Morgenandacht, 01.06.2021

von Kaplan Bernhard Holl, Berlin

Die Kunst des Nein-Sagens

Viele Menschen können heute nur noch wenig mit der Kirche anfangen oder auch mit dem Christentum als Religion. Aber Jesus von Nazareth, der weise Rabbi und gütige Wanderprediger, der ist vielen zumindest sympathisch.

Verbreitet ist dabei das Bild vom milde lächelnden Menschenfreund, der die Leute sanft auffordert, doch etwas netter zueinander zu sein, und dabei selbst ein offenes Ohr hat für alle Sorgen und Nöte. Mit diesem Bild können die meisten heutigen Christen nicht unbedingt mithalten.

Und ich als Priester habe automatisch immer ein schlechtes Gewissen, wenn ich jemandem eine Bitte abschlage: Wenn ich einem Obdachlosen nichts gebe, wenn ich für ein Gespräch keine Zeit habe, oder wenn ich auch als Seelsorger nicht alle Wünsche erfüllen kann, weil die Regeln unserer Kirche das nicht vorsehen. Nein-Sagen fühlt sich unchristlich an.

Es ist nur fair, wenn wir Christen an unserem großen Vorbild Jesus Christus gemessen werden. Der Vergleich mit dem freundlichen Jesus, der die Kinder zu sich kommen lässt, der mit Zöllnern und Sündern isst und der öffentlich einer Ehebrecherin vergibt, der fällt oft nicht gerade günstig aus. Jesus würde doch keinem eine Bitte abschlagen. Jesus würde doch nie jemanden wegschicken.

Oder doch? Das Bild von Jesus, der alle annimmt und alle umarmt, ist nicht falsch. Aber es ist auch nur die eine Seite von dem, was die Evangelien in der Bibel uns berichten.

Nein sagt Jesus zu einem, der ihn bittet, einen familiären Erbstreit zu regeln: Wer hat mich zum Richter oder Erbteiler bei euch eingesetzt?

Nein sagt er zu seinen eigenen Verwandten, die ihn nachhause holen wollen: Die, die den Willen Gottes tun, die sind jetzt meine Familie.

Nein sagt er zu den beiden Jüngern, die sich gerne die besten Plätze im kommenden Reich sichern wollen: Nicht ich habe diese Plätze zu vergeben.

Nein sagt er zu einem, der nur noch seinen Vater begraben will, bevor er Jesus nachfolgt: Lass die Toten ihre Toten begraben!

Nein sagt er zu Petrus, der ihn mit Gewalt vor der Verhaftung retten will: Stecke dein Schwert weg; ich muss das hier erleiden.

Nein sagt er noch nach der Auferstehung zu Maria Magdalena, die ihn nicht loslassen kann: Halte mich nicht fest!

Nein sagt er den Aposteln, die nach dem Starttermin für das Reich Gottes fragen: Euch steht es nicht zu, Zeiten und Fristen zu erfahren, die der Vater in seiner Macht festgesetzt hat.

Auch Jesus musste offenbar ganz schön oft nein sagen. Und ich glaube, auch heute noch ist es erlaubt, eine Bitte abzuschlagen, manchmal sogar dringend notwendig. Das große Vorbild von Jesus wird dadurch nicht kleiner.

Denn ich bin mir sicher, er hat niemals deshalb nein gesagt, weil er gerade keine Lust hatte jemandem zu helfen, weil er zu bequem oder zu eigennützig gewesen wäre; nicht weil er Angst hatte oder sich über die Bittsteller erhaben fühlte oder sie ihm egal waren.

Jesus schlägt eine Bitte dann ab, wenn er weiß: Was du von mir willst, das wird dir nicht helfen. Was du glaubst zu brauchen, das wird dich gerade nicht weiterbringen.

Und ich stelle mir vor, dass Jesus selbst auch nicht gerade glücklich war in solchen Momenten. Auch für ihn fühlte es sich bestimmt nicht gut an, die Hoffnungen der Menschen zu enttäuschen, selbst wenn es die falschen Hoffnungen waren.

Es ist nicht unchristlich, nein zu sagen. Aber so nein sagen zu können wie Jesus, das verlangt auch etwas von mir. Es bedeutet, nicht danach zu fragen, was für mich gerade am leichtesten oder günstigsten ist, sondern darauf zu schauen, was der andere wirklich braucht.


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Dieser Beitrag wurde am 01.06.2021 gesendet.


Über den Autor Kaplan Bernhard Holl

Kontakt: bernhard.holl@erzbistumberlin.de

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