Morgenandacht, 08.05.2021

von Markus Potthoff, Essen

Das richtige Wort

16.000 Wörter sprechen wir im Durchschnitt pro Tag. Sprechen ist eine Handlung, die Wirkung erzeugt. Die Macht unserer Worte ist groß. Worte können zerstören, Worte können aufbauen.

Sogar etwas Neues kann mit einem einzigen Wort entstehen: Das Ja-Wort besiegelt die Ehe, das Urteil verkündet die Strafe. Demagogen setzen Worte für ihre Zwecke ein, mit Worten wird getäuscht und manipuliert.

Überboten wird das noch durch den Aufruf zum Hass. Da werden die sozialen Netzwerke, die Menschen eigentlich miteinander verbinden wollen, plötzlich zu Orten von Cybermobbing und Hatespeech. Dann können Worte andere Menschen wie Giftpfeile treffen.

Ich habe den Eindruck, dass zur Zeit mit einer Leidenschaft und Vehemenz gestritten wird wie lange nicht – oft auch nur um auf jeden Fall Recht zu behalten.

Auch ich kenne bei mir selbst Situationen, in denen ich Worte unbedacht dahinsage. Manchmal erschrecke ich sogar, wenn ich feststellen muss, was meine Worte bei anderen auslösen. Wie oft liegt die erzielte Wirkung quer zu dem, was wir sagen wollen: Das Missverständnis ist eben die große Schwester des Verstehens.

Aber Worte können eben nicht nur Gift, Galle oder sogar Hass transportieren: Worte können auch heilsam sein, können aufbauen und aufrichten, versöhnen, aufs Engste verbinden. Sätze wie: „Ich verzeihe Dir“ oder „Ich liebe Dich“.

Jeder von uns kennt solche Worte, die in unser Leben hineingesprochen worden sind und bis heute nachwirken. Ein dickes Lob eines Lehrers, das mich ermutigt hat und heute noch nachwirkt; ein überraschendes Dankeswort einer Kollegin, ein mitfühlendes Trostwort eines Freundes, das zeigt, dass ich nicht allein bin in Krankheit oder Trauer.

Es gibt wohl keinen Bereich unseres Miteinander-Redens in dem sich nicht auch ihre Kraft zum Guten oder zum Bösen zeigt.

Die Bibel weist unermüdlich auf die ethische Dimension unseres Sprechens hin. Jesus hat dazu einen einfachen Satz gesagt:

„Euer Ja sei ein Ja, Euer Nein ein Nein.“

Da geht es im Kontext des Schwörens um Klarheit und Eindeutigkeit. Da kann nicht nur ein „Ja“ sondern auch ein „Nein“ notwendig sein. Und natürlich kennt die Bibel auch das harte Wort, die Zurechtweisung, den unvermeidlichen Streit im Ringen um die Wahrheit; aber sie kennt auch die Freundlichkeit als Zeichen einer guten Kommunikation. Eine wunderbare Formulierung steht im Buch der Sprüche (Spr 16,24):

„Freundliche Worte sind wie Honig – tröstend für die Seele und gesund für den Körper.“

Der Apostel Paulus mahnt uns zu einem reflektierten Sprechen. In seinem Brief an die Epheser heißt es:

„Lasst kein faules Geschwätz aus eurem Mund gehen, sondern redet, was gut ist, was erbaut und was notwendig ist, damit es Gnade bringe denen, die es hören.“

(Eph 4,29)

Dass wir verantwortlich sind für das, was wir sagen, ist nicht trivial, es geht um das gute Sprechen – in einem ethischen Sinn. Die Bibel rät sogar:

„Wer sich am Leben freuen und gute Tage erleben will, der achte auf das, was er sagt.“

(1 Petr 3,10)

Es steht also zu viel auf dem Spiel, denn die Qualität unseres Lebens hat auch mit unserem Sprechen zu tun.

Alle biblischen Ratschläge dazu kann man so zusammenfassen: Wähle deine Worte und sei Dir ihrer Wirkung bewusst. Oder noch kürzer: Sei achtsam in deinem Sprechen! Und weil uns das in unserer oft fehlenden Sensibilität und Schwäche nicht immer gelingt, formuliert ein Beter in der Bibel eine starke Bitte:

„Herr, gib acht auf das, was ich rede, und wache über meine Lippen.“

(Psalm 143,3)


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Dieser Beitrag wurde am 08.05.2021 gesendet.


Über den Autor Markus Potthoff

Markus Potthoff wurde 1963 in Bochum geboren. Nach dem Studium der Theologie und Philosophie ist er seit 1994 im Dienst des Bistums Essen tätig. Zurzeit leitet er die Hauptabteilung “Pastoral und Bildung” im Bischöflichen Generalvikariat in Essen.

Kontakt
markus.potthoff@bistum-essen.de 

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