Gottesdienst an Pfingsten

aus der Pfarrkirche Zum Guten Hirten, Berlin-Friedrichsfelde

Predigt von Pfarrer Martin Benning

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer.

Wie befreiend und wohltuend wirkt es, mal so richtig Luft holen zu können – etwa an einem schönen Frühlingstag in freier Natur.

„Atmen Sie mal tief durch“,

sagt mir mein Arzt. Das ist auch mein Wunsch für alle, die hier in der Kirche Zum Guten Hirten in Berlin-Friedrichsfelde und für alle, die über die Medien mit uns Gottesdienst feiern:

Atmen Sie mal tief durch!

Mein Wunsch gilt ganz besonders unserem Geburtstagskind, der Kirche. Sie feiert an Pfingsten ihren Gründungstag.

Und sie braucht einen besonders langen Atem. Der Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch Amtsträger ist nicht mal eben durch ein paar salbungsvolle Worte klein zu reden, sondern muss jetzt unverzüglich und ehrlich aufgearbeitet werden.

Der von vielen empfundene Reformstau ist nicht mal eben mit ein paar Dekreten beseitigt.

Ich empfehle - ganz unbescheiden - meiner Kirche, jetzt mal wirklich tief Luft zu holen und längst überfällige Schritte zu gehen.

Schritte auf die Opfer von Machtmissbrauch zu.

Auf die wiederverheirateten Geschiedenen.

Auf Suchende, die sich ausgegrenzt fühlen ob ihrer sexuellen Orientierung.

Auf kritische Denkende, denen die Aussage „Wir haben die Wahrheit!“ nicht genügt.

Auf die Brüder und Schwestern anderer Konfessionen in Sachen Mahlgemeinschaft.

Lüften wir also richtig durch, damit der Atem Gottes, im hebräischen „Ruach elochim“ - übrigens richtig übersetzt „Geistin Gottes“ - unserer Kirche – also uns allen - mal richtig Wind machen kann.

Ja, liebe Schwestern und Brüder, wir haben richtig gehört: In der Sprache Israels ist Gottes Geist weiblich.

Zum Beispiel dann, wenn wir uns in unsre Gemeinden und Gemeinschaften zurückziehen wie die Apostel damals: hinter verschlossene Türen, gut eingerichtet, doch verzagt und ängstlich in freiwilliger Isolation.

Eine echte Aufbruchstimmung – oft vermisse ich sie.

Wie der Auferstandene am Abend des Ostertags diese Isolation durchbrach, genauso hat er die Kraft, die Blockaden und die Resignation der Jüngerinnen und Jünger unserer Tage zu durchbrechen.

Ja, lüften wir durch, auch die ganz persönlichen Denkmuster.

Öffnen wir all die Schubladen, in die wir unsere Meinungen und Vorurteile gepackt haben.

Es ist ja auch leicht, liebe Schwestern und Brüder, auf Fehler und Schwächen der anderen zu verweisen und sich dahinter zu verstecken.

Das ist aber nicht das Lebensprogramm Jesu.

Er geht gerade auf die zu, die zweifeln, die Mühe haben, ihr Leben zu ordnen und zu gestalten.

Das ist dann sein Auftrag an uns: Dass wir die Ketten der Selbstgenügsamkeit zerbrechen, in die Welt hinausgehen und die frohe Botschaft verkünden.

Dazu benötigen wir einen langen Atem; den Atem des Geistes, den Jesus seinen Jüngern einhaucht.

Es ist ein Hauch von Freundschaft, von Beistand und Weggemeinschaft, ein Hauch von liebender Gegenwart.

Mit einem Atemzug hat Jesus seine Jüngerinnen und Jünger ausgesandt. Seitdem ist die Kirche unterwegs als Volk Gottes.

Nicht organisiert in Heimatvereinen mit katholischem Mäntelchen drumherum, sondern als pilgernde, suchende, betende und als unendlich hoffende Gemeinschaft.

Also, liebe Kirche: Nimm den Hauch Deines Gründers auf, diese kreative Kraft, die Geistin Gottes, wenn man die Übersetzung aus dem Hebräischen ernst nimmt. Nimm den Hauch Deines Gründers auf – und hab keine Angst vor neuen Wegen!

Christus ist mit Dir unterwegs – alle Tage bis zum Ende der Zeiten!

Von daher gilt: Bitte alle einmal tief durchatmen!

Das ist mein Wunsch für unsere Gemeinden, für unsere Gesellschaft, für unser Geburtstagskind, die Kirche.


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Dieser Beitrag wurde am 23.05.2021 gesendet.





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