Morgenandacht, 05.05.2021

von Markus Potthoff, Essen

Geteiltes Leben: Das Abuna-Frans-Haus

Mitten im Ruhrgebiet, im Essener Stadtteil Frohnhausen, steht das Abuna-Frans-Haus. Der Name des Hauses erinnert an den niederländischen Jesuitenpater Frans van der Lugt.

Mit 28 Jahren ging er Mitte der 60er Jahre nach Syrien. Dort lebte und wirkte Pater Frans in der Stadt Homs bis zu seinem Tod. Er engagierte sich in vielen Hilfsprojekten. So gründete ein Landwirtschaftsprojekt für geistig behinderte Menschen, für obdachlose Jugendliche und Kinder in seelischen Nöten. Dazu errichtete er ein spirituelles Zentrum als Ort des interreligiösen Dialogs in Homs.

Regelmäßig organisierte „Abuna Frans“, wie er in Syrien genannt wurde, mehrtägige Wanderungen; so brachte er Menschen verschiedenen Glaubens, unterschiedlicher Herkunft und politischer Ansichten zusammen. Er war überzeugt davon, dass das gemeinsame Erleben der Natur alle Menschen verbindet. Am Ende jeder Wanderung sagte er: Wir stellen fest, dass es keinen Menschen gibt, der nicht geliebt ist.

Im syrischen Bürgerkrieg wurde Pater Frans zum Vermittler zwischen Rebellen und der syrischen Regierung. Immer wieder nahm er flüchtende Menschen in das Ordenshaus der Jesuiten auf, während des Krieges ist er der einzige noch in der Stadt Homs lebende Jesuit. Seine Entscheidung, in Homs zu bleiben, begründet er so:

„Die Menschen in Syrien haben mit mir ihre Schätze und ihre Freude geteilt, jetzt teile ich auch ihre Leiden und ihre Trauer.“

Am 7. April 2014 wurde Pater Frans vor der Ordensniederlassung in Homs von einem bis heute nicht identifizierten Schützen erschossen.

Heute ist Frans van der Lugt der Namensgeber für das Abuna-Frans-Haus in Essen. Es wurde in Erinnerung an den ermordeten Pater vor 4 Jahren gegründet und birgt ein wirklich außergewöhnliches Wohnprojekt.

Zwei Jesuiten leben hier mit in einer Wohngemeinschaft mit 9 Flüchtlingen zusammen. Und zwar ganz bewusst im Geist von Pater Frans. Auch hier werden Menschen unterschiedlichen Glaubens zusammengebracht. Wie ihrem Ordensbruder ist auch den beiden Jesuiten heute dabei der interreligiöse Dialog besonders wichtig.

Die Gemeinschaft bildet bewusst einen gemeinsamen Haushalt. Jeder hat ein Einzelzimmer, aber es gibt Gemeinschaftsräume, die große Küche und der Wohnraum bilden das Zentrum – es wird viel gekocht; das regelmäßige gemeinsame Essen ist ein wichtiges Element in der Kultur des Hauses. Das Leben unter einem Dach ist keineswegs immer konfliktfrei.

Aber es gelingt: Männer aus unterschiedlichen Kulturkreisen, unterschiedlicher Nationalität, unterschiedlicher Religion, unterschiedlichen Alters und Fluchterfahrung raufen sich hier zusammen und begegnen sich mit Respekt. Das finde ich faszinierend.

Der Erfolg liegt wohl darin, dass die Flüchtlinge das Abuna-Frans-Haus als einen Schutzraum erfahren, von hier aus werden die nächsten Schritte in ein eigenständiges Leben organisiert.

Gastfreundschaft wird in der Wohngemeinschaft großgeschrieben: Ein deutscher Gast hat einmal für vier Monate im Abuna-Frans-Haus gelebt und seine Erfahrungen so zusammengefasst:

„Das gemeinsame Leben relativiert die Sicht auf unsere deutsche Kultur, die nur eine unter vielen ist, auf die christliche Religion, die nur eine unter vielen ist. Ich habe eine neue Demut gelernt.“

So ist das Abuna-Frans-Haus in Essen ein Startpunkt für die gesellschaftliche Integration, ein Ort der Begegnung von Kulturen und Religionen – eben ein Ort geteilten Lebens, ganz im Sinne von Pater Frans. Und auf diese Weise ist das Haus auch ein würdiger Erinnerungsort an den Brückenbauer Abuna Frans. Sein fruchtbares Wirken setzt sich hier auch 7 Jahre nach seinem Tod fort.


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Dieser Beitrag wurde am 05.05.2021 gesendet.


Über den Autor Markus Potthoff

Markus Potthoff wurde 1963 in Bochum geboren. Nach dem Studium der Theologie und Philosophie ist er seit 1994 im Dienst des Bistums Essen tätig. Zurzeit leitet er die Hauptabteilung “Pastoral und Bildung” im Bischöflichen Generalvikariat in Essen.

Kontakt
markus.potthoff@bistum-essen.de 

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