Morgenandacht, 04.05.2021

von Markus Potthoff, Essen

Corona und Klima

„Auf die Frage, was die größte Herausforderung der Menschheit sei, antwortet der Chef eines großen Energiekonzerns: 'Aktuell ist es Corona, aber auf lange Sicht der Klimawandel.' Und dann räumt er ein: 'Die Auswirkungen auf das Klima kommen sehr viel schneller, als ich das erwartet habe.'" (WAZ, 09.04.2021, S. 1)

Und diese Auswirkungen werden schon jetzt immer klarer erkennbar: Es geht eben nicht nur um Wale, Bienen und Eisberge. Es geht um uns, unsere Kinder und deren Zukunft.

Berichte des Weltklimarats machen uns seit Jahren schonungslos klar, welche Gefahren die globale Erwärmung mit sich bringt. Dennoch bleibt die Gefahr abstrakt. Die Szenarien klingen apokalyptisch: Flüsse werden über die Ufer treten, Stürme an den Küsten schlimme Schäden anrichten, durch schmelzendes Polareis werden die Meeresspiegel steigen und Küstenregionen überschwemmen.

Manche Orte auf der Erde werden unbewohnbar sein. Auf die Warnungen der Wissenschaft, die schon lange bestehen, wurde bislang nicht ausreichend gehört.

Nun stecken wir seit über einem Jahr in der Corona-Pandemie und ich frage mich: Was lernen wir daraus? Zu Beginn der Pandemie sagte man mit Blick auf das Klima, dass Corona beweisen würde: Die Menschheit kann Krisen bewältigen, wenn sie will. Jetzt stellen wir fest, wie schwer das ist, dass ein guter Wille allein nicht ausreicht. Zu Beginn der Pandemie stieß die Wissenschaft auf offene Ohren.

Experten wurden gehört. Aber dann änderte sich die Stimmung. Lockerungen wurden oft schnell umgesetzt, obwohl die Wissenschaft ziemlich klar gemacht hat, wohin das führt.

In manchem erinnert mich die Diskussion zur Corona-Pandemie verblüffend an die über viele Jahre geführten Klimadebatten: Nach dem ersten Schock der Erkenntnis schlägt die Stunde der Zweifler: So schlimm ist es doch gar nicht, wir sollten erst noch einmal bessere Daten abwarten.

Die Coronakrise zeigt uns aber auch, dass mit einer Kombination aus staatlichem Handeln und Veränderungen des eigenen Verhaltens viel erreicht werden kann.

Offenbar ist der menschliche Geist für eine unsichtbare und langsam wachsende Gefahr nicht geschaffen. Seit Corona haben wir besser verstanden, was exponentielles Wachstum bedeutet. Und ich frage mich im Hinblick auf das Klima: Fangen wir erst an zu verstehen, was gefährliche Kippunkte beim Klimawandel sind, wenn es zu spät ist?

2015 hat Papst Franziskus mit seiner visionären Umweltenzyklika „Laudato si“ kräftig ausgeteilt:

„Wenn die Politik nicht imstande ist, eine perverse Logik zu durchbrechen, und (…) nicht über armselige Reden hinauskommt“,

so schreibt der Papst,

„dann werden wir weitermachen, ohne die großen Probleme der Menschheit in Angriff zu nehmen."

Der Papst ist glasklar: Menschengemachter Klimawandel steht in Widerspruch zur Schöpfungsverantwortung. Das Klima – so Franziskus – ist ein „gemeinsames Gut“ der Menschheit.

Mir ist klar, dass eine Änderung meines Lebensstils wichtig ist, aber mein Verhalten allein das Weltklima nicht rettet. Es reicht nicht, wenn ich und andere ein wenig anders kochen, heizen und sich fortbewegen.

Es braucht beides: die Bereitschaft, unseren Lebensstil zu ändern und politische Weichenstellungen für eine sozial-ökologische Transformation. Es geht um „unser gemeinsames Haus“ (Papst Franziskus).

Es ist Zeit für beherzte und kreative Schritte – bei unserem Konsum, beim Reisen, in Wirtschaft und Produktion. Ein wenig Hoffnung macht mir, dass auch der Chef eines Energieunternehmens sagt, er habe erkannt, dass wir schneller sein müssen.


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Dieser Beitrag wurde am 04.05.2021 gesendet.


Über den Autor Markus Potthoff

Markus Potthoff wurde 1963 in Bochum geboren. Nach dem Studium der Theologie und Philosophie ist er seit 1994 im Dienst des Bistums Essen tätig. Zurzeit leitet er die Hauptabteilung “Pastoral und Bildung” im Bischöflichen Generalvikariat in Essen.

Kontakt
markus.potthoff@bistum-essen.de 

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