Morgenandacht, 21.05.2021

von Weihbischof Matthias König, Paderborn

Auf Pfingsten zu: Geistesgegenwärtig

„Ich habe noch geistesgegenwärtig eine Vollbremsung gemacht, sonst hätte es geknallt.“

Fast jeder kann von solchen Situationen erzählen, in denen wir instinktiv oder intuitiv gehandelt haben.

„Geistesgegenwärtig“ gefällt mir da als Beschreibung solchen Reagierens noch am besten. Denn es ist doch ein schöner Gedanke, dass es mehr ist als ein Instinkt, der mich in manchen Momenten steuert, wenn spontanes Handeln gefragt ist. Natürlich, wir Menschen sind geprägt.

In uns stecken Erfahrungen aller Generationen vor uns. All die Menschen, die uns ins Leben hineinbegleitet haben, haben uns etwas mitgegeben. Wenn es gut ging, war es viel Positives: Die Kraft vertrauen zu können, mit Mut Unbekanntes anzugehen und Neues zu wagen oder eben auch die Fähigkeit, Liebe zu schenken.

Als jemand, der zu glauben versucht, tröstet mich die Zusage, dass Gottes Geist mein Leben begleitet. Das erfahre ich tatsächlich an vielen Stellen und bin dankbar. Ich weiß noch, wie ich als junger Priester mit 25 Jahren in die Gemeinde kam.

Auf einmal wurde ich in Situationen gestoßen, die ich vorher nicht einüben konnte: Mitten in der Nacht hat man mich in eine Familie gerufen, wo der Ehemann, noch relativ jung, ganz plötzlich gestorben war. Ich sollte später einer Familie beistehen, wo der Ehemann und Vater von drei Kindern  durch einen frühen Tod herausgerissen wurde. Da gab es keine Rollenmuster.

Ich weiß noch, dass mich damals eine große Verzagtheit auf dem Weg zu diesen Menschen begleitet hat. Aber meine dankbare Erfahrung war und ist: Ich durfte „Geistesgegenwart“ erfahren. Ich bin geführt worden, das Nötige zu tun, womöglich Falsches zu unterlassen und in dem Moment Hilfe geben zu können.

Das ist eine Erfahrung, die mich so geprägt hat, dass ich auch heute in allem was ich tue, darum bitte, von Gottes Geist geführt zu werden, um Sein Werkzeug zu sein – gerade auch in schwierigen Situationen.

Das löst nicht automatisch alle Probleme. Es bewahrt mich auch nicht vor Fehlern. Aber ich habe nie erfahren müssen, dass alles komplett schief gelaufen ist. Nur dann, wenn ich selber meinte, ich könne es alleine oder ich könne es besser, dann klappte und klappt es nicht.

Darum versuche ich, in meinem Dienst als Seelsorger und Bischof Menschen zu ermutigen, in ihrem Alltag zunächst einmal Spuren der Wirksamkeit Gottes zu entdecken. Ich meine: Die lassen sich finden. Zum Beispiel können manche unerwartete Begegnungen etwas sein, das Gott durch seinen Geist bewirkt hat.

Weil diese Begegnungen Weichen stellen und mich in eine neue Richtung führen können, die ich alleine nie gefunden hätte – darum ist für mich Gottes Geist im Spiel. Manchmal reicht ein gutes Wort, das mir jemand gönnt, um daran zu wachsen und Mut zu bekommen.

Immer wieder werde ich in Situationen hineingestoßen, die ich selber nicht gewählt hätte. Da darf ich dann erfahren, dass ich an ihnen wachsen und sie meistern kann.

All das kann mich persönlich „geistesgegenwärtig“ werden und auch bleiben lassen. Mir wird dann ein tiefes Vertrauen geschenkt, dass ich nie alleingelassen bin, wenn ich mich immer wieder neu ausstrecke nach der Kraft dieses Geistes.

Ich kann um ihn beten, mir seine hilfreiche Gegenwart in vergangenen Situationen vor Augen führen und versuchen, zu vertrauen. Denn dieser Geist vermag es, mir zu helfen, die eigenen begrenzten Kräfte zu übersteigen. Er sorgt, dass meine begrenzten Fähigkeiten so wirksam werden, dass eigentlich nichts zu schwierig ist für mein Leben.

Ein modernes Lied, aus der Ökumenischen Gemeinschaft im französischen Taizé, ist mir dabei hilfreich und wichtig geworden. Da heißt es:

„Atme in uns, Heiliger Geist. Brenne in uns, Heiliger Geist. Wirke in uns, Heiliger Geist, Atem Gottes komm.

Komm du Geist, durchdringe uns. Komm du Geist, kehr bei uns ein. Komm du Geist, belebe uns, wir ersehnen dich.“

(Gotteslob Nr. 346)


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Dieser Beitrag wurde am 21.05.2021 gesendet.





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