Morgenandacht, 20.05.2021

von Weihbischof Matthias König, Paderborn

Auf Pfingsten zu: Ungeist

Manchmal spürt man es sofort, wenn man in eine Runde von Kollegen kommt, in Verhandlungen einsteigt oder ein Familientreffen besucht: dieses Gefühl:

„Irgendwas stimmt hier nicht, hier herrscht kein guter Geist.“

Da mag unterschwellige Aggression in der Luft liegen, die sich dann womöglich im Laufe des Gespräches durch eine „Explosion“ entlädt. Enttäuschung, Verärgerung, Missgunst und Wut sind vielleicht im Spiel.

Solch ein schlechter Geist kann das Miteinander grundlegend stören und vermag Menschen auseinander zu bringen.

Mit einem Blick in die Welt oder unsere eigene Umgebung haben wir sofort unzählige Beispiele parat, für das, was man Ungeist nennt: Da sind die vielen Kriege und Konflikte, die täglich Opfer fordern und Millionen von Menschen in die Flucht geschlagen haben.

Raffgier und schrankenlose Ausbeutung, Umweltzerstörung und der dadurch bedingte Klimawandel – all das käme uns in den Sinn.

Auch das, was uns im Alltag an Ungeist begegnet, schlechte Atmosphäre am Arbeitsplatz, Dauerstreit in der Ehe, Auseinanderbrechen der Familie, gehört dazu. Erfahrung von enttäuschtem Vertrauen, nichterfüllter Liebe. Das Negative ist oft greifbarer als das Gute.

Darum ist es meines Erachtens so wichtig, Spuren eines guten Geistes zu suchen.

Christen reden dabei vom Geist Gottes. Der soll vor allem an seiner Wirksamkeit zu erkennen sein. Klassisch schreibt man ihm sieben Gaben zu, die für eine unbegrenzte Anzahl von Eigenschaften stehen. Es sind Weisheit, Einsicht, Rat, Erkenntnis, Stärke, Frömmigkeit und Gottesfurcht.

Ich möchte ein Beispiel herausnehmen: die Gabe der Gottesfurcht. Spontan könnte man meinen, es ginge um Angst vor Gott. Aber genau das Gegenteil ist der Fall: die Gottesfurcht hilft, ein Gespür für die Größe Gottes zu entwickeln und Gott ernst zu nehmen, bis in die Einzelheiten unseres Alltags hinein. Menschen, die sich an der Gottesfurcht versuchen, erleben, dass Gott mit seinen Spuren überall zu finden ist.

Der von den Nazis 1945 hingerichtete Jesuit und Widerstandskämpfer Alfred Delp hat es einmal aus dem Gefängnis heraus so in einen Satz gefasst:

Die Welt ist Gottes so voll, aus allen Poren quillt er uns gleichsam entgegen.“

Wer dafür ein Gespür bekommen hat und es wach hält, vielleicht weil er an unerwarteter Stelle schon einmal Hilfe „von oben“ bekommen hat, der wagt es, gegen jede Form von Ungeist anzugehen. Für mich ist ein Foto, das vor kurzem durch die Medien ging, dafür ein großes Beispiel.

Es zeigt eine auf dem Boden knieende und betende Nonne in Myanmar. Direkt hinter den gewaltbereiten Polizeikräften kniet sie auf dem Boden und ist ins Gebet versunken. Ihr Vertrauen auf Gott, ihre Frömmigkeit, hat sie mit einem guten Geist erfüllt. Dieser hat ihr den Mut gegeben, gegen den Ungeist der Gewalt ein Zeichen der menschlichen Wehrlosigkeit zu setzen.

Es macht mir Mut und ich erlebe es auch immer wieder als Stärkung meines eigenen Glaubens, wenn ich Menschen begegne, die diesem guten Gottesgeist vertrauen. Die aus dieser Haltung heraus versuchen, gegen allen Ungeist deutliche Zeichen zu setzen.

Sie geben Entrechteten eine Stimme, schenken Hilfe zur Selbsthilfe, stehen Menschen bei, ohne nach Gewinn und Nutzen zu fragen, ohne auf die Konfession oder den Glauben der Menschen zu schauen.

Der gute Geist christlicher Nächstenliebe treibt sie, zu helfen und zu geben. Konkrete Hilfe für Notleidende, auch direkt bei uns vor Ort, sind Beispiele, wie guter Geist in die Welt getragen wird.

Ganz klar: Ungeist ist in der Regel sehr massiv und sichtbar. Er kann sehr bestimmend wirken. Er drängt sich oft in den Vordergrund.

Ich glaube aber, dass Gottes Heiliger Geist, um den es besonders am kommenden Pfingstfest geht, stärker ist. Menschen, die sich für ihn öffnen, halten Ihm die Türen auf in eine Welt, die ihn so sehr nötig hat.


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Dieser Beitrag wurde am 20.05.2021 gesendet.





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