Morgenandacht, 04.06.2021

von Kaplan Bernhard Holl, Berlin

Die drei Pferde

Von Schlomo ben Jizchak erzählen unzählige jüdische Sagen und Legenden. Kein Wunder, denn der Rabbi, der im elften Jahrhundert in Frankreich lebte, war einer der bedeutendsten jüdischen Gelehrten des Mittelalters.

Noch besser bekannt ist er unter dem Namen Raschi. Nicht alle Geschichten über ihn dürften historisch sein, aber dann sind sie zumindest ziemlich gut erfunden – So wie die, die von einem mächtigen Adligen berichtet, der Raschi um Rat fragt.

Dieser Adlige ist zwar Christ und kein Jude, aber er hat gehört, dass der berühmte Rabbi so weise ist, dass er sogar die Zukunft voraussagen kann. Also trägt er dem Raschi seinen Plan vor: Er hat hunderttausend Männer gemustert und zweihundert Kriegsschiffe ausgerüstet und will mit dieser Armee die heilige Stadt Jerusalem erobern.

Wird sein Kreuzzug von Erfolg gekrönt sein oder nicht? Der Rabbi zögert mit der Antwort, aber der Adlige drängt ihn, und so weissagt er schließlich: Du wirst mit deinem Heer nach Jerusalem fahren. Du wirst die Stadt drei Tage lang belagern, aber am vierten Tag werden dich die Ismaeliten besiegen. Am Ende wirst du mit nur drei Pferden hierher zurückkehren.

Der Adlige war von diesen Worten sehr betroffen. Aber anstatt die Warnung zu beherzigen, drohte er Raschi: Wenn seine Voraussage nicht genau eintreffe, dann würde er wiederkommen und den Rabbi umbringen und mit ihm alle Hebräer in Frankreich.

Nach diesen Worten zog er ins Heilige Land, und es kam alles so, wie Raschi es vorhergesagt hatte. Jahre später kehrte der Adlige zurück. Seine letzten drei Ritter begleiteten ihn, so dass sie zusammen noch vier Pferde besaßen. Da erinnerte er sich an die Prophezeiung des Rabbiners, der von drei Pferden gesprochen hatte, und er beschloss, blutige Rache zu nehmen.

Als er aber gerade durch das Stadttor kommt, da löst sich ein großer Stein aus dem Torbogen, fällt herunter und erschlägt einen seiner Begleiter samt dem Pferd. Das endlich lässt sich der geschlagene General eine Lehre sein. Er rühmt die Weisheit Raschis und führt seine Drohung nicht aus.

Ich vermute, jeder, der weiß, wie solche Weisheits-Geschichten funktionieren, hat das mehr oder weniger kommen sehen. Klar, dass der arrogante und uneinsichtige Protagonist von einem Missgeschick ins nächste gerät!

Mir wäre das ganz sicher nicht passiert, denke ich ganz spontan. Aber vielleicht steckt in mir manchmal doch mehr von diesem selbstgefälligen Kreuzfahrer, als ich gerne zugebe.

Eigentlich ist es doch ganz menschlich: Den Experten, die einem recht geben, denen hört man gerne zu. Bei solchen, die das Gegenteil sagen, schaltet man lieber schnell weg. Psychologen nennen das „Confirmation Bias“ – die Tendenz, alles zu ignorieren, was nicht der eigenen vorgefassten Meinung entspricht.

Und auch die Wut des besiegten Feldherren auf Raschi ist nicht ungewöhnlich. Es ist doch so: Wenn eine umstrittene Sache am Ende für mich gut ausgeht, dann verzeihe ich doch jedem gerne, der anderer Meinung war und jetzt seinen Irrtum zugeben muss.

Aber wenn mein vermeintlich genialer Plan komplett scheitert, dann ist nichts ärgerlicher als einer, der sagen kann: Ich hab's ja gleich gewusst. Es gibt wahrscheinlich nichts Undankbareres, als mit einer wohlgemeinten Warnung recht zu behalten.

Die Erzählung von Raschi, dem Kreuzfahrer und den drei Pferden kann einen da ein wenig zum Umdenken bringen. Es ist nicht leicht, einen Rat auch dann ernst zu nehmen, wenn ich lieber etwas völlig anderes gehört hätte.

Und es ist furchtbar schwer, im Nachhinein zuzugeben: Du hattest recht, ich hätte besser auf dich gehört. Aber in beiden Fällen sind wir eigentlich besser dran, wenn wir genau diesen Mut und diese Bescheidenheit aufbringen.


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Dieser Beitrag wurde am 04.06.2021 gesendet.


Über den Autor Kaplan Bernhard Holl

Kontakt: bernhard.holl@erzbistumberlin.de

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