Morgenandacht, 02.06.2021

von Kaplan Bernhard Holl, Berlin

Antonio Salieris „Armida“

Antonio Salieri – der Name ist vermutlich vor allem echten Mozart-Kennern bekannt, denn Salieri galt als Gegenspieler und Neider des großen Wolfgang Amadeus. Dabei waren Salieris Kompositionen zu seinen Lebzeiten mindestens ebenso berühmt und erfolgreich wie die Mozarts.

Heute vor zweihundertfünfzig Jahren feierte Salieri seinen ersten großen Erfolg: Die Uraufführung seiner Oper "Armida". Mit gerade mal einundzwanzig Jahren etabliert er sich damit nicht nur am Wiener Burgtheater sondern bald auch in ganz Europa.

Musikalisch geht Salieri dabei neue Wege, indem er die konventionell strenge Trennung von Ouvertüre und Haupthandlung, von Rezitativ und Arie aufhebt und sein Werk furios durchkomponiert.

Thematisch dagegen verwendet er einen Stoff, der schon damals zweihundert Jahre alt ist: Torquato Tassos Epos "Das befreite Jerusalem", ein phantasievolles Drama um Liebe und Tod, Zauberei und Verrat, das zur Zeit der Kreuzzüge spielt.

Armida ist darin eine heidnische Zauberin, die den Kreuzritter Rinaldo in ihren Bann schlägt, um ihn vom Kampf um Jerusalem fernzuhalten. Gefangen auf einer verzauberten Insel kann sich der Held erst losreißen, als ein Gefährte ihm zur Hilfe eilt. Armida, die sich in den heldenhaften Ritter ernsthaft verliebt hat, bleibt mit gebrochenem Herzen zurück.

Salieri war nicht der einzige Musiker, den diese Erzählung faszinierte. Monteverdi, Händel, Vivaldi, Haydn, Rossini, Brahms und schließlich Dvorak widmeten Armida und Rinaldo ihre Werke. Und auch das Publikum war jedes Mal begeistert und fieberte mit den ikonischen Figuren mit.

Das ferne Jerusalem, das lang vergangene Mittelalter, Zauberei und Kreuzzüge – viel von der Attraktivität des Armida-Stoffes scheint in Eskapismus und Phantasie zu liegen. Und doch wäre die Geschichte sicher nicht so oft erzählt worden, würde sie nicht auch etwas in uns Menschen berühren, das uns bekannt und vertraut ist.

Vielleicht ist es die Erfahrung, wie Rinaldo hin und her gerissen zu sein: Da ist auf der einen Seite das Naheliegende und Angenehme – die Situation, in der ich mich eingerichtet habe, wo ich mich gut und sicher fühle, wo ich nichts riskiere und aus der ich mit größter Erwartbarkeit einen gewissen Nutzen ziehe.

Und da ist auf der anderen Seite ein Ideal, ein Ziel, das in der Ferne liegt, das Kraft kostet und doch so viel verheißungsvoller als die gegenwärtige Behaglichkeit. Da ist die Chance, über mich hinaus zu wachsen, wenn ich nur meine Komfortzone verlassen könnte.

Das kannten die alten Kreuzritter genauso wie italienische Renaissance-Poeten, klassische Komponisten und auch heutige Hollywood-Regisseure. Schon Jesus sagt im Matthäusevangelium:

"Geht durch das enge Tor! Denn weit ist das Tor und breit der Weg, der ins Verderben führt, und es sind viele, die auf ihm gehen. Wie eng ist das Tor und wie schmal der Weg, der zum Leben führt, und es sind wenige, die ihn finden."

Wir können uns dazu durchringen, das Bessere zu wählen anstatt bloß das Bewährte, selbst wenn wir dazu manchmal Hilfe brauchen.

Und am Ende werden wir sogar oft glücklicher damit, die schwierigere Wahl getroffen zu haben. Denn auch von dieser Hoffnung spricht das Neue Testament:

"Wer sein Leben liebt, verliert es",

sagt Jesus im Johannesevangelium,

"wer aber sein Leben in dieser Welt geringachtet, wird es bewahren bis ins ewige Leben."

Der richtige Weg ist oft nicht der leichte, naheliegende und angenehme, aber es ist der anspruchsvolle, der herausfordernde Weg, der uns zum Ziel führt.


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Dieser Beitrag wurde am 02.06.2021 gesendet.


Über den Autor Kaplan Bernhard Holl

Kontakt: bernhard.holl@erzbistumberlin.de

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