Morgenandacht, 06.05.2021

von Markus Potthoff, Essen

Kirchliche Gärungsprozesse

„Die katholische Kirche befindet sich in einem Taumel – ob sie je wieder Boden unter die Füße bekommt?“

So fragen mich in diesen Tagen viele. Wohin geht die Kirche? Selbst bei denen, die in der katholischen Kirche tief verwurzelt, ja beheimatet sind, ist Entsetzen und Trauer über die Lage der Kirche spürbar. Die katholische Kirche steckt in einer sehr schweren Krise. Die hohen Austrittszahlen sind nur ein Anzeichen dafür.

Der Synodale Weg, den Bischöfe und Laien vor gut eineinhalb Jahren begonnen haben, widmet sich der Suche nach Antworten auf die gegenwärtige Situation. Synodaler Weg, das meint: ein gemeinsames Auf-dem-Weg-Sein, das ist ein strukturierter Gesprächs- und Beratungsprozess, an dessen Ende auch Beschlüsse gefasst werden sollen.

Auslöser des auf zwei Jahre angelegten Weges waren der sexuelle Missbrauch in der Katholischen Kirche und dessen jahrzehntelange Vertuschung, bei der der Schutz der Institution vor den der Opfer gestellt wurde.

Mit dem synodalen Weg verbinden sich viele Hoffnungen und auch Befürchtungen. Manche sehen in ihm eine allerletzte Chance für die Kirche; sie fordern eine grundsätzliche Neuorientierung in Fragen der Sexualmoral, des Zugangs zu den geistlichen Ämtern auch für Frauen, des Umgangs mit Macht.

Warnende Stimmen sagen schon jetzt, dass große Enttäuschungen vorprogrammiert sind. Manche fürchten, dass der synodale Weg schnurstracks in eine Sackgasse führt - weil die Beschlüsse zu einem Bruch mit der katholischen Weltkirche und zu einem deutschen Sonderweg führen würden. Einige meinen sogar, angesichts so grundlegender Fragen brauche es eigentlich ein neues Konzil.

Ich meine: Der Synodale Weg als solcher ist bereits bemerkenswert: die freimütigen Beratungen, ja der konstruktive Streit in den Foren und Arbeitsgruppen sind doch wichtige Vorboten eines überfälligen Kulturwandels in der Kirche. Aber mir ist auch klar, das reicht nicht aus.

Irritierend sind für mich derzeit immer wieder Nachrichten aus Rom: Papst Franziskus, der viel Schwung in seine Kirche gebracht hat, der durch manch prophetisches Wort die Hoffnung auf Reformen nährt, gerade er produziert Enttäuschungen.

Das Nein der Glaubenskongregation zur Segnung gleichgeschlechtlicher Paare löste hierzulande eine Welle der Empörung, aber darüberhinaus auch Zustimmung aus. Viele Gläubige, Priester, ja auch Bischöfe erklärten sehr deutlich ihr Unverständnis über die römische Erklärung.

Plötzlich wehten an zahlreichen Kirchen Regenbogenfahnen. Und am kommenden Sonntag wird es in ganz Deutschland viele Segnungsgottesdienste geben.

Was ist los mit dieser Kirche? Vielleicht steht sie in Deutschland an einer Weggabelung. Vieles gärt, noch ist die Richtung der weiteren Entwicklung nicht klar erkennbar.

Deutlich wird aber auch: Lernprozesse sind anstrengend und angesichts dessen, was im Synodalen Weg beraten wird, hoch konfliktär – aber ohne die Bereitschaft zu lernen, sich zu verändern, Grundsätzliches in Frage zu stellen, wird die Kirche das Vertrauen vieler Menschen in und außerhalb der Kirche nicht mehr zurückgewinnen.

Die vielerorts gehörten Warnungen, Kirche dürfe dem „Zeitgeist“ nicht hinterherrennen, hat der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf jüngst zurückgewiesen. Das sei „ein Totschlagargument gegen jede Neuerung". Große Theologie habe immer den Dialog mit der Zeit geführt: Die Botschaft Christi blieb immer der Maßstab, aber innerhalb dieses Rahmens, so der Bischof, war auch immer viel möglich.

Wird die Kirche wieder aus ihrem Taumel herausfinden? Ich bin davon überzeugt, dass die Kirche nicht nur einen Reformstau, sondern auch ein „großes Reformpotential“ (Georg Essen) hat.

Wenn der synodale Weg die Tür weiter öffnet für beherzte nächste Schritte zu einer offenen und vielfältigen Kirche, zu einer lernenden, menschennahen, ja geschwisterlichen Kirche, dann gibt es Hoffnung, dann liegt in der schweren Krise der Kirche eine Chance.


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Dieser Beitrag wurde am 06.05.2021 gesendet.


Über den Autor Markus Potthoff

Markus Potthoff wurde 1963 in Bochum geboren. Nach dem Studium der Theologie und Philosophie ist er seit 1994 im Dienst des Bistums Essen tätig. Zurzeit leitet er die Hauptabteilung “Pastoral und Bildung” im Bischöflichen Generalvikariat in Essen.

Kontakt
markus.potthoff@bistum-essen.de 

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