Feiertag, 09.05.2021

von Michael Kinnen, Trier

„Zerreißt den Mantel der Gleichgültigkeit!“ Zum 100. Geburtstag von Sophie Scholl

Sophie Scholl verkörpert die Auflehnung gegen das NS-Regime wie kaum eine andere Frau aus Deutschland. Sophie Scholl ist Kult, sie ist eine Ikone des Widerstands geworden. Dabei war auch ihr Leben nicht frei von Widersprüchen.

© Weiße Rose Stiftung e.V. / Catherina Hess

Hätte man mich vor dreißig Jahren als Schüler nach einem Vorbild gefragt, dann hätte ich wohl auch ihre Namen genannt: Die Geschwister Scholl, Hans und Sophie, Willi Graf und andere: die Mitglieder der Weißen Rose.

Ich war auf einer Schule, die nach Willi Graf benannt ist. Die “Weiße Rose” – das war dort immer wieder Thema, nicht nur im Geschichtsunterricht. Die “Weiße Rose”, das waren die Widerstandskämpfer gegen die Nazis. Die Studenten. Die mit den Flugblättern. Die hingerichtet wurden mit gerade mal Anfang Zwanzig, ermordet vom Nazi-Regime und seinen Helfers-Helfern.

Und klar waren die uns ein Vorbild. Soweit wir das überhaupt ermessen konnten damals: Mut zum Widerstand, ein schillernder Begriff für uns Pubertierende! Das hat uns nicht gleichgültig gelassen.

Wir sprachen vom Willi und von der Sophie und vom Hans. So, als wenn wir sie gekannt hätten. Dabei waren sie schon mehr als drei Jahrzehnte tot, als ich auf die Welt kam. Wir kannten sie nur aus Erzählungen. Eindrucksvolle Erzählungen.

Immer wieder stand ich seit dem an ihrem Grab, um ihnen wenigstens so ein bisschen nahe sein zu können – und doch unerreichbar. In Saarbrücken bei Willi Graf, in München am Perlacher Forst, wo die Geschwister Scholl, Christoph Probst und Alexander Schmorell beerdigt sind.

Lebendig als Film- und Buchheldin

Heute wäre Sophie Scholl 100 Jahre alt geworden. Die verhängnisvolle Szene an der Münchener Uni, als Hans und Sophie die Flugblätter in den Lichthof warfen und vom Hausmeister entdeckt und denunziert wurden: Sie hat sich ins Gedächtnis geprägt. Auch in mehreren Filmen aufgegriffen. Unwirklich vertraut.

„Halt, stehen bleiben! Sie sind verhaftet! - Fräulein Sophia Magdalena Scholl? –

Ja! –

Geboren am 9.5.1921 in Forchtenberg. 21 Jahre alt. Wollen Sie nachlesen, was auf Hochverrat und Feindbegünstigung steht? Gefängnis. Zuchthaus. Oder Todesstrafe. –

Gesteh' denen bloß nichts! –

Es gibt nichts zu gestehen! –

Geben Sie doch endlich zu, dass Sie mit Ihrem Bruder zusammen die Flugblätter hergestellt und verteilt haben! –

Ja, und ich bin stolz darauf!“[1]

Doch was ist filmische Inszenierung und was ist Leben der Sophie Scholl? Der Historiker und Theologe Robert M. Zoske hat sich mit den Geschwistern und der „Weißen Rose“ intensiv beschäftigt. Von ihm ist zum 100. Geburtstag von Sophie Scholl ein Porträt-Buch erschienen: „Es reut mich nichts. Porträt einer Widerständigen“[2].

Darin zeichnet er die vielen Facetten ihres Lebens nach – als Tochter, als Hitlermädchen, Konfirmandin und Schülerin, als Geliebte, Kindergärtnerin, Arbeitsmaid, Briefpartnerin, Studentin, Rebellin und Märtyrerin.

Mutig und unsicher

Alleine an diesen Kapitelüberschriften aus diesem Bild sieht man schon, dass Sophie Scholl mehr ist als das eine Bild, die eine bekannte Szene: Zu ihrem Leben gehörte Mut, viel Mut; aber auch – wie bei vielen anderen Menschen – Unsicherheit, Zögerlichkeit und missbrauchte Ideale. Das aufzuzeigen ist Anliegen von Robert Zoske, wie er in seinem Buch schreibt: 

„Es geht darum, den ganzen Menschen zu zeigen, der im öffentlichen Gedenken oft geglättet und überhöht zur Darstellung kommt. Erst wenn wir diese differenzierte Sicht wagen, können wir Sophie Scholls Vermächtnis als das bewahren, was es ist: ein lebendiges Zeugnis für die Sehnsucht nach Freiheit und die immense Kraft, die aus diesem Antrieb erwachsen kann.”[3]

Freiheit, Kraft, Sehnsucht – starke Begriffe für eine junge Frau, die vermutlich noch viel mehr selbst zu erzählen hätte als das, was Historikerinnen und Biographen, was Familienangehörige und Zeitzeuginnen von ihr und über sie zu berichten und zu erzählen haben. Sie kann es nicht – ihr Leben fand ein jähes, viel zu frühes Ende.

Mit 21 Jahren starb sie unter dem Fallbeil, verurteilt angeblich im „Namen des Volkes“ – ein Volk, das sich in die schlimmste Katastrophe mindestens des 20. Jahrhunderts manövriert hatte, weil viele viel zu lange gleichgültig weggeschaut haben.

Vom Glauben getragen

Zum hundertsten Geburtstag von Sophie Scholl gibt es jetzt viele Gedenksendungen. Viele Bücher, Stimmen von Zeitzeugen, inzwischen vor allem aus dem Archiv. Für mich beeindruckende Zeugnisse. Was ich darüber hinaus am Leben von Sophie Scholl eindrucksvoll finde, ist ihr Glaubenszeugnis.

Dabei ist sie weder als Heilige geboren, noch hat sie ihr Leben ganz dem Glauben verschrieben. Ihr Leben hat viele Facetten, sagt auch Biograph Robert Zoske und berichtet von einem Detail bei Sophie Scholls Konfirmation:

„Das Konfirmationsbüchlein schließt mit der Aufforderung, man solle als Christ mit Christus 'leben, leiden und sterben'. Dann könne man auch in seiner 'Todesstunde freudig und getrost' bleiben. Vielleicht erinnerte sich Sophie dieser Worte bei ihrem letzten Gang.“[4]

Auch das: Starke Worte! Und ich weiß nicht, ob eine Konfirmandin solche Sätze ganz erfassen kann in diesem Alter. Manch Erwachsener kommt da an Grenzen. Ich auch. Und doch hat sich da offensichtlich etwas in ihre Seele geprägt, was ihr Kraft gegeben haben könnte; Vertrauen, auch in schwierigen und schwersten Zeiten.

In ihrem Tagebuch und in Briefen finden sich immer wieder Einträge, die ihren christlichen Glauben dokumentieren: Ein Glaube, der das Suchen und Fragen kennt, Zweifeln und doch Vertrauen. Da schreibt eine junge Frau nur wenige Wochen vor ihrem gewaltsamen Tod, von dem sie da noch nichts ahnen konnte, solche Sätze:

„Dass Gott allwissend ist, daran glaube ich, und die notwendige Folgerung daraus ist, dass er auch von jedem einzelnen weiß, was nach seiner Zeit mit ihm ist, und von uns allen weiß, was nach der Zeit ist. Dies verlangt auch seine Eigenschaft als unendlicher Gott. Meinen freien Willen fühle ich, wer kann ihn mir beweisen!“[5]

Vertrauen. Kraft. Sehnsucht. Freier Wille. Freiheit. Vielleicht sind es Begriffe wie diese, die eine Ahnung von dem geben können, was Sophie Scholl gedacht und gefühlt hat. Und was ihr durch alle Entwicklungen hindurch immer neu die Kraft gegeben hat für die Schritte, die sie gehen musste. 

Gottvertrauen bis zum Tod

In der Todeszelle in der letzten Nacht vor der Hinrichtung hat sie einen Traum, der wohl nicht ohne Grund eine Verbindung schafft zwischen ihrem Glauben und ihrem Tun. Sie berichtet ihrer Zellennachbarin davon:

„Ich trug an einem sonnigen Tag ein Kind in langem weißem Kleid zur Taufe. Der Weg zur Kirche führte einen steilen Berg hinauf. Aber fest und sicher trug ich das Kind in meinen Armen. Da plötzlich war vor mir eine Gletscherspalte. Ich hatte gerade noch so viel Zeit, das Kind sicher auf der anderen Seite niederzulegen – dann stürzte ich in die Tiefe. (…) Das Kind ist unsere Idee, sie wird sich trotz aller Hindernisse durchsetzen. Wir durften Wegbereiter sein, müssen aber zuvor für sie sterben.“[6]

Die letzten Worte, die sie mit ihrer Mutter wechseln kann, bei deren Abschiedsbesuch in der Todeszelle, sprechen von tiefem Gottvertrauen. Sophies Schwester Inge berichtet davon in ihren Erinnerungen, die auch als Buch erschienen sind: 

„Noch einmal sagte die Mutter, um irgendeinen Halt anzudeuten: 'Gelt, Sophie: Jesus.' Ernst, fest und fast befehlend gab Sophie zurück: 'Ja, aber du auch.' Dann ging auch sie – frei, furchtlos, gelassen.“[7]

Sophie Scholz und der heilige Augustinus

Sophies Schwester Inge berichtet in diesem Buch auch, dass Sophie sich für die Gedanken des Kirchenvaters Augustinus interessierte. Und darin einen besonderen Satz des Gottvertrauens fand, der auch heute noch sehr bekannt ist und vielen sprichwörtlich aus dem Herzen spricht. Inge Aicher-Scholl schreibt: 

„Eigene Bücher zu haben war streng verboten. Den Augustinus hielt sie an einem sicheren Platz verborgen. In ihm hatte sie einen Satz gefunden, der war für sie geschrieben, für sie ganz genau, und er war doch schon über tausend Jahre alt: 'Du hast uns geschaffen hin zu Dir, und unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in Dir.'“[8]

Eine moderne, aber verklärte Märtyrerin?

Unruhe und Ruhe. Denken und Handeln. Glaube und Tun – sie gehören zueinander und finden im Gottvertrauen zusammen. Das hat Sophie Scholl bewegt, resümiert Robert Zoske in seiner Biographie: 

„Für die Überzeugungen ihres Glaubens war Sophie Scholl bereit zu sterben. Hieraus bezog sie die letzten, zwingenden Antriebe für ihr Handeln. Wohlgemerkt nicht nur für ihr Denken, denn Geist und Tat sollten eine Einheit bilden. Dafür wollte Sophie Scholl sogar das höchste Opfer bringen. Sie ließ sich erschüttern, zerriss den Mantel der Gleichgültigkeit und folgte ihrem Gewissen – eine moderne, aber bald schon verklärte Märtyrerin.“[9]

Eine Märtyrerin. Wieder so ein starker Begriff. Und vielleicht ist es das Blutzeugnis, das am eindrucksvollsten im Gedächtnis bleibt. Was ist Recht, was Unrecht; was kann ich tun? Wo kann ich nicht gleichgültig bleiben?

Es waren Fragen wie diese, die ihrem kurzen Leben Halt und Orientierung gaben. Ein Leben, das zum Zeugnis und zum Weckruf wurde, wie der Liedermacher Konstantin Wecker besingt:

„Ihr habt geschrie'n, wo alle schwiegen
Obwohl ein Schrei nichts ändern kann
Ihr habt gewartet, ihr seid geblieben
Ihr habt geschrie'n, wo alle schwiegen
Es ging ums Tun und nicht ums Siegen.“[10]

Sophie Scholl war in Nazi-Organisationen aktiv

Ein Leben. Ein viel zu kurzes Leben. Aber ein eindrucksvolles Leben, das bis heute so vertraut scheint und niemanden gleichgültig lässt. Und doch liegt gerade da auch eine Gefahr. Dass das kurze Leben verklärt wird. Dass einzelne Mosaiksteinchen herausgelöst, zementiert, überhöht und absolut gesetzt oder gar instrumentalisiert werden. Dass Menschen auf einen Sockel gehoben werden – weit weg. Unerreichbar, fast lebensfremd. Wie oft ist das mit Heiligenlegenden geschehen?

Sophie Scholl muss nicht heiliggesprochen werden. Ihr Leben ist beeindruckend, ja. Sie soll aber nicht entrückt werden. In der aktuellen Biographie von Robert Zoske lese ich davon, wie er mit bestimmten Mythen aufräumt. Mit übergroßen Ausrufezeichen im Leben von Sophie Scholl.

Da kommen auch ganz menschliche Fragezeichen. Sie war nicht schon immer Hitlers Gegnerin. In den Kinder- und Jugendtagen war sie wie viele andere auch in den Jugendorganisationen der Nazis aktiv. Zu ihrer Konfirmation ist sie in der Uniform der Jungmädel erschienen. Sie war nicht schon immer die glühende Widerstandskämpferin gegen das Regime, zu der manche sie nachträglich erheben wollten.

Sie war nicht die Vorkämpferin gegen Antisemitismus. Das Schicksal der Juden kommt für sie erst später in den Blick. Sie hat sich entwickelt; erst in Studienzeiten in München hat sie sich klar entschieden. Gott sei Dank! Der Biograph Robert Zoske schreibt über sie:

„Sophie Scholl war eine außergewöhnliche, bewundernswerte Frau. Sie darf angesichts ihrer Tat Ikone sein – ein Vor- und Leitbild – für Glaubensmut, Mitmenschlichkeit und Widerständigkeit. Aber sie war und ist mehr als das.“[11]

„Zur Legende gemacht“: Wer war Sophie Scholl?

Es ist unanständig und völlig unpassend, sie zu instrumentalisieren, von Querdenkern und Neu-Rechten, von „Jana aus Kassel“, die sich auf einer Corona-Demo mit ihr verglich, und von Politikern, die sie wie in DDR-Zeiten zur alleinigen Antifaschistin machen wollten. Sie lässt sich weder vor den Karren der Demonstranten unserer Tage spannen noch passt sie in die Schublade einer Heiligenlegende.

All das braucht sie auch gar nicht. Sie war im Wortsinn ein großartiger, ein eindrucksvoller Mensch. So ein großes Leben macht demütig. Und für mich bleibt die Frage: Was macht einen Menschen wirklich aus, jenseits der Bilder und Ikonen, die wir uns von ihm machen?

Vielleicht geht das in kleinen annähernden Schritten mit allen Unzulänglichkeiten nur in der Poesie – und in der Musik, wie es Konstantin Wecker in seinem Lied: „Die Weiße Rose“ versucht hat:

Jetzt haben sie euch zur Legende gemacht
und in Unwirklichkeiten versponnen,
denn dann ist einem - um den Vergleich gebracht -
das schlechte Gewissen genommen.

Ihr wärt heute genauso unbequem
wie alle, die zwischen den Fahnen stehn,
denn die aufrecht gehn, sind in jedem System
nur historisch hochangesehn.

Ihr wärt hier so wichtig, Sophie und Hans,
Alexander und all die andern,
eure Schlichtheit und euer Mut,
euer Gottvertrauen - ach, tät das gut!
Denn die Menschlichkeit, man kann´s verstehn,
ist hierzuland eher ungern gesehn
und beschloß deshalb auszuwandern.

Ihr habt geschrien,
wo alle schwiegen,
obwohl ein Schrei nichts ändern kann,
ihr habt gewartet, ihr seid geblieben,
ihr habt geschrien,
wo alle schwiegen -
es ging ums Tun und
nicht ums Siegen![12]

Was uns heute von ihr bleibt 

Was bleibt nach hundert Jahren vom Leben der Sophie Scholl für uns, für mich heute? Was bleibt, bei all dem Unvergleichlichen? Wohl dem, der am Ende seines Lebens eine solche Bilanz ziehen kann, wie Sophie Scholl es tat in ihrem Schlusswort vor der Gestapo mit nur 21 Jahren:

„Ich bin nach wie vor der Meinung, das Beste getan zu haben, was ich gerade jetzt für mein Volk tun konnte. Ich bereue deshalb meine Handlungsweise nicht und will die Folgen, die mir aus meiner Handlungsweise erwachsen, auf mich nehmen.“[13]

Was bleibt? Im fünften Flugblatt der „Weißen Rose“ steht ein Satz, der mich immer wieder neu beschäftigt hat, und der für mich eine Zusammenfassung auch für das Leben von Sophie Scholl ist. Da steht:

„Zerreißt den Mantel der Gleichgültigkeit, den ihr um euer Herz gelegt! Entscheidet euch, ehe es zu spät ist!“[14]

Zerreißt den Mantel der Gleichgültigkeit – das ist aktuell bis heute. Wie oft höre und sage ich selbst: Ist mir egal! Was geht das mich an? Das betrifft mich nicht. Ich kann mich nicht um alles kümmern.

Und die Probleme der Welt sind weit weg, solange ich selbst nicht direkt betroffen bin: Klimawandel – weit weg, so lange die Unwetter unser Haus verschonen. Waffenhandel und Kriege in Afrika und im Nahen Osten – weit weg, so lange die Flüchtlinge nicht zu uns kommen. Ausbeutung und Menschenrechtsverletzungen in der Produktion von Billig-Kleidern – weit weg, so lange das modische Shirt nur ein paar Euro kostet.

Beispiele gibt es viele. Unvergleichbar mit damals. Sicher nicht gleich gültig. Und doch nicht gleichgültig. Ein Tasten und Suchen. Erschütterbar bleiben, auch wenn ich an vielen Dingen in der Welt nichts ändern kann. Die globale Gleichgültigkeit macht das nicht besser. 

„Zerreißt den Mantel der Gleichgültigkeit, den ihr um euer Herz gelegt!“

Von Sophie Scholl lernen 

Es kann nicht darum gehen, sich heute mit Sophie Scholl oder der Weißen Rose zu vergleichen oder gar gleich zu setzen. Das waren ganz andere Umstände damals. Ganz andere Konsequenzen. 

Aber doch etwas lernen von damals. Nicht gleichgültig bleiben, auch wenn ich alleine die Welt nicht retten kann. Freiheit, Sehnsucht, Kraft, Gottvertrauen: Vielleicht gehört das trotzdem zum ersten und entscheidenden Schritt, damit sich überhaupt etwas ändert. 

„Zerreißt den Mantel der Gleichgültigkeit, den ihr um euer Herz gelegt!“

„Freiheit der Rede, Freiheit des Bekenntnisses, Schutz des einzelnen Bürgers vor der Willkür verbrecherischer Gewaltstaaten – für ein neues Europa.“

So steht es in den Flugblättern der Weißen Rose geschrieben. Wenn sich heute in unserer Demokratie Demonstrantinnen und Demonstranten auf Sophie Scholl berufen und das Wort „Widerstand“ pervertieren, wenn menschenverachtende Parolen bis in die Parlamente einziehen, dann ist es Zeit, an das „Wehret den Anfängen“ zu erinnern. 

„Zerreißt den Mantel der Gleichgültigkeit, den ihr um euer Herz gelegt!“

Jeder ist verantwortlich

Wie oft kneife ich? Bei viel Geringerem. Halte den Mund. Auch aus Bequemlichkeit. Schaue weg, wo es doch auf ein mutiges Wort ankäme. Dann ist es dringend nötig, den „Mantel der Gleichgültigkeit“ zu zerreißen.

Dann ist es Zeit, sich der Motivation zu erinnern, die die jungen Leute in der „Weißen Rose“ antrieb – und das weiterzutragen, was sie begonnen haben.

„Zerreißt den Mantel der Gleichgültigkeit, den ihr um euer Herz gelegt! Entscheidet euch, ehe es zu spät ist!“

Ich denke an den früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, der einmal gesagt hat:

„Jeder ist für das verantwortlich, was er tut und mitverantwortlich für das, was er geschehen lässt.“

Ich brauche Sophie Scholl nicht zu kopieren. Ich kann es gar nicht – und niemand sonst kann es. Ihr Leben war und bleibt einzigartig. Meine Zeit, unsere Zeit ist jetzt. Oder, mit den Worten des Holocaust-Überlebenden Max Mannheimer:

„Ihr seid nicht verantwortlich für das, was geschehen ist. Aber dass es nicht wieder geschieht, dafür schon.“

Die redaktionelle Verantwortung für die Sendung hat Martin Korden.

Musik:

Erinnerungen – aus: „Sophie Scholl – Die letzten Tage”, Johnny Klimek & Reinhold Heil

Mother and Son – aus: „Sophie Scholl – Die letzten Tage”, Johnny Klimek & Reinhold Heil

Voiceless – aus: „Sophie Scholl – Die letzten Tage”, Johnny Klimek & Reinhold Heil

Die Weiße Rose – Konstantin Wecker                

City Lights – Ola Gjeilo


[1]   Aus dem Filmtrailer zum Film „Sophie Scholl – die letzten Tage“, erschienen bei X-Verleih

[2]   Robert M. Zoske, Sophie Scholl: Es reut mich nichts. Porträt einer Widerständigen, Ullstein-Buchverlag, Berlin 2020.

[3]   R. M. Zoske, Sophie Scholl, S. 12.

[4]   R. M. Zoske, Sophie Scholl, S. 65 – mit einem Zitat aus dem Konfirmationsbuch. Frage 66.

[5]   Tagebucheintrag vom 12. Januar 1943, zitiert nach R.M. Zoske, Sophie Scholl, S. 265, Rechtschreibung angepasst.

[6]   Zititert nach Inge Scholl, Die weisse Rose, Fischer-Bücherei Hamburg und Frankfurt a.M. 1953, zahlreiche Auflagen, S. 104f.

[7]   Zitiert nach I. Scholl, Die weisse Rose, S. 112f.

[8]   Zitiert nach I. Scholl, Die weisse Rose, S. 45.

[9]   R. M. Zoske, Sophie Scholl, S. 288.

[10]  Refrain aus: Konstantin Wecker: Liedtext „Die weiße Rose“ (1983) – https://wecker.de/de/musik/album/34-Filmmusiken/item/128-Die-Weisse-Rose.html.

[11]  R. M. Zoske, Sophie Scholl, S. 298.

[12]  Konstantin Wecker: Liedtext „Die weiße Rose“ (1983) - https://wecker.de/de/musik/album/34-Filmmusiken/item/128-Die-Weisse-Rose.html

[13]  Antwort auf die Schlussfrage aus dem Verhörprotokoll vom 20. Februar 1943, zitiert nach R. M. Zoske, Sophie Scholl, S. 348. Original im Bundesarchiv Berlin.

[14]  Aus dem fünften Flugblatt der Weißen Rose, zitiert nach I. Scholl: Die weisse Rose, S. 153.


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Dieser Beitrag wurde am 09.05.2021 gesendet.


Über den Autor Michael Kinnen

Michael Kinnen, Jahrgang 1977, studierte Theologie in Trier, Frankfurt und Mainz. Er absolvierte die studienbegleitende Journalistenausbildung an der katholischen Journalistenschule in München und ist seit 1998 für verschiedene Programme der Kirche im Radio "auf Sendung". Zum Thema "Gott in Einsdreißig - Fides et 'Radio'" promovierte er an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt zum Verkündigungsauftrag der Katholischen Kirche im Privatfunk. Berufliche Stationen führten ihn von Mainz über Berlin nach Trier. Michael Kinnen ist verheiratet und Vater einer Tochter. Kontakt: info@radiopredigt.de

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