Wort zum Tage, 27.05.2021

von Ute Eberl, Berlin

Knoten lösen

Bekamen wir früher ein Paket geschickt, war es der Stolz meiner Mutter, die Schnur, die um das Paket gebunden war, nicht zu zerschneiden. Meine Mutter löste alle Knoten und hob das Band natürlich sorgfältig auf.

Ich habe diese Geduld meist nicht. Ich zerschneide schnell die Paketschnur, obwohl ich dabei immer ein bisschen ein schlechtes Gefühl habe und es befriedigender finde, einen Knoten aufzudröseln. Das ist eine Art Sport für mich.

Gehören Sie eher zu den geduldigen Lösern oder zu den Zerschlägern von Knoten? Beides hat ja was.

Für das Zerschlagen von Knoten gibt es ein berühmtes Beispiel: Alexander der Große. Er durchtrennt mit einem einzigen Schwerthieb den berühmten gordischen Knoten, den bisher niemand zu lösen vermochte. Eine effektive, aber brutale Methode, um Knoten zu lösen.

Das langsame Entwirren und Auflösen ist eleganter. Es ist nicht so zerstörerisch. Es verlangt eine größere Geduld, ja auch Einfühlungsvermögen und Geschicklichkeit.

In Augsburg, in der St. Peter-Kirche, gibt es ein Marienbild. Die Gottesmutter Maria ist dort dargestellt mit einem langen verknoteten Band in den Händen, das ihr die Engel reichen.

Maria löst einen Knoten nach dem anderen. Sie macht es, wie ich es von meiner Mutter kenne. Bei den Menschen von Augsburg und Umgebung ist das Bild der „Knotenlöserin“ sehr beliebt, immer beten Menschen davor. Dieser Wunsch, dass sich Knoten lösen…

Bilder für die Knoten, die uns das Leben zumutet oder die wir uns selbst schaffen, muss ich nicht aufzählen – Verstrickungen mit unseren Allerliebsten, auf der Arbeit, ja oder auch Knoten in der Seele.

Die „friedliche“ Lösung, etwas behutsam entwirren, hat viel für sich. Das Zerschlagen schafft oft nur neue Probleme.

Allerdings erfordert die friedliche Lösung Geduld. Gar nicht so einfach, wenn ich einfach etwas weghaben und los sein will, und zwar möglichst schnell.

Aber das wäre auch eine Illusion. Vieles braucht einfach Zeit, Geduld und Annahme. Braucht Zärtlichkeit und Klarheit. Auch Konsequenz und Klugheit. Und dann löst sich doch so manches.

Manchmal mag auch das Durchschlagen eines Knotens dran sein, eine klare und scharfe Trennung. Denn ein Ende mit Schrecken ist besser als ein Schrecken ohne Ende.

Aber ich glaube, wenn man etwas auf Dauer lernen will für sein Leben, dann ist es besser, sich an das mühsame Entwirren und Auflösen zu machen.

Dann kann ich vielleicht besser herausfinden, warum ich mich immer wieder in derselben Schlinge verfange.


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Dieser Beitrag wurde am 27.05.2021 gesendet.


Über die Autorin Ute Eberl

Ute Eberl ist Diplomtheologin, und arbeitet  als Referentin im Seelsorgeamt des Erzbischöflichen Ordinariats Berlin. Sie ist verheiratet und hat drei Töchter.

Kontakt
ute.eberl@erzbistumberlin.de

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