Gottesdienst am 10. Sonntag im Jahreskreis

aus der Pfarrkirche „St. Johannes Nepomuk“ in Finnentrop

Predigt von Pfarrer Bernhard Lerch

Da kommt man nun zum sonntäglichen Gottesdienst, vielleicht mit der ganzen Familie, um sich aus dem Glauben für das tägliche Leben stärken zu lassen, ja vielleicht sogar den lieben Kindern den Glauben als Leitbild für ein schönes Familienleben zu präsentieren, und dann das: Als Jesus die Ankunft seiner Familie mitgeteilt bekommt, wird er regelrecht patzig. Kein bisschen Freude über die liebe Family, die freundlich draußen stehen und höflich nach ihm fragt. Eine schroffe Erwiderung folgt:

„Wer ist meine Mutter, wer sind meine Brüder?“

Dann zeigt er auf die Menschen, die da gerade so um ihn herumsitzen und erklärt die kurzerhand zu seiner Mutter und seinen Brüdern. Was man einem pubertierenden Teenager nach tiefem Luftholen vielleicht gerade noch durchgehen lassen würde; bei einem erwachsenen Mann ist ein solch herzloses Verhalten eigentlich inakzeptabel.

Aber, liebe Schwestern und Brüder, ist Jesus wirklich herzlos gegenüber seinen Angehörigen? Schauen wir mal auf die Vorgeschichte, auf den Grund, weshalb sie sich überhaupt in Bewegung gesetzt haben. Alles, was seine Angehörigen wissen, ist, dass er viele Menschen anzieht und begeistert. Sie fordern ihn so sehr, dass er gar nicht mehr zum Essen kommt, wie es so schön heißt. Und das ist natürlich in den Augen der Familie unmöglich, es stört einen anständigen, geregelten Tagesablauf.

So etwas gehört sich nicht für den Sohn eines einfachen Zimmermannes, eines Jungen vom Dorf, eines Unstudierten. Auch vom Hass der etablierten Meinungsmacher haben die Angehörigen Jesu wohl schon gehört.

Die Schriftgelehrten, die wichtigen Leute damals, stellen ihn auf die Seite des Teufels, sie meinen ihm deshalb gar nicht zuhören zu DÜRFEN. Sich selbst das Zuhören zu verbieten, das scheint jedoch in Jesu Augen eine geradezu gotteslästerliche Verhaltensweise zu sein, denn die Gefahr ist groß, dass man am Ende dann sogar Gott nicht mehr zuhört.

Leider haben sich Jesu Angehörige von dieser Stimmung schon anstecken lassen. Kein Wort von Gott, stattdessen wird Jesus für „Von Sinnen“, also für verrückt erklärt. Den muss man wegschließen, so einem darf keiner zuhören, denn was würde das für ein Licht auf uns, seine Familie, alles anständige Menschen, werfen? So mögen sie gedacht haben, seine Verwandten, und so ziehen sie los und nur die vielen Menschen um Jesus herum hindern sie am schnellen und unauffälligen Zugriff.

Also, zunächst müssen wir feststellen, dass die Herzlosigkeit ganz auf der Seite der Verwandten Jesu liegt, sie sind allein um ihr Wohl und Ansehen besorgt. Der Mensch Jesus und der liebe Gott im Himmel sind aus dem Blick geraten. Natürlich schaden sie sich selbst am meisten mit diesem Verhalten.

Glauben kommt vom Hören und wenn man sich selbst das Hören untersagt, dann schneidet man sich selbst vom Heil durch den Glauben ab. Auch für seine Verwandten ist der Gottessohn Mensch geworden und hat den Weg der Erlösung beschritten. Aber Privilegien und Vorzugsbehandlung gibt es vor Gott nicht. Ein jeder Mensch ist zu einer freien Entscheidung für die Erlösung aufgerufen. Vetternwirtschaft oder Beziehungsgetue ergibt keine echten Überzeugungen, deshalb weist Jesus sie weit von sich, ja sogar für die eigene Mutter.

Dabei ist gerade Maria das beste Beispiel für die notwendig freie Mitwirkung an der Erlösung. Marias ganz und gar freies „Ja“ zu der Empfängnis Jesu durch die Wirkung des Heiligen Geistes ergibt sich aus dem aufmerksamen Zuhören. Maria hört Gott zu und erfüllt freiwillig seinen Willen. Dadurch wird sie auch für ihren Sohn zum schönsten Vorbild im Glauben.

Bei Maria gilt das wichtigste Wort Jesu aus dem heutigen Evangelium in klarster Weise:

„Wer den Willen Gottes erfüllt, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter.“

Wenn man es pointiert ausdrücken will, könnte man sagen: Nicht allein weil sie Jesu biologische Mutter ist, wird Maria besonders geehrt, sondern weil sie vorher Gott zugehört und seinen Willen erfüllt hat. Durch Hören und Tun wird sie Gottesmutter in der Gnade Gottes.

Wie gehen wir nun praktisch damit um? Natürlich fällt es uns Menschen schwer, vermeintlich wohlbegründete Privilegien hintenanzustellen, auch das Absehen von unserer bürgerlichen Alltagsbehäbigkeit ist lästig. Sich von den Meinungsmachern aller Zeiten, damals die Schriftgelehrten, heute die Influencer und Twitterkönige, nicht beeinflussen zu lassen ist harte Arbeit.

Oft hat man heutzutage im heftigen Streit unterschiedlichster Meinungen und der Konfrontation mit einer Fülle von Fake-News genau das mulmige Gefühl, das Jesus ausdrückt mit den treffenden Worten:

„Wenn ein Reich in sich gespalten ist, kann es keinen Bestand haben.“

Wie können wir uns vor zerstörerischer Polarisierung in allen Bereichen schützen? Jesus bietet da das Hören auf Gott an. Gott allein betreibt keine egoistische Interessenpolitik. Im Hören auf ihn können wir den geraden Blick auf die Realität immer wieder frei kriegen. Es wäre zutiefst herzlos, diesen Weg den Menschen zu verschweigen.

Und genau das tut Jesus auch nicht. Im Hören auf Gott erfahren wir Ihn als unseren gemeinsamen Vater und einander als Geschwister und Jesus als unseren Bruder und Erlöser. Wer mit diesem Blick Gottes auf die Welt schaut, wird die Faszination erleben, die damals so viele Menschen zu Jesus trieb, die Faszination Schwester und Bruder des Gottessohnes höchstpersönlich sein zu dürfen.

Das wünsche ich Ihnen und auch der Familie vom Anfang der Predigt, die ja ganz zu Recht in die Kirche kam, um das Familienleben bereichern zu lassen. Im Hören auf Jesus gelingt das mit Sicherheit und mit großer Freude.

Amen.


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Dieser Beitrag wurde am 06.06.2021 gesendet.





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