Morgenandacht, 07.05.2021

von Markus Potthoff, Essen

Heilige Unterbrechung

Es ist wieder Freitag. Zum Ende einer Arbeitswoche bin ich oft ziemlich platt. Ich bin dann für nichts mehr zu gebrauchen. Der Wechsel zwischen Büro und Homeoffice, stundenlange Videokonferenzen und sehr eingeschränkte persönliche Begegnungen – all das zehrt an meiner Energie.

Aber da geht es mir wohl wie vielen, die unter den aktuellen Corona-Bedingungen seit einem Jahr oft länger arbeiten als sonst und unter höherem Stress leiden; das Gefühl ausgepowert zu sein, stellt sich schneller ein.

Und gebe ich zu: Kleine Auszeiten muss ich mir oft mit viel Disziplin organisieren: Wenn ich das schaffe, genieße ich diese Minuten. So hilft es mir, manchmal mitten im Alltag auf die Pause-Taste zu drücken. Für eine kurze Erholungspause muss ich ja nicht gleich auf einen Berggipfel steigen.

Ich muss mir einfach nur einige Minuten Ruhe gönnen. Ein kleiner Rückzug mitten im Arbeitstag. Ohne viel Aufwand, aber mit viel Wirkung. Eigentlich ist es ganz leicht: einfach mal unterbrechen, die Tür zu, Fenster auf, die Augen zu und tief durchatmen.

Die Geräusche im Hintergrund lasse ich einfach vorbeiziehen, sie stören die Stille nicht. Oder ich laufe von meinem Büro ein paar Schritte zum Essener Dom: Der Kreuzgang ist eine kleine Oase. Wenn ich dort bin, kann ich schnell abtauchen in eine wohltuende Stille.

Neurologen haben seit langem herausgefunden, dass das Gehirn in der Stille „wächst“, und das ist wörtlich gemeint. Es konnte tatsächlich nachgewiesen werden, dass bei täglicher Stille in der Gehirnregion des Hippocampus neue Zellen entstehen.

Das ist der Bereich unseres Gehirns, der für Gedächtnis und Lernfähigkeit verantwortlich ist. Stille scheint also so etwas wie der Gärtner unseres Gehirns zu sein.

Der Norweger Erling Kagge war wochenlang durch den Schnee der Antarktis unterwegs. Auf dem Weg zum Südpol. In seinem faszinierenden Buch „Stille“ erzählt er davon. Er schildert seinen täglichen Kampf in der Eiswüste. Und er beschreibt, wie er in der grenzenlosen Stille immer aufmerksamer wurde.

Allein auf dem Eis, tief in dem großen weißen Nichts, habe er die Stille hören und fühlen können. Es gab keine Ablenkung. Kagge schreibt, dass er konfrontiert mit sich selbst in der Stille eine große innere Ruhe und einen tiefen Frieden gefunden habe.

Aber man muss nicht gleich auf Expedition gehen. Auch im Alltag ist es möglich, „seinen eigenen Südpol zu finden“. Für mich ist es eine beglückende Erfahrung, dass die Stille uns fähiger macht zum Aufnehmen, zum Wahrnehmen. Vieles gerade noch Bedrängende relativiert sich schnell.

Die Stille führt mich auch auf eine andere Spur: An meinem Bildschirm ist ein Zettel angeklebt. Auf diesem Zettel steht ein für mich wichtiger Satz aus der Bibel:

„Ich ließ meine Seele ruhig werden und still.“

(Psalm 131)

Augenblicke der Stille eröffnen mir auch den Raum für Gott. Die großen Meister des geistlichen Lebens nennen das „Mystik des Alltags“. Auch in einer kleinen, bewusst gesuchten Stille kann ich ganz absichtslos vor Gott treten.

Wenn ich alles loslasse, was mich gerade bedrängt, was mich beschäftigt, wenn ich frei werde von dem, was meine Aufmerksamkeit fesselt, dann werde ich auch bereit für Gott.

In der Stille kann ich auf ihn warten. So kann selbst ein kurzer Augenblick der Stille sein wie eine Sabbatruhe, ja wie eine „heilige Unterbrechung“. Was für ein Glück, dass die Stille überall zu finden ist!


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Dieser Beitrag wurde am 07.05.2021 gesendet.


Über den Autor Markus Potthoff

Markus Potthoff wurde 1963 in Bochum geboren. Nach dem Studium der Theologie und Philosophie ist er seit 1994 im Dienst des Bistums Essen tätig. Zurzeit leitet er die Hauptabteilung “Pastoral und Bildung” im Bischöflichen Generalvikariat in Essen.

Kontakt
markus.potthoff@bistum-essen.de 

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