Am Sonntagmorgen, 16.05.2021

von Christian Feldmann, Regensburg

„Heilen muss die Natur.“ Zum 200. Geburtstag von Pfarrer Sebastian Kneipp

Wasserdoktor“ oder „Kräuterpfarrer“ wurde Sebastian Kneipp genannt: Für seinen Hang zur Naturheilkunde wurde der Priester zu Lebzeiten nicht nur gefeiert, sondern hatte auch Neider und Kritiker. Kneipp, der schon früh lernen musste, sich durchzusetzen und einen langen Atem zu bewahren, ließ sich davon nicht beirren.

© Selbsterstellter Scan aus "Das grosse Kneippbuch von 1915", gemeinfrei

Im Garten des Münchner Georgianums, wo sich begabte Stipendiaten aus allen Bistümern Bayerns auf die Priesterweihe vorbereiten, spielen sich im Jahr 1850 allnächtlich gespenstische Szenen ab: Kaum haben die Kirchturmuhren die Geisterstunde verkündet, öffnet sich ein Hörsaalfenster im Erdgeschoß, ein großgewachsener Mensch im langen weißen Nachtgewand schwingt sich behände über die Brüstung, schleicht zum Springbrunnen in der Gartenmitte, entledigt sich blitzschnell seiner Kleider und steigt in das Bassin.

Die unheimliche Gestalt greift nach einer offenbar zuvor bereitgestellten Gießkanne, lässt eiskaltes Wasser über ihren Körper fließen, von den Schultern bis zu den Knien und wieder aufwärts die Brust hinauf, rhythmisch und regelmäßig, als handle es sich um einen geheimnisvollen Ritus.

Eine knappe Minute dauert der Spuk, dann zieht sich das geisterhafte Wesen rasch wieder an, trägt die Gießkanne in den nahe gelegenen Geräteschuppen und verschwindet durch das Fenster im Haus.

„Not lehrt beten“

Ein zufälliger Augenzeuge hätte den unheimlichen Nackten im Springbrunnen für einen Verrückten oder ein Gespenst halten können. Heute wissen wir freilich, dass bei jenen Bädern zur Geisterstunde der Grund für eine revolutionäre Heilmethode gelegt wurde.

Denn der Student, der da durch den finsteren Garten zum Springbrunnen tappte, hieß Sebastian Kneipp. Was er später in seinen weltweit verbreiteten Büchern empfahl, hat er damals als Priesterseminarist hundertfach am eigenen Körper ausprobiert. Als 68-jähriger sagte Sebastian Kneipp darüber:

„Mich hat nicht der Beruf oder die Vorliebe für das Medizinieren dazu gebracht, die heilsamen Wirkungen des Wassers zu erproben, sondern die bittere Not. Not lehrt beten und seinen Verstand gebrauchen! Nach dem Urteil zweier vorzüglicher Ärzte war ich am Rande des Grabes; beide hielten mich für verloren; durch die Hilfe des Wassers allein lebe ich heute noch und bin munter und guter Dinge.“

Träumen von Büchern und frischer Luft

Als junger Mensch ist Kneipp tatsächlich ein Todeskandidat gewesen. Geboren wurde er am 17. Mai 1821 im Dörfchen Stephansried bei Ottobeuren, mitten in der blühenden Allgäuer Landschaft. Er durfte also in gesunder Luft aufwachsen.

Aber seine Heimat war ein armseliges Weberhäuschen, und wenn die kalte Jahreszeit kam, musste der Junge hinunter in den feuchten, stickigen Keller, um seinem Vater am Webstuhl zu helfen. Feucht musste so ein Gewölbe sein, damit das Garn nicht spröde wurde und der Faden nicht riss.

Doch der Mangel an frischer Luft, der Staub und die kalkhaltigen Ausdünstungen von Schafswolle und Kälberhaar bescherten dem jungen Sebastian einen chronischen Luftröhrenkatarrh. Ein Schicksal, das er mit vielen Webersleuten teilte. Aber er litt noch an einer anderen Not: Er träumte von Büchern, vom Studieren.

„Wenn ich meine Eltern bat, mich studieren zu lassen, so war gewöhnlich die Antwort: ‚Wir haben kein Geld, und wollte dich unser Herrgott zum Studenten, so hätte er uns auch Geld gegeben.‘ Ich war wie der Hund an der Kette.“

Ein steiniger Weg zum Studium

In Sebastian Kneipp reifte ein verwegener Entschluss: Er musste sich selbst so viel Geld erarbeiten, um zumindest den Beginn eines Studiums finanzieren zu können. Sebastian begann wie ein Besessener zu schuften, als Maurergehilfe, als Knecht und Erntehelfer.

Nach drei Jahren hatte er ein Kapital von siebzig Gulden – um ein Studium anzufangen, würde er zweitausend brauchen, hatte man ihm gesagt. An seinem einundzwanzigsten Geburtstag legte ein Großfeuer das ganze Dorf in Schutt und Asche, auch das Weberhäuschen brannte ab, mit Sebastians siebzig Gulden.

Ein anderer wäre in Verzweiflung verfallen oder hätte zum Strick gegriffen. Sebastian begann durch ganz Bayern zu wandern, sprach bei Pfarrherren, Ruhestandspriestern, Schulmeistern vor. Nach Monaten fand er endlich einen barmherzigen Kaplan, der ihm in mühseligem Privatunterricht die Anfangsgründe des Lateinischen beibrachte.

In zwei Jahren eignete sich der ungeübte, etwas hölzerne, aber unendlich fleißige und dankbare Schüler den Stoff von fünf Gymnasialklassen an. Mit dreiundzwanzig Jahren wechselte er auf das Gymnasium Dillingen über, drückte die Schulbank zusammen mit Fünfzehnjährigen, die ihn halb spöttisch, halb bewundernd „Papa Kneipp“ nannten.

Ein Totgeweihter wird gesund

Doch die Abschlussprüfung schaffte er nur mit letzter Kraft. Das alte Lungenleiden war voll ausgebrochen, Kneipp spuckte Blut, die Ärzte stellten eine schnell fortschreitende Schwindsucht fest. Damals ein Todesurteil.

Da entdeckte der sterbensmüde Student und Priesteramtskandidat zufällig ein unscheinbares Büchlein, im 18. Jahrhundert verfasst von einem schlesischen Arzt, mit dem Titel:

„Unterricht von Krafft und Würckung des frischen Wassers in die Leiber der Menschen.“

Und nun begann er mit den kalten Waschungen, mit kurzen Bädern im Wasser der Donau und später im Münchner Springbrunnen, bei Temperaturen, die im Winter bis zu 15 Grad minus betrugen.

„Müde ging ich hinaus, neu aufgefrischt und gestärkt ging ich jedes Mal heim. Mein Geist wurde denkfähiger, ich konnte regelmäßig die Vorlesungen anhören und habe somit bei meinem Examen vollständig befriedigt.“

Kurieren verboten 

Tatsächlich fand der Arzt den vor kurzem noch Todgeweihten vor der Priesterweihe kerngesund. Seine Rosskuren sprachen sich natürlich herum.

An seinen ersten Seelsorgestationen war der Hochwürdige Herr Kaplan Kneipp nicht nur für seine etwas derben Predigten bekannt und für seine erstaunliche Kenntnis der Bauernarbeit, sondern auch für hervorragende Hausmittel gegen alle möglichen Krankheiten.

Seine Hilfsbereitschaft brachte dem in weltlichen Dingen immer etwas naiven Priester freilich nicht nur dankbare Bewunderung ein, sondern auch giftigen Neid und massive Probleme mit seinen Vorgesetzten.

„Gewerbsbeeinträchtigung“ warf ihm ein Apotheker vor, wegen „Kurpfuscherei“ sollte er Strafe zahlen, Mediziner zeigten ihn beim Augsburger Regierungspräsidenten an. Das Bischöfliche Ordinariat hatte die Probleme mit dem Wunderheiler im Priesterrock bald satt; er solle sich endlich auf die Seelsorge beschränken und das Kurieren anderen überlassen, ließ man ihn wissen.

„Soll am Ende nicht helfen dürfen, wer zu helfen vermag?“, 

fragte Kneipp verzweifelt, aber auch selbstbewusst zurück. Sollte er die Dienstboten und alten Bauersfrauen denn wieder nach Hause schicken, die vergeblich von Arzt zu Arzt gelaufen waren oder kein Geld für teure Medikamente hatten?

Am Sterbebett einer an Blutfluss leidenden Frau hatte er gesessen, der er die Letzte Ölung geben sollte. Neun Kinder weinten um die Mutter. Kneipp riet zu kalten Sitzbädern und empfahl einen Tee aus Mistel und Zinnkraut. Die Todeskandidatin wurde wieder gesund.

Pfarrer, Klosterbeichtvater und Wasserdokotor

Mittlerweile war Kneipp Pfarrer und Klosterbeichtvater in Wörishofen geworden. Die Kranken kamen in Scharen, aus der nahen und weiten Umgebung: Bettelleute und Tagelöhner, Bauernmägde und Handwerker, aber auch Kneipps Mitstudenten von einst, von denen es manche zum Domherrn oder Theologieprofessor gebracht hatten.

© Ismael Gentz, 1862 - 1914 (Artnet) - Die Gartenlaube 1895, Sammelband, Nr. 4, S. 61, Verlag Keil's Nachfolger in Leipzig

Schon in den Morgenstunden standen sie in langer Reihe vor dem Badehäuschen im Wörishofener Klostergarten und warteten geduldig auf den Herrn Beichtvater. 

Der sogenannte „Wasserdoktor“ hatte seine Heilmethoden im Lauf der Jahre erprobt und immer mehr verfeinert. Statt die eigene einstige Rosskur mit eisigem Wasser einfach zu wiederholen, passte er seine Kunst behutsam den Beschwerden und Bedürfnissen des einzelnen an. 

Kneipps „Geheimnis“

Bei Kindern und Senioren, Blutarmen, Nervösen tut´s auch lauwarmes Wasser. Bei kalten Bädern gelten strenge Vorsichtsmaßregeln: Der Patient muss aus dem warmen Bett kommen oder sich Bewegung verschafft haben. Keine Zugluft! Aus- und Ankleiden ohne Verzögerung.

Das strikte Verbot des Abtrocknens nach sämtlichen Bädern und Güssen. Stattdessen soll man sich sofort anziehen beziehungsweise flugs ins Bett springen. Die wohltuende Wirkung resultiert aus der gleichmäßigen „Dunstwärme“ auf der Haut, wie der Fachausdruck heißt.

Kälte erzeugt Wärme, Wärme erzeugt Kälte – das ist das ganze Geheimnis. Der Wechsel der Temperatur sorgt für Abhärtung, Anregung und neue Energie. Mit kalten und warmen Bädern, Ganz- und Teilwaschungen, vielfältigen Güssen, kalten und heißen Wickeln, Lehmauflagen, heilenden Dämpfen versucht die Wasserkur den Stoffwechsel anzuregen und den Körper so zu stabilisieren, dass er Hitze und Kälte robust zu ertragen vermag.

Ein Arzt, der nicht heilt

Schon zu Lebzeiten ist Sebastian Kneipp keineswegs nur als der „Wasserdoktor“ gesehen worden, und er hat sich auch selbst nicht so verstanden. Das kühle Nass bildete stets nur einen Teil seiner Therapie.

Kneipp erscheint vielmehr als Pionier einer ganzheitlichen Heilkunde und naturgemäßen Lebenslehre. Abhärtung, Bewegung, ausgewogene Ernährung und vernünftige Kleidung gehören dazu und genauso ein gesundes Gleichgewicht von Körper, Geist und Seele.

„Medicus curat, natura sanat“,

der alte Mediziner-Leitsatz hätte über Kneipps ganzem Leben stehen können:

„Der Arzt behandelt – doch heilen muss die Natur.“

Krankheit ist für Kneipp eine Degeneration menschlichen Lebens, ein Defizit an Lebenskraft. Deshalb besteht der Heilungsprozess in einer gründlichen Änderung des Lebensstils und der Lebensziele.

Gesunde Lebensführung wird zur täglichen Aufgabe. Und wenn einmal ein ärztlicher Eingriff notwendig ist, dann muss er den Gesamtorganismus im Blick haben, darf die äußeren Lebensumstände nicht vernachlässigen und muss mit einem Vorsorge- und Nachsorgeprogramm kombiniert sein.

Ordnung in die Seele bringen

Heute würde man das einen psychosomatischen Ansatz nennen: Weil es um die Heilung des ganzen Menschen geht, ist das Gespräch über Lebenschancen oder Seelenängste genauso wichtig wie ein gutes Medikament.

„Erst als ich daran ging, Ordnung in die Seelen meiner Patienten zu bringen, da hatte ich vollen Erfolg.“

Eine Fülle nüchterner Rezepte und Ratschläge hat Pfarrer Sebastian Kneipp uns hinterlassen – der bisweilen recht mürrische Menschenfreund, der uneinsichtige Patienten und vor allem vornehme Schnösel gern derb anfuhr und doch so eine mitleidige, sensible Seele hatte. 

Der Papst war sein Patient

Dass Papst Leo XIII. Kneipp zu sich bestellte, um sich untersuchen und in die Wasserkur einweisen zu lassen, das klingt nach einer hübschen Legende, ist aber gut bezeugt.

Die gründliche Oberkörperwaschung, die der Dorfpfarrer Kneipp morgens um halb sieben am römischen Pontifex vornahm, erregte das Entsetzen des Kammerdieners und führte dazu, dass der päpstliche Leibarzt ein Entlassungsgesuch einreichte. Dem knapp fünfundachtzigjährigen Heiligen Vater soll die Behandlung jedoch hervorragend bekommen sein.

Daheim in Wörishofen aber warteten schon wieder die Neider und Kritiker. Auswärtige Zeitungen verbreiteten Schauergeschichten, Medizinprofessoren verdammten den Naturheiler als Scharlatan. Mit gemischten Gefühlen beobachtete der greise Pfarrer die Verwandlung seines geliebten Dörfchens in ein Weltbad.

Patientenscharen brachen über Wörishofen herein wie Heuschreckenschwärme. Hotels, Logierhäuser, Privatbäder schossen aus dem Boden. Allein im Jahr 1892 haben nach Auskunft des neu eingeführten „Kurbüchleins“ exakt 12.175 Kranke die Hilfe des Wunderheilers gesucht.

Der holte den katholischen Orden der Barmherzigen Brüder nach Wörishofen, die auch gute Mediziner in ihren Reihen hatten. Und er ging auf Vortragsreise – durch ganz Deutschland und bis nach Prag, Zürich, Straßburg und Paris.

Die Methode Kneipp heute

Am 17. Juni 1897 schlief Kneipp nach kurzem Todeskampf für immer ein, sechsundsiebzigjährig. Seinen Blasenkrebs hatte man nicht mehr operieren können. Seine Ideen und Behandlungsmethoden sind nach wie vor erregend aktuell.

Die so genannten „Kneipp-Vereine“ zählen heute 160.000 Mitglieder und 1.300 Ärzte. Sie alle fühlen sich der Gesundheitsförderung und Prävention verbunden – und zwar im Sinne des ganzheitlichen Ansatzes nach dem Vorbild von Pfarrer Sebastian Kneipp.

Die redaktionelle Verantwortung für die Sendung hat Martin Korden. 

Musik:

Tschaikowsky – Der Nussknacker; Tanz der Zuckerfee

Tschaikowsky – Der Nussknacker; Marsch

Tschaikowsky – Der Nussknacker; Walzer Finale und Apotheose


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Dieser Beitrag wurde am 16.05.2021 gesendet.


Über den Autor Christian Feldmann

Christian Feldmann, Theologe, Buch- und Rundfunkautor, wurde 1950 in Regensburg geboren, wo er Theologie (u. a. bei Joseph Ratzinger) und Soziologie studierte. Zunächst arbeitete er als freier Journalist und Korrespondent,  u. a. für die Süddeutsche Zeitung. Er produzierte zahlreiche Features für Rundfunkanstalten in Deutschland und der Schweiz und arbeitete am „Credo“-Projekt des Bayerischen Fernsehens mit. In letzter Zeit befasste er sich mit religionswissenschaftlichen und zeitgeschichtlichen Themen in der Sparte „radioWissen“ beim Bayerischen Rundfunk. Zudem hat er über 50 Bücher publiziert. Dabei portraitiert er besonders gern klassische Heilige und fromme Querköpfe aus Christentum und Judentum. Feldmann lebt und arbeitet in Regensburg.

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