Morgenandacht, 31.05.2021

von Kaplan Bernhard Holl, Berlin

Titanic

Heute vor 110 Jahren lief im nordirischen Belfast ein Schiff vom Stapel, das noch immer weltberühmt ist. Die RMS Titanic war das größte Schiff ihrer Zeit und sank bereits bei ihrer ersten Überquerung des Atlantik.

Es ist bis heute das bekannteste Schiffsunglück aller Zeiten – Dabei gab es gemessen an der Anzahl der Todesopfer weitaus schwerere Katastrophen auf See; in den Weltkriegen, aber auch in der zivilen Schifffahrt.

Seit alters her weiß die Menschheit von den Gefahren der Hohen See. Erzählungen über Schiffbrüchige von Odysseus über den Apostel Paulus bis zu Robinson Crusoe sind fester Bestandteil unseres kulturellen Erbes.

Aber genau hier liegt auch ein Grund, warum der Untergang der Titanic die Menschen so tief erschütterte und sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt hat: Anfang des 20. Jahrhunderts glaubte man, die Risiken der Schifffahrt endlich beherrschen zu können.

Die mächtigen Überseedampfer mit ihrem Stahlgehäuse und Dampfantrieb sollten das Reisen auf dem offenen Meer endlich zuverlässig und sicher machen. Groß und gewaltig wie die Titanen der klassischen Mythologie, galt die nach ihnen benannte Titanic als unsinkbar.

Es war rückblickend wohl nicht die verheißungsvollste Namenswahl, denn schon die Titanen der Legende verloren den Kampf mit den olympischen Göttern und wurden in die Unterwelt des Tartaros hinabgeworfen.

In jedem Fall war der Schock enorm, als die Nachricht vom Untergang der Titanic um die Welt ging. Erst mit historischem Abstand verlor die Katastrophe ihren unmittelbaren Schrecken.

Heute lautet eine humorvoller Aphorismus: Die Titanic wurde von Profis gebaut – die Arche Noah von einem Amateur. Eine Ermutigung für alle, die ihr Bestes geben, auch wenn sie keine Fachleute sind. Doch das ist sicher nicht der einzige Unterschied zwischen beiden Bauprojekten.

Auf der einen Seite stehen historische Personen, auf der anderen eine Gestalt der biblischen Erzählkunst. Von Noah heißt es, dass er im Auftrag Gottes handelte, der Reederei der Titanic wurde vorgeworfen, sich allzusehr am Profit zu orientieren.

Die Pointe des Vergleichs ist aber natürlich: Das eine Schiff ging unter, das andere hielt. War es nun der Amateurstatus des Noah, der ihn so erfolgreich machte? Oder war es der Umstand, dass er dem Plan Gottes folgte?

Ich bin sicher, kein Theologe würde heute noch behaupten wollen, dass es Gott ist, der nach seinem Gutdünken Schiffe sinken lässt oder sicher ans Ziel führt.

Und doch sprechen im Grunde beide Geschichten davon, dass Menschen sich selbst und ihr Leben so erfahren: Nicht immer, aber immer wieder finden wir uns in Situationen, die wir nicht unter Kontrolle haben; ausgeliefert einem unbekannten Schicksal und dabei vielleicht nur noch mit der Hoffnung, dass es einen gütigen Gott gibt, der uns retten kann.

Es wäre ein klassischer Fehlschluss, aus dem Vergleich zwischen Arche und Passagierdampfer zu folgern: Gottvertrauen schlägt Ingenieurkunst. Ganz sicher gab es auch auf der Titanic mehr als genug Menschen, die darum beteten, dass ihr Schiff nicht unterginge.

Und Noah musste mehr einsetzen als seinen guten Glauben. Die Bibel beschreibt in großer Ausführlichkeit, welche Holzsorte er verwendete, welche Maße die Arche hatte und wie viele Stockwerke dazu gehörten.

Wie wäre es, wenn wir versuchten, in der Geschichte unseres Lebens beides zu sein: Ingenieure und Gottesfürchtige?

Der heilige Ignatius von Loyola hat das einmal auf einen Satz gebracht: Handle so, als ob alles von dir abhinge und nichts von Gott. Doch vertraue so auf Gott, als ob alles von ihm abhinge und nichts von dir.


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Dieser Beitrag wurde am 31.05.2021 gesendet.


Über den Autor Kaplan Bernhard Holl

Kontakt: bernhard.holl@erzbistumberlin.de

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