Wort zum Tage, 25.05.2021

von Ute Eberl, Berlin

Schwarze Madonna

Als wir das Haus meiner Schwiegermutter räumen mussten, war da noch Maria übrig. Also eine Marienfigur aus dem Wallfahrtsort Altötting, so ein Meter hoch, in aller Pracht.

Viele Jahre hatte diese Marienfigur ihren Platz direkt über der Eingangstür am Haus meiner Schwiegermutter. Sie selbst war begeisterte Wallfahrerin. Ja - Maria, die Mutter von Jesus, hatte schon einen besonders großen Platz in ihrem Herzen.

Das ganze Haus hatten wir ausgeräumt – und jetzt noch die Frage: was machen wir mit Maria? Keiner von uns hat ein eigenes Haus und keiner von uns teilte ihre Wallfahrtsleidenschaft so ganz und gar.

Wir hatten damals Maria mitgenommen nach Berlin. Sie hat einen Platz in unserem Schrebergarten bekommen. Je nach Jahreszeit ist sie gut sichtbar, nicht nur für uns, sondern auch für Spaziergänger, oder eben fast eingehüllt vom Efeu.

Am Gartenzaun fragt mich der neue Nachbar, ob unsere Maria so eine Maria aus Guadeloupe sei, wie die „schwarze Madonna“ aus Mexiko. Er hätte den größten Wallfahrtsort der Welt vor Jahren bei seiner Mexikoreise besucht.

Also nicht, dass er mit Marienfiguren etwas anfangen könne, er habe mit Glauben und so nichts zu tun, aber die schwarze Madonna sei schon ein starkes Zeichen. Der Wallfahrtsort wäre so was wie ein Hoffnungsort, für Alte wie für Junge. Und Figuren und Bilder der schwarzen Madonna gäbe es dort in jedem Haus. Das hätte ihn schwer beeindruckt.

Ich kläre das mit Guadeloupe und Altötting rasch auf. Aber er hat richtig hingeschaut. Auch unsere Altöttinger Madonna, halb hinterm Efeu, ist eine dunkle Madonna.

Und noch während er von seiner Begegnung mit der Maria aus Guadeloupe erzählt, und vor allem von der Hoffnung, mit denen die Menschen dort zur schwarzen Madonna kommen, schießen mir Zeilen aus dem biblischen Lobgesang Mariens durch den Kopf:

„Meine Seele preist die Größe des Herrn“,

heißt es dort.

„Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind; er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen.“

(Lk 1, 46 ff)

Mir sind diese Worte vertraut, aber durch seine Geschichten aus Guadeloupe habe ich ganz neu ihre Kraft gespürt. Er, der von sich sagt, dass er mit Glauben so gar nichts zu tun hat, hat mir Hoffnungsgeschichten erzählt. Hoffnungsgeschichten, die sich empört gegen Ungerechtigkeit wehren.

Kurzum: Unsere Maria hat jetzt einen prominenten Platz in unserem Garten bekommen. Seit vier Wochen steht sie bei uns in der ersten Reihe.


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Dieser Beitrag wurde am 25.05.2021 gesendet.


Über die Autorin Ute Eberl

Ute Eberl ist Diplomtheologin, und arbeitet  als Referentin im Seelsorgeamt des Erzbischöflichen Ordinariats Berlin. Sie ist verheiratet und hat drei Töchter.

Kontakt
ute.eberl@erzbistumberlin.de

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