Morgenandacht, 19.05.2021

von Weihbischof Matthias König, Paderborn

Auf Pfingsten zu: „Zeitgeisty“ oder Heiliger Geist?

„Kindergarten“ – das ist eines der wenigen Wörter, die es aus unserer deutschen Sprache geschafft haben, ein fester Begriff auch im Englischen zu werden. Meist erleben wir es ja eher umgekehrt.

Aber es gibt noch einen eigentlich deutschen Begriff, der sich mit leichter Veränderung auch seit Jahren im Englischen etabliert hat: er lautet „Zeitgeisty“. Wie im deutschen Original wird er verwendet, um besondere Begleiterscheinungen des aktuellen Zeitabschnitts zu benennen.

Und wie das Wort bereits sagt, ist der Zeitgeist keine verlässliche Größe. Er verändert sich immer wieder, manchmal rasend schnell: Was heute unbedingt angesagt ist, kann schon morgen als völlig überholt gelten und als rückwärtsgewandt verschrien werden. Mit dem Zeitgeist ist es ähnlich wie mit der Mode, die sich auch ständig wandelt.

Vom dänischen Philosophen und Theologen Sören Kierkegaard stammt schon aus der Mitte des 19. Jahrhunderts das Wort:

„Wer sich mit dem Zeitgeist vermählt, wird schon morgen Witwer sein.“

Die Christenheit und die Kirche haben immer mit dem Zeitgeist gefremdelt. „Zeitgeisty“ zu sein war in diesem Zusammenhang nie eine erstrebenswerte Leitlinie für das Handeln. Das ruft gerade in der letzten Zeit viel Kritik hervor und teilweise heftige Reaktionen.

Ich selber spüre, dass man diese Skepsis dem Zeitgeist gegenüber vielen Menschen heute kaum noch erklären kann. Aber sie hat natürlich Gründe. Sie liegen in der Überzeugung, dass es ein anderer Geist, nämlich der Heilige Geist es ist, der die Kirche führt und leitet.

Schon der Apostel Paulus schrieb von der Erfahrung, dass alle, die im Sinn des Gottesgeistes in der Gemeinde Verantwortung tragen, einen harten Kampf zu bestehen haben.

Bereits damals, ganz im Anfang der Glaubensgeschichte, musste die Gemeinschaft immer wieder darum ringen, was der rechte Geist ist, und sich dabei gegen manchen Zeitgeist wehren. Sie musste stets aufs Neue um Gaben des Geistes Gottes bitten, vor allem um das, was man Einsicht und Weisheit nennt.

Das sind Eigenschaften, die die Kirche zu den klassischen sieben Gaben des Heiligen Geistes zählt. Er hilft, in vielen mehrdeutigen Dingen das zu erkennen, was wahr und echt ist, was Zukunft hat und den Einsatz lohnt.

Mich beeindrucken z.B. junge Leute, die als sogenannte „Missionare auf Zeit“ ein Jahr in anderen Ländern und Erdteilen gelebt und sich dort in Kinderheimen, Schulen, Krankenhäusern, in Projekten für Straßenkinder oder für die Ärmsten der Armen eingesetzt haben.

Viele kommen aus solch einem Jahr mit der festen Erkenntnis zurück: „Ich möchte etwas studieren und lernen, was anderen Menschen dient. Hätte mir das jemand früher gesagt, ich hätte es nicht für möglich gehalten.“

Ich meine: Solche lebensprägende Weisheit und Einsicht fehlt häufig in unserer Zeit, weil alles, was „zeitgeisty“ daherkommt, lauter, bunter, attraktiver auftritt. Da bedarf es oftmals schon einiger „Geisteskraft“, hinter diesem Vordergründigen zu spüren, wie hohl vieles ist.

Gut, dass es Menschen gibt, die mit ihren eigenen Erfahrungen bezeugen können, dass es oft andere Dinge sind, die sie tragen und ihnen Halt für das Leben geben: Gemeinschaft mit anderen, der Einsatz für sie – ohne sofort aufzurechnen, was ich dafür bekomme. Und auch der Glaube als tragender Grund für ein geglücktes Leben.

Ich habe manchmal den Eindruck, dass der Zeitgeist oft alles Unbequeme aus unserem Leben ausblenden möchte. Doch auch das gehört zu unserem Menschsein hinzu. Und nicht alles, was man heute „Mainstream“ nennt, also das, was die Mehrheit oder der Zeitgeist für richtig erachtet, ist es auch.

Gottes Geist will immer aufbauen und verbinden, nie spalten oder entzweien, wie es der Zeitgeist manchmal tut. Darum ist es mir wichtig, mich an ihm zu orientieren – auch schon aus dem Grund, dass ich nicht irgendwann als „Witwer“ dastehen möchte.


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Dieser Beitrag wurde am 19.05.2021 gesendet.





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