Morgenandacht, 03.06.2021

von Kaplan Bernhard Holl, Berlin

Johannes XXIII.

Am 3. Juni 1963 – also heute vor 58 Jahren – starb Papst Johannes XXIII.
Vor sieben Jahren wurde er in der katholischen Kirche offiziell heiliggesprochen, doch viele Christen verehrten ihn schon zuvor als einen der großen Heiligen ihrer Zeit.

Bei seiner Wahl zum Papst 1958 rechneten wohl nicht viele mit einer aufregenden Regierungszeit.

Denn Angelo Roncalli – so hieß der neue Papst vor seinem Pontifikat – galt ganz sicher nicht als spannender Kandidat für das höchste Kirchenamt: Ein Italiener, wie alle seine Vorgänger seit Jahrhunderten; ein verlässlicher Kirchenbeamter, der sich im diplomatischen Dienst der Päpste vor ihm bewährt hatte; ein Bischof mit traditioneller Frömmigkeit.

Vor allem aber war Roncalli mit fast 77 Jahren nur wenig jünger als der gerade verstorbene Papst Pius XII. – ein alter Mann, von dem keine Überraschungen erwartet werden konnten; eher eine Übergangslösung nach den stürmischen Zeiten des Zweiten Weltkriegs, nach denen erst einmal Ruhe einkehren solle.

Diese Erwartung hat Johannes XXIII. dann allerdings gründlich enttäuscht. Schon bald nach seiner Wahl berief er das Zweite Vatikanische Konzil ein, das die katholische Kirche für immer verändern sollte.

Er selbst erlebte das Ende des Konzils nicht mehr, aber ohne ihn wären wohl viele historische Reformen gar nicht erst auf den Weg gekommen: eine neue Liturgie, die nicht mehr nur auf Latein, sondern in allen Sprachen der Welt gefeiert wird; die Anerkennung anderer Konfessionen und Religionen und die Unterstützung der Vereinten Nationen und der Allgemeinen Menschenrechte, um nur einige Punkte zu nennen.

Ich denke oft an diesen Johannes XXIII., wenn in politischen Kommentaren unserer Zeit spöttisch von den „alten weißen Männern“ in Machtpositionen die Rede ist.

Berechtigt ist dabei sicherlich die damit verbundene Kritik, dass immer noch längst nicht alle Menschen den gleichen Zugang zu Macht und Einfluss haben – und das gilt, weiß Gott, auch für die Kirche.

Aber oft schwingt dabei auch mit: Die alten weißen Männer sind selbst das Hauptproblem. Alte weiße Männer monopolisieren die Macht, zementieren den Status quo, haben selbst keine Ideen und bremsen alle aus, die es besser machen würden.

Ich würde mir wünschen, zumindest die Frage des Alters ein wenig differenzierter zu bewerten. Menschen, die sich verzweifelt an die Vergangenheit klammern, die gibt es in allen Altersgruppen – genauso wie Menschen, die bereit sind, über den heutigen Tag hinaus zu denken und zu träumen.

Die Bibel berichtet von Sara und Abraham, sie waren hochbetagt, als ihre Geschichte mit Gott erst richtig losging. Aber auch für historische Persönlichkeiten wie Nelson Mandela oder Mutter Theresa war das Alter die fruchtbarste und strahlendste Phase ihres Lebens.

Die allermeisten von uns werden in ihrem Leben das Geschlecht und die Hautfarbe nicht wechseln. Aber jung waren alle Menschen einmal.

Vielleicht ist das das Geheimnis solcher Menschen, die noch im hohen Alter Visionen haben und anderen mutig vorausgehen: Dass sie die Weisheit des Alters nicht eingetauscht haben gegen die Träume und den Elan ihrer Jugend, sondern dass sie beides miteinander verbinden.

Es sind Menschen, die ihre Ideale nicht Stück für Stück hinter sich lassen, sondern sie mit sich wachsen und reifen lassen – solche wie Angelo Roncalli, Papst Johannes XXIII.


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Dieser Beitrag wurde am 03.06.2021 gesendet.


Über den Autor Kaplan Bernhard Holl

Kontakt: bernhard.holl@erzbistumberlin.de

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