Gottesdienst an Fronleichnam

aus der Kirche der Katholischen Akademie „Die Wolfsburg“ in Mülheim an der Ruhr

Predigt von Generalvikar Klaus Pfeffer

Wie groß ist die Sehnsucht, endlich wieder unbefangen mit anderen Menschen zusammen zu kommen: Sich in den Arm zu nehmen, miteinander zu essen und zu trinken, nach Herzenslust zu feiern – und all das ohne Masken, ohne Sorge und Angst – einfach so, weil es gut tut und weil niemand von uns auf Dauer ohne menschliche Nähe leben kann.

An einem Feiertag wie heute wird das besonders spürbar – zum zweiten Mal in Folge: keine Prozessionen, keine festlichen Gottesdienste unter freiem Himmel, kein fröhliches Zusammensein, wie es in vielen Gemeinden mittlerweile am Fronleichnamstag üblich ist.

Wenn die Pandemie eines zeigt, dann dies: Wir können auf Dauer nicht alleine leben! Wir brauchen einander. Wir brauchen Gemeinschaft, Trost und Halt, das Vertrauen, nicht alleine zu sein.

Die zunehmende Gereiztheit, die in den letzten Monaten um sich greift; die Ungeduld; die Suche nach Schuldigen für die Pandemie mit all ihren Folgen; auch die Tendenz, zu verleugnen oder zu verharmlosen – all das ist eigentlich Ausdruck der Sehnsucht nach einem Leben, in dem wir uns sicher und geborgen fühlen – nicht allein, nicht ausgeliefert einer unheimlichen Naturgewalt in Gestalt eines tückischen Virus.

Oft höre ich den Satz in meinem Freundes- und Bekanntenkreis:

„Wenn das alles vorbei ist, dann feiern wir mal wieder so richtig!“ Und das kann ich sehr gut nachvollziehen. Bereits die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Essener Generalvikariat, dem ich vorstehe, haben mir vor ein paar Wochen gesagt: „Seit eineinhalb Jahren hatten wir keine größere Zusammenkunft mehr, kein Betriebsausflug, kein adventliches Fest, nur sehr reduzierte Gottesdienste. Wir brauchen so dringend mal wieder ein Fest, damit wir uns spüren, dass wir noch da sind!“

Es ist kein Zufall, dass das zentrale Symbol des Christentums ein Fest ist, ein Mahl mit Essen und Trinken. Jesus hat zu seinen Lebzeiten immer wieder das gemeinsame Essen und Trinken geliebt; er hat dazu eingeladen und ist selbst gerne eingeladen worden. Das Fest-Mahl ist Ausdruck von Gemeinschaft – es stärkt, versöhnt, verbindet.

Am Ende seines irdischen Lebens hat er seinen Nachfolgerinnen und Nachfolgern aufgegeben, an diesem Symbol festzuhalten – mit dem Versprechen, dass ER dann mitten unter ihnen ist, wenn sie nach seinem irdischen Tod in seinem Namen zum Mahl zusammenkommen.

Dafür steht die Eucharistie, das Abendmahl – in allen christlichen Konfessionen. In der katholischen Kirche erinnert das heutige Fronleichnamsfest ausdrücklich daran. Leider ist dieses Symbol in der Kirchengeschichte bis heute zu einem konfessionellen Streitfall geworden.

Es geht um die Frage: Wie ist das Abendmahl, die Eucharistie „richtig“ zu verstehen? Welche Voraussetzungen gelten, um daran teilnehmen zu dürfen? All das liegt wie ein Schatten über der Faszination, die zutiefst mit diesem Sakrament verbunden ist.

Die Faszination ist nämlich das Versprechen Jesu:

„Ich lasse euch Menschen nicht allein.“

Und die Erfüllung dieses Versprechens können wir ganz konkret spüren und erfahren, wenn wir als Gemeinschaft zusammenkommen und im Vertrauen auf dieses Versprechen Jesu miteinander das teilen, woraus wir leben: Brot und Wein, aber auch uns selbst. 

Die Eucharistie, das Abendmahl bringt eine tiefe Wahrheit zum Ausdruck – nicht nur für die Katholiken: Wir Menschen können nicht alleine leben – und wir brauchen auch nicht alleine zu leben. Es gibt Gott und in IHM sind wir alle geborgen. In diesem Glauben können wir uns gegenseitig Halt geben, Verbundenheit leben, uns in Solidarität üben.

Wo auch immer das geschieht, wächst innere Kraft, wächst Zuversicht in schwierigen Zeiten, wächst der Glaube, dass wir im Vertrauen zu Gott und zueinander auch durch die schwierigsten Zeiten kommen.

Ich weiß – die Stimmungslage spricht derzeit eine andere Sprache. In unserer Kirche liegt vieles im Argen, es gibt erbitterten Streit. In Gesellschaft und Politik ist das auch nicht anders – gerade die Corona-Pandemie hat das offen gelegt. Es ist ein gefährlicher Zug unserer Zeit, dass derzeit eher das Misstrauen wächst, der Konkurrenzkampf zunimmt und das Prinzip „Ich zuerst“ weiter um sich greift. All das vergiftet und zerstört unser Zusammenleben.

Die Botschaft Jesu Christi steht dem entgegen: Jesus wirbt dafür, dass wir Menschen beieinanderbleiben und begreifen, dass wir als Kinder des einen Gottes Geschwister sind und nur miteinander, aber niemals gegeneinander und auch nicht jeder für sich dieses Leben auf dieser Erde bestehen können. Das Mahl, mit dem Jesus diese Verbundenheit neu begründet hat, ist deshalb auch ein Appell, zusammen zu rücken, das Verbindende zu suchen in unserer Gesellschaft, in der Politik, in unseren Kirchen.

Die Sehnsucht, die die meisten von uns in dieser Pandemie wie nie zuvor spüren, zeigt mir: Die Botschaft Jesu ist von ungebrochener Aktualität. Niemand von uns weiß, ob die Pandemie wirklich bald bezwungen ist und ob sich die Sehnsucht nach dem unbeschwerten Beisammensein tatsächlich erfüllt. Und doch haben wir es in der Hand, durch unser aktives Tun mitzuhelfen, die Atmosphäre in unserem Land, in unseren Kirchen zu verwandeln – hin zu mehr Gemeinsamkeit, zu mehr Verbundenheit und Solidarität.


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Dieser Beitrag wurde am 03.06.2021 gesendet.





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