Gottesdienst am Sechsten Sonntag der Osterzeit

aus der Pfarrkirche „Zu den Heiligen Schutzengeln“ auf der Insel Juist

Predigt von Domkapitular Theo Paul

Liebe Mitchristen,

im Hafen von Juist wird jeden Tag Abschied genommen. Urlauber verabschieden sich auf unterschiedliche Weise. In Zeiten der Corona-Pandemie wird auf Abstand geachtet. In ihren Koffern und Herzen nehmen viele Urlauber ihre Kostbarkeiten von der Insel Juist mit. Augenblicke am Strand, Wanderungen in den Dünen, Gespräche unterwegs, die sie nicht vergessen werden. Trotz Abstandhalten wird es unvergessene Erlebnisse geben.

Auch Jesus nimmt Abschied. Bei den Evangelisten Matthäus, Markus und Lukas geschieht das plötzlich. Jesus wird nach seiner Auferstehung in den Himmel aufgenommen. Er bekommt von Gott alle Vollmachten. Und die Frauen und Männer bleiben zurück mit ihren Fragen und Hoffnungen, mit ihrem Glauben und ihrem Leben. In diesen drei Evangelien gibt es kaum eine Vorbereitung auf den Abschied Jesu.

Ganz anders im Johannesevangelium. Hier nimmt Jesus vor seinem Tod bewusst einen längeren Abschied von den Jüngern. Der Evangelist möchte noch einmal alles Wichtige in Worte fassen. Daraus spricht die Sorge, dass die Jünger den kommenden Herausforderungen nicht gewachsen sein könnten. Es ist ihm wichtig, dass es zu einer geistlichen Vertiefung kommt und die Jünger den Bezug zu Jesus nicht verlieren.

Dann wird der Abschied im Abendmahlssaal konkret: Jesus wird sterben. Er sagt seinen Jüngern:

„Dies trage ich euch auf, dass ihr einander liebt.“

(Joh 15,17)

Ein Satz wie ein Leuchtturm auf einer ostfriesischen Insel! Er gibt Orientierung, auch beim Abschiednehmen.

Abschiednehmen, liebe Mitchristen, ist eine große Herausforderung unseres Lebens. Vielleicht fallen Ihnen jetzt Abschiedsmomente aus den zurückliegenden Jahren ein. Augenblicke, die Sie nicht vergessen.

Ich denke an das vergangene Jahr. Die Coronapandemie bestimmt seitdem unser Leben. In Telefongesprächen mit Freunden und Bekannten ist mir immer klarer geworden, welche tiefgreifenden lokalen und globalen Konsequenzen diese Pandemie haben wird. Bisher waren sich viele Mitmenschen ziemlich sicher, dass unsere aufgeklärte, wissenschaftliche und moderne Welt Seuchen und Pandemien schnell im Griff hat.

Am Horizont die Vision einer schmerzfreien Gesellschaft. Von solchen Vorstellungen müssen wir uns verabschieden. Wir sind und bleiben eine verletzbare Gesellschaft. Ein schmerzfreies Leben ist unrealistisch.

In den zurückliegenden Jahren hatten wir auch als Christen und als Kirche Abschied zu nehmen. Wir wurden mit Versagen und Skandalen konfrontiert. Wegen Corona konnten wir zentrale christliche Feste nicht miteinander feiern. Denken wir nur an das Bild von Papst Franziskus auf dem leeren Petersplatz in Rom. Wer hätte das je für möglich gehalten?

Hochzeitsfeiern wurden abgesagt, Abschiedsgottesdienste für Verwandte und Bekannte ohne Trauergemeinde, ohne Gesang. Das sind harte Konfrontationen mit den Grenzen unseres Lebens. Wer weiß, wie es nach Corona weitergehen wird.

Ich denke auch an den Abschied von Menschen, denen ich viel verdanke, die mein Leben geprägt haben. Auch wenn sie in Alter oder Krankheit gut begleitet sind und ihnen medizinisch-therapeutisch geholfen wird, so bleibt der Tod eine harte Zäsur.

Wir haben alle sicherlich schon oft darüber nachgedacht und viele Predigten dazu verfolgt, und doch bleibt die Konfrontation mit dem Tod eine ganz eigene und immer neue Herausforderung. Jeder Mensch nimmt auf ganz eigene Weise Abschied, jeder stirbt seinen eigenen Tod.

Ja, wir müssen auf vielfältige Weise mit unseren Grenzen, unseren Stärken und Schwächen immer neu suchen, was wichtig ist und was bleibt. Jesus hat es bei seinem Abschied auf den Punkt gebracht:

„Dies trage ich euch auf, dass ihr einander liebt.“

(Joh 15,17)

Die Liebe ist der Schlüssel, denn die Liebe bleibt. Ewig. Jesus macht auf diese grenzüberwindende Kraft der Liebe aufmerksam.

„Bleibt in meiner Liebe.“

(Joh 15,9)

auch nach dem Tod. Für Jesus ist letztlich die Liebesbeziehung zum Vater entscheidend. Auf diese Vertrauensressource weist er hin und will alles darin einbinden.

Im heutigen Evangelium wird oft von der Liebe gesprochen. Wenn ich mich nicht verzählt habe, dann kommen die Begriffe „Liebe“ und „lieben“ neunmal vor. Und nimmt man die Lesung noch dazu, sind es sogar 19-mal Liebe.

Die Liebe, von der Jesus spricht, ist die Verbindungskraft mit dem Vater. Er vermittelt sie an seine Jünger und möchte, dass wir alle hineingenommen sind in diese Liebe zwischen Vater und Sohn. Es ist eine Beziehung, die nicht ausschließt, sondern anzieht, die öffnen kann, die gelebte Inklusion ist.

Gott kann Beziehungslosigkeit nicht leiden. Er möchte eine Liebe, die uns ermächtigt, auf eigenen Füßen zu stehen und in Beziehungen einzutreten, die Zeugnis geben von seiner Liebe. Wir sind nicht mehr Knechte, sondern Freunde (vgl. Joh. 15,15). Diese Freiheit wird uns eröffnet. Erst im Abschied wird die ganze Fülle seiner Botschaft deutlich:

Dies trage ich euch auf, dass ihr einander liebt.

Liebe Mitchristen, Abschiednehmen gehört zu unserer Lebens- und Glaubensgeschichte. Doch bei allen Veränderungen bleibt eines konstant: Seine Liebe, Gottes Liebe zu uns. Sie ist die ursprüngliche Energie. Sie kann nicht verloren gehen. Sie bleibt, auch in verwandelter Form.

Was bleibt, wenn nichts bleibt, wie es ist?

Bleibt in meiner Liebe!

Diese Worte Jesu sind Trost und Orientierung in allen Veränderungsprozessen, in die wir gestellt werden im Großen wie im Kleinen, heute und alle Tage. Amen.


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Dieser Beitrag wurde am 09.05.2021 gesendet.





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