Morgenandacht, 03.05.2021

von Markus Potthoff, Essen

Theopoesie

Die Welt ist durch die Wissenschaft längst „entzaubert“, der Glaube an Gott gilt vielen Menschen als überholt und skurril, den Kirchen laufen scharenweise die Mitglieder davon, und dennoch: auch heute ist die Welt voll von Religion.

Auch im 21. Jahrhundert bleibt Religion im Spiel – im weltweiten Maßstab prägt sie bis heute mit beachtlicher Beharrlichkeit Kulturen und Gesellschaften. Wie kommt es dazu, dass religiöser Glaube auch im 21. Jahrhundert so mächtige Wirkungen entfaltet?

Dieser Frage ist der Philosoph Peter Sloterdijk in einem faszinierenden Buch nachgegangen.

„Den Himmel zum Sprechen bringen“

– so lautet der Titel. Die Formulierung setzt den Leser sofort auf die Spur: nicht der Himmel spricht, vielmehr sind es die Menschen, die den Himmel zum Sprechen bringen. Damit knüpft Sloterdijk an die neuzeitliche Religionskritik an, an Philosophen wie Feuerbach und Nietzsche.

Das heißt auf einen kurzen Nenner gebracht: Gott und Götter sind bloß menschliche Erfindungen, Wunschbilder menschlicher Sehnsucht. Für Sloterdijk sind wir „götterdichtende Wesen“.

Im religiösen Sprechen, so zeigt der Philosoph, arbeitet eine unbändige Erzählkraft: in den Göttergeschichten der Griechen und Römer ebenso wie in den heiligen Texten der Weltreligionen: also in Talmud, Bibel, Koran oder den Veden. Sloterdijk spricht von Theopoesie.

Bei alledem schätzt Sloterdijk die religiöse Praxis dennoch als vorteilhaft ein: Wer glaubt, trainiere nämlich das Leben und Überleben. Rituale seien Übungen, stets wiederholte Gebete stabilisierten die Seele in Lebenskrisen und eröffneten sogar tröstliche Aussichten für das Jenseits.

So bewährt sich Religion, in dem sie für wahr hält, was eigentlich der Fiktion entspringt, sagt Sloterdijk. Religiöse Bekenntnisse seien in Wahrheit "Luftspiegelungen“, die auftreten, wenn die Sprache „feiert". Theologie ist Poetik.

Sloterdijk ist davon überzeugt:

„so wie sich jüngst auf den Ozeanen gigantische Wirbel an Plastikabfällen gebildet haben“, so sind „auf den Weltmeeren des Seelischen gewaltige Wirbel aus Götterrückständen entstanden“ (S. 107).

Ich finde, dass Sloterdijks Sicht in vielem durchaus plausibel ist. Tatsächlich ist an Religionen vieles menschengemacht. So ein kritischer Blick auf Religion und Glaube entzaubert zu Recht so manchen Anspruch auf höhere Wahrheit.

Aber in einer Hinsicht steht der christliche Glaube doch vollständig quer zu Sloterdijks weltenerzeugender Theopoetik: Christen glauben nicht daran, dass es ihnen gelingen könnte, den Himmel zum Sprechen zu bringen. Das können sie nicht. Natürlich ist das Wort „Gott“ auch ein Sehnsuchtswort, aber die Wirklichkeit Gottes ist für gläubige Menschen keine menschliche Projektion.

Gott ist nicht die Verlängerung menschlicher Hoffnung ins Leere hinein. Christen glauben im Gegenteil, dass Gott sich uns in Freiheit zugewandt hat. Der Kern des christlichen Glaubens besteht in der Überzeugung, dass Gott auf uns zugekommen ist. Wahrheit und Anspruch des christlichen Glaubens entspringen aus dem Blick auf den gekreuzigten und auferstandenen Christus.

Er zeigt uns Gott. In diesem Namen ist das Geheimnis Gottes verdichtet, in diesem Menschen zeigt Gott sein Gesicht, in diesem Leib und Leben lüftet sich Gottes Geheimnis. In Jesus Christus wird Gott sichtbar, berührbar und greifbar. Der Theologie und Dichter Andreas Knapp hat das in einem Gedicht so ausgedrückt:

„nicht neunundneuzig namen, die den unausprechlichen doch nicht benennen, in diesem namen bist du es selbst“ (Knapp, S. 19).

Dieser Glaube an den sich uns zuwendenden Gott bleibt eine Provokation; um dafür angemessene Worte zu finden, bedarf es durchaus poetischer Sprachkraft.

Peter Sloterdijk: Den Himmel zum Sprechen bringen. Berlin 2020
Andreas Knapp: Tiefer als das Meer. Gedichte zum Glauben, Würzburg 2005


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Dieser Beitrag wurde am 03.05.2021 gesendet.


Über den Autor Markus Potthoff

Markus Potthoff wurde 1963 in Bochum geboren. Nach dem Studium der Theologie und Philosophie ist er seit 1994 im Dienst des Bistums Essen tätig. Zurzeit leitet er die Hauptabteilung “Pastoral und Bildung” im Bischöflichen Generalvikariat in Essen.

Kontakt
markus.potthoff@bistum-essen.de 

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