Wort zum Tage, 12.05.2021

von Andrea Wilke, Arnstadt

Lebensbegleitung

Ich freue mich auf heute Abend. Dann beginnt für mich ein mehrwöchiger Kurs, in dem es um das ehrenamtliche Tätigsein im Hospizdienst geht. Schon lange hatte es mich innerlich umgetrieben, mich ehrenamtlich zu engagieren.

Beruflich habe ich nur indirekt mit Menschen zu tun, und auf Dauer wurde das immer unbefriedigender für mich. Mir macht meine Arbeit Spaß, keine Frage. Doch etwas fehlte. Lange wusste ich nicht, wo vielleicht mein Platz sein könnte. Ehrenamtlich engagieren kann man sich ja in vielen Bereichen. Doch es musste auch passen.

Und nun ist der richtige Zeitpunkt gekommen. Die Malteser in Erfurt hatten zu einem Informationsabend eingeladen. Wie fast überall fand dieser vor wenigen Wochen online statt. Mit mir waren es zehn Frauen, die sich für den Hospizdienst interessieren.

Die Jüngste ist 20 Jahre alt, die Älteste 74. Ich fand es schön, von ihnen zu erfahren, was sie dazu bewogen hat. Überhaupt zu erleben, sich mit anderen für eine gute Sache zu engagieren.

Was mir dabei auch sehr gefällt, ist, wie die Malteser selbst ihren Hospizdienst sehen. Sie sprechen nicht von Sterbebegleitung. Sie nennen es Lebensbegleitung bis zum Ende. Sie selbst und die Ehrenamtlichen im Hospizdienst heißen Lebensbegleiter. Das passt, finde ich. Sterben ist eine Sache des Lebens, so paradox es klingt.

Natürlich stellen sich mir auch viele Fragen. Vor allem an mich selbst. Werde ich tatsächlich den Mut haben für diese Tätigkeit, wenn ich die Ausbildung absolviert habe? Werde ich immer die richtigen Worte finden? Das Richtige tun? Vor diesem Dienst habe ich wirklich großen Respekt. Ich werde diesen Weg beginnen und dann sehen, wohin er mich führt.

Beim Abreißen des Kalenderblattes von heute, dem 12. Mai, lese ich auf der Rückseite ein Zitat von Johann Heinrich Pestalozzi, einem Schweizer Pädagogen des 18. Jahrhunderts:

"Der Himmel ist nahe, wo Menschen einander Liebe zeigen.“

Ich finde, das ist ein sehr schönes Zitat. Für mich ist der Himmel, wenn ich nicht gerade vom azurblauen Himmel mit den Schäfchenwolken rede, ein Synonym für die Gegenwart Gottes.

Wo Liebe und Güte sind, da ist Gott, schreibt die Bibel. Der Himmel auf Erden – das sind für mich die Momente und Orte, in denen Geborgenheit erfahrbar ist. Wo das Leid anderer gesehen und gehandelt wird. Wo jemand da ist, der Tränen trocknet, Mut zuspricht, zuhört, umarmt. Wo aus vollem Herzen miteinander gelacht, geweint und geteilt wird. Da ist Himmel.

Wenn wir all das machen, also auch ganz unabhängig vom Hospizdienst, – sind wir dann ab und an Himmelsboten?


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑


Beitrag anhören


Dieser Beitrag wurde am 12.05.2021 gesendet.


Über die Autorin Andrea Wilke

Andrea Wilke wurde 1964 in Potsdam-Babelsberg geboren. 1989 - 1995 studierte sie Katholische Theologie in Erfurt und war danach bis 2002 tätig in der Forschungsstelle für kirchliche Zeitgeschichte an der Universität Erfurt. Sie ist Onlineredakteurin für die Homepage des Bistums und Rundfunkbeauftragte für den MDR im Bistum Erfurt. Kontakt
Bischöfliches Ordinariat
Onlineredaktion
Herrmannsplatz 9
99084 Erfurt
http://www.bistum-erfurt.de
awilke@bistum-erfurt.de

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche