Wort zum Tage, 29.05.2021

von Ute Eberl, Berlin

Und nochmal Geduld

Nicht die Geduld verlieren – wie oft sage ich es mir selbst und wie oft wird es mir gesagt. Wir sind geduldig in diesen Tagen und wir verzichten.

Um uns bald wieder mit Freunden zu treffen, Kolleginnen mit Vor-Ort Applaus würdig in den Ruhestand zu verabschieden, um die Kinder wieder in der Schule gut aufgehoben zu wissen, irgendwann auch wieder ins Kino zu gehen.

Und – das betrifft nicht wenige – um der Einsamkeit ein Ende zu setzen. Endlich wieder im Chor singen, sich im Sportverein auspowern, den Urlaub planen!

Wir verzichten, tun dies mit großer Geduld und dem Blick auf die Inzidenzzahlen. Wir waren geduldig und jetzt zeichnet sich ganz langsam ab, dass es sich gelohnt hat.

Ich will für Geduld werben. Ja, Geduld darf auch nerven. Aber wer weiß, wo er hin will, ist bereit, dafür geduldig zu sein.

Klingt fast biblisch. In der Bibel heißt es in einem Gleichnis:

„Mit dem Himmelreich ist es wie mit dem Sauerteig, den eine Frau nahm und unter einen großen Trog Mehl mischte, bis das Ganze durchsäuert war.“

(Mt 13,33)

Sauerteig ist auch so eine Geduldsprobe. Dabei braucht man nicht viel mehr als Wasser, Mehl, viel Liebe für Mikroben und die richtige Wärme.

Vor allem aber braucht man Geduld. Schnell, schnell geht da gar nichts – der Sauerteig will regelmäßig gefüttert werden. Nicht zufällig haben viele das Brotbacken in diesen Zeiten als Hobby entdeckt. Ich hab’s auch ausprobiert.

Geduld haben klingt irgendwie nicht so schick, eher so wie etwas erdulden und nicht genau wissen, wann sich der Erfolg einstellt. Dabei ist Geduld eine höchst aktive Eigenschaft.

Fragen Sie Eltern, wie lange es dauert, bis ihre Kinder durchschlafen. Da wird eine ganze Menge ausprobiert, Ratgeber befragt, das Bettchen mal da oder dorthin geschoben. Aber klar ist auch: Irgendwann schläft jedes Kind durch.

Welche Initiative der Eltern jetzt genau ausschlaggebend war – so ganz genau weiß man das nicht. Aber das Ziel hatten die Eltern immer vor Augen. Und eine Menge Geduld.

Die derzeitige Geduldsschule verlangt uns viel ab, manchem auch zu viel. Ja, ich darf auch müde werden. Ich muss mich nicht verstecken mit meiner Klage.

Aber das Ziel, das haben wir vor Augen.


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Dieser Beitrag wurde am 29.05.2021 gesendet.


Über die Autorin Ute Eberl

Ute Eberl ist Diplomtheologin, und arbeitet  als Referentin im Seelsorgeamt des Erzbischöflichen Ordinariats Berlin. Sie ist verheiratet und hat drei Töchter.

Kontakt
ute.eberl@erzbistumberlin.de

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