersetzt. Und das, was Jesus damals verkündet hat und was Paulus auf dem Areopag getan hat, ja das tun wir halt eben auch, indem uns in die Öffentlichkeit stellen und mit unseren Möglichkeiten versuchen, in gesellschaftliche Räume vorzudringen, in denen Kirche sonst vielleicht nicht so präsent ist. Aber das ist ja eigentlich alles althergebrachter Quark: Kunst und Kultur sind seit jeher die Geschwister der katholischen Kirche gewesen, also so ein Michelangelo und ein Leonardo da Vinci, alle durften sie ja, weil Kirche da ihnen in Räume geboten hat. Und nichts anderes mache ich, wenn ich ihr welche Tänzer anfrage und sage: ‚Könntet ihr uns dabei unterstützen?‘. Also ganz ehrlich: Ich habe eigentlich nur in die alte Klamottenkiste geguckt und geschaut, wie man das vielleicht heute wieder nutzen kann.“

Jesu Leiden neu begreifen

The v-experience, die „Vision von Hoffnung“ zeigt nun schon seit einer Dekade, wie Kirche, wie Glaubensvermittlung und wie auch Gemeinde in Zukunft funktionieren könnte. Dazu gehört dann womöglich auch, sich an Grenzen vorzuwagen.

Das versucht das Team in Geldern, wenn auch mit hoher Sensibilität. Bei einem Gottesdienst haben sie einmal den gekreuzigten Jesus anstelle an das Kreuz auf eine Leinwand angebracht, darüber eine durchlöcherte Dachrinne.

Gottesdienstbesucher sollten sich dann mit ihren Gedanken und Anliegen – gerade auch den schweren – an diesen Jesus wenden: mit einem Glas voll Kunstblut. Das gossen sie in die Rinne. Zurück blieb ein Jesus, hinter dem das Blut die Leinwand herunterlief.

Das Jesus-Wort:

„Mein Blut, das für euch vergossen wird“

sollte hier ganz konkret sichtbar und fühlbar werden, die Besucher darin seine Zusage bedenken:

„Ich bin bei euch in eurem Leiden, ich trage es mit.“

Geplant war die Aktion auf etwa eine Stunde – gedauert hat sie mehr als doppelt so lang. Weil jede und jeder sich dort vorne Zeit nahm und Zeit bekam.

„Und wir hatten ursprünglich pragmatisch gedacht, am Ende können wir das Kunstblut wieder abwischen und dann können wir ja das Ganze noch mal für den anderen Gottesdienst wiederverwenden. Nach dem, was wir da erlebt haben, wie die Leute zum Teil von Tränen gerührt davorgestanden sind, habe ich dann mir Farbpigmente organisiert, um diese Blutspuren dann zu fixieren und jetzt steht dieses Bild in meinem Wohnzimmerflur. Und jeden Morgen, wenn ich erstmal aus dem Schlafzimmer rauskomme, ist das das erste, was ich sehe, aber was mich eben auch wieder in meine Verantwortung eben auch erinnert zu sagen: ok, da haben Leute etwas von ihrem Leben mit uns geteilt und haben es uns anvertraut. Es ist halt auch unsere Aufgabe, das weiterzutragen.“

Erreichen, die nicht mehr angesprochen werden

Online sind von der Aktion nur eine Handvoll Bilder bei Facebook zu sehen, fürs Internet wäre das zu privat gewesen. Ganz anders dagegen erst kürzlich der Segnungsgottesdienst für homosexuelle Paare und Wiederverheiratete.

Der komplette Mitschnitt der Aktion findet sich auf Youtube, eine halbe Stunde lang und fröhlich, bei dieser v-experience war auch Oldings Priesterkollege in Geldern, Pfarrer Arndt Tielen, im Team.

„Liebe Paare, Sie dürfen sich jetzt küssen und wir hören dabei das Lied Seite an Seite. Und Sie, die Sie uns vielleicht zusehen: Küssen Sie sich auch. Nehmen Sie das, was Sie lieben und denken Sie daran: Liebe gewinnt.“

Diese bundesweite Aktion „Liebe Gewinnt“ kürzlich mitgestaltet zu haben, das war dem Team von „Vision Hoffnung“ wichtig. 

Denn auch hier ging es in gewisser Weise darum, Menschen den Zugang zum Glauben nicht zu versperren – und so passt es irgendwo auch zum Ziel der v-experience: Sie will Menschen erreichen, die suchend sind oder die vielleicht von den klassischen Modellen von Kirche nicht mehr angesprochen werden.

Alte Werte in neue Ideen

The v-Experience will Sinne aufschließen, dabei helfen Erfahrungen mit Gott zu machen. Pfarrer Oldings Idee ist dabei nur ein Beispiel vieler aufkommender Projekte mit ähnlichen Zielen.

„Es gibt sie! Es gibt viele in Deutschland, auch in der katholischen Kirche bundesweit, das Zeitfenster in Aachen, das auch wie wir auf demselben Level unterwegs ist, sich nur anderer Methoden bedient und da auch eben Menschen Zugänge zu ermöglichen.
Das GleisX im Bistum Essen ist auch so eine Anlaufstelle, die das ganz nochmal citynah eben machen. Also ich glaube, wenn man da auch ein bisschen hinschaut, wird man in der katholischen Kirche - und das motiviert mich eben auch – viele, viele Aufbrüche sehen, die zum Teil auch noch viel, viel länger unterwegs sind, als wir es mit unserem relativ jungen Projekt sind.“

Und alle packen alte Werte in neue Ideen mit den Mitteln des 21. Jahrhunderts. Vor einem halben Jahrtausend war es der Buchdruck, heute ist es das Internet mit all den Möglichkeiten von Teilhabe und Kommunikation unter- und miteinander.

Pfarrer Christian Olding hat einen Weg gefunden, diese Möglichkeiten für die Weitergabe des christlichen Glaubens zu nutzen. Das geht nur, wenn man selbst überzeugt ist. Das hat auch Schwester Dorothee gespürt:

„Er bringt uns zum Brennen, ja! Also ich hab‘ gestern ein Wort von Augustinus gelesen: ‚In dir muss brennen, was du in anderen entzünden willst.‘ Er infiziert uns, ich habe den Eindruck, er ist so verbunden mit Jesus, dass er uns das einfach weitersagen muss. So!“

Die redaktionelle Verantwortung für die Sendung trägt Martin Korden.

Musik:

Sanctus – Jan Garbarek

Here I Am Send Me (live) – Delirious

First Snow – Ola Gjeilo

Underwood – Daniel Hope

Home – Ola Gjeilo 


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Dieser Beitrag wurde am 06.06.2021 gesendet.


Über den Autor Artur Fischer-Meny

Artur Fischer-Meny, 1972 in Freiburg i. Brsg. geboren, studierte Geschichte und Politik in Freiburg, Volkskunde und Journalistik in Hamburg. Nach Volontariat bei einem Hamburger Sender berichtete er für diesen und bundesweite Nachrichtenagenturen über Landespolitik und gesellschaftliche Themen. Inzwischen bildet der verheiratete Wahlhamburger Radionachwuchs aus und produziert freiberuflich vorwiegend für kirchliche Formate und norddeutsche Hörfunkanstalten Sendungen, Beiträge und Reportagen. Kontakt: fischermeny@googlemail.com

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