Wort zum Tage, 28.05.2021

von Ute Eberl, Berlin

Meine Kirchenbank

Der Schweiß von über 100 Jahren klebt an ihr. Sie hält Tränen der Freude genauso aus wie feuchte Hände und Traurigkeiten.

Ich spreche von der Kirchenbank, in der ich gern mal unter Woche sitze. Eine „sichere Bank“ ist sie für mich, jenseits meiner momentanen persönlichen Stimmung. Ja, wie eine Garantie.

Ich kann mich an der Bank festhalten und ich werde von ihr gehalten. Nicht nur von der Bank sondern auch von der Hoffnung, mit der viele vor mir und vielleicht auch nach mir hier ihr Leben, ihre Sorgen und ihre Freude Gott hinhalten.

Ich verbünde mich gerne mit denen, die hoffen. Hoffnung kommt nicht großspurig daher. Hoffnung ist auch nichts für Satte und für Alleswisser.

Charles Péguy, ein französischer Schriftsteller, nennt die Hoffnung die „kleine Schwester“ von Glaube und Liebe. Die kleine Schwester, die nicht im Vordergrund steht, aber ohne die das Lebenselexier fehlt.

Jetzt in der Frühlingszeit haben nicht alle, aber viele Kirchen ihre Türen geöffnet: für Schattensucher genauso wie für Kunstinteressierte. Die Kirchen laden ein zum Ausruhen. Bank und Stille gibt es gratis. Ja und auch das Angebot, ein Stück seiner eigenen Lebensgeschichte hineinzuweben in das unsichtbare Netz der Hoffnungen.

Es tut gut, sich in dieses Netz zu werfen. Nicht perfekt und durchorganisiert sein müssen oder schon für alles einen Plan haben. Aber sich mit denen zu verknüpfen, die nicht nur bis zur nächsten Wahl oder zur eigenen Pensionierung denken und laut „nach mir die Sintflut“ rufen.

Nicht dass es dazu die Kirchenbank bräuchte – aber mir tut sie einfach gut. Ich gönne mir die Kirchenbank, den heiligen Raum, der eben nicht das vertraute Wohnzimmer zuhause ist.

Ich stelle mir hier ganz plastisch vor, wie die Sehnsucht nach dem guten Leben die Menschen vor mir und nach mir verbindet. Nicht weil sie ähnliche Worte gesprochen hätten.

Nein, dazu sind Menschen und ihre Anliegen viel zu unterschiedlich. Sondern weil sie hoffen, weil die „kleine Schwester“ Hoffnung ihnen wie ein Schalk im Nacken sitzt. Nicht prahlerisch und großspurig, aber doch mächtig. Wie ein Aufschwung der Herzen. Das verbindet. In der Kirchenbank verbinde ich mich mit dem Aufschwung der Herzen.

Und sollte die Kirchentür bei Ihnen verschlossen sein, klingeln Sie Sturm am Pfarrhaus. 


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Dieser Beitrag wurde am 28.05.2021 gesendet.


Über die Autorin Ute Eberl

Ute Eberl ist Diplomtheologin, und arbeitet  als Referentin im Seelsorgeamt des Erzbischöflichen Ordinariats Berlin. Sie ist verheiratet und hat drei Töchter.

Kontakt
ute.eberl@erzbistumberlin.de

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