Morgenandacht, 05.06.2021

von Kaplan Bernhard Holl, Berlin

Tag der Organspende

"Gott, der Herr, ließ einen tiefen Schlaf auf den Menschen fallen, sodass er einschlief, nahm eine seiner Rippen und verschloss ihre Stelle mit Fleisch. Gott, der Herr, baute aus der Rippe, die er vom Menschen genommen hatte, eine Frau."

So heißt es im ersten Buch der Bibel, das die Schöpfungsgeschichte erzählt. Und der Prophet Ezechiel sagt im Namen Gottes:

"Ich gebe euch ein neues Herz und einen neuen Atem gebe ich in euer Inneres. Ich beseitige das Herz von Stein aus eurem Fleisch und gebe euch ein Herz von Fleisch."

Wenn man das so liest, könnte man meinen, nicht die Chirurgen des zwanzigsten Jahrhunderts sondern der Gott der Bibel war der erste, der erfolgreich Organe transplantiert hat.

Dabei dachten die Autoren des Alten Testaments vor vielen Jahrhunderten sicher nicht an weltliche Gelehrsamkeit und menschenmögliche Heilkunst. Im Vordergrund stand gerade die unvergleichbare göttliche Macht, die aus einer einzigen Rippe eine ganze Person formen konnte.

Und bei den versteinerten Herzen ging es natürlich nicht um die Gefahren verkalkter Blutgefäße sondern um die emotionale und soziale Verhärtung, die über einen Menschen kommen kann.

Der menschliche Leib und seine Organe gehören zu den stärksten Bildern, die die Bibel zu bieten hat.

"Der Herr prüft auf Herz und Nieren",

heißt es immer wieder. Gott kennt selbst das, was tief im Menschen drin verborgen ist.

"Zerreißt eure Herzen, nicht eure Kleider!",

ruft der Prophet Joël dem Volk zu. Nicht nur äußerlich sollen die Menschen Buße tun sondern in ihrem tiefsten Inneren. Und auch Jesus Christus greift zu dieser drastischen Sprache.

Von Brot und Wein, die er mit seinen Freunden teilt, sagt er:

"Das ist mein Leib! Das ist mein Blut!"

Wenn die Jünger an diesem heiligen Mahl festhalten, dann lebt er selbst in ihnen weiter, als wäre er ein leibhaftiger Teil von jedem Einzelnen.

Wahrscheinlich konnten sich die Menschen zu biblischen Zeiten noch kaum vorstellen, dass solche sprachlichen Bilder einmal ganz konkret würden; dass tatsächlich lebende Organe von einem Menschen Teil eines anderen werden. Die moderne Medizin macht das möglich.

Doch die Bereitschaft, die eigenen Organe zu spenden, und sei es erst nach dem Tod, ist nicht so weit verbreitet. Immerhin etwa die Hälfte der Menschen in Deutschland wäre auf Nachfrage grundsätzlich dazu bereit. Mit einem Organspendeausweis dokumentiert hat das etwa ein Drittel; das haben Umfragen ergeben.

Möglich, dass Vielen die Vorstellung einfach unheimlich ist. Selbst wenn ich nach dem Tod davon nichts mehr spüre – Wie kann das sein, dass mein Herz in der Brust eines anderen schlägt? Was bedeutet es, wenn meine Lunge in einem fremden Menschen atmet? Das ist etwas, das über jeden Erfahrungshorizont hinausgeht.

Heute ist der Tag der Organspende. Und vielleicht kann uns gerade die Sprache der Bibel hierzu sogar ein wenig Mut machen. Meine Organe sind Teile meines Körpers, aber sie gehören nicht bedingungslos, nicht unverzichtbar zu mir.

Im religiösen Sinne kann es sogar gut für mich sein, dass ich – bildlich gesprochen – mein Herz zerreiße oder dass Gott mein versteinertes Herz gegen ein lebendiges austauscht.

Wenn man sich an diese Idee gewöhnt, dann ist vielleicht auch der Gedanke nicht mehr ganz so fremd, dass auch meine physischen Organe einmal einen Zweck außerhalb meines Körpers erfüllen können. Und ich kann nach meinem Tod mithelfen, einem anderen Menschen ein neues Herz und einen neuen Atem zu schenken.


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Dieser Beitrag wurde am 05.06.2021 gesendet.


Über den Autor Kaplan Bernhard Holl

Kontakt: bernhard.holl@erzbistumberlin.de

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