Am Sonntagmorgen, 02.05.2021

von Dr. Silvia Katharina Becker

Wo mein Herz ist, da ist auch meine Zeit. Überlegungen zu einem rätselhaften Phänomen

Mal vergeht die Zeit wie im Fluge, mal erscheint eine Minute so lang wie eine Stunde. Die Zeit ist etwas sehr persönliches - und gibt Rätsel auf.

© Jordan Benton / Pexels

Als ich ein kleines Mädchen war, wunderte ich mich manchmal, warum es eigentlich nicht nur Kinder, sondern auch ältere Menschen gibt. Für mich stand fest: Am besten ist es, ein Kind zu sein. Alte Menschen, so sinnierte ich, haben oft so komische Falten im Gesicht, der Hals ist nicht ebenmäßig und sie suchen ständig ihre Brille.

Warum, um Himmels willen, so fragte ich mich, will jemand alt sein, wo es doch so viel hübscher ist, jung zu sein? Ich glaubte allen Ernstes, man könnte sich in Freiheit dafür entscheiden, als alter oder junger Mensch durch die Welt zu gehen.

Offensichtlich befand ich mich damals noch ganz im Zustand der Unschuld. Die Macht der Zeit hatte noch nicht an meine Tür geklopft. Aber auch jenseits der Unschuld fällt es schwer, sich Zeit wirklich vorzustellen. Was wir wahrnehmen, sind allenfalls die Folgen der Zeit, die Veränderungen, die sie gebiert. Aber die Zeit selbst bleibt ein Geheimnis.

Zeit in Raum verwandeln

Dem Philosophen Immanuel Kant galt sie als eine reine Anschauungsform, etwas, was unser Geist – ob er will oder nicht – an die Welt heranträgt, um die Überfülle des Seins zu ordnen. Ein Hilfskonstrukt? Vielleicht. Und der moderne Zeitforscher Karlheinz Geissler sagt:

„Der Mensch besitzt keinen Zeitsinn. Ein Mangel, der ihn zwingt, sich von der Zeit Bilder zu machen, sich die Zeit vorstellen zu müssen.“

Diese Vorstellungen von der Zeit haben sich im Laufe der Kulturgeschichte jedoch immer wieder verändert, zum Beispiel durch die Macht der Politik oder der Kirche. Denn lange Zeit war die Kirchturmuhr die einzige Uhr im Ort und das Zwölf-Uhr-Läuten oder das Läuten zum Gottesdienst prägte den Rhythmus von Arbeit und Ruhe.

Letztlich, so Geissler, sei aber auch die Uhr nichts anderes als ein Bild von der Zeit, eine Vergegenständlichung. Sie tut genau das, was Menschen angesichts der Zeit sehr gerne tun: Sie verwandelt Zeit in Raum. 

Denn das Vorrücken der Zeiger ist keineswegs die Zeit selbst, sondern eine räumliche Bewegung, die die Zeit quasi symbolisiert, das Unfassbare in Form bringt. Geissler zitiert dazu seine kleine Enkeltochter:

„Meine sechsjährige Enkelin Lou erklärt mir auf meine Frage, wie sie sich ‚Zeit’ vorstellt: ‚Die Zeit, die gibt’s gar nicht, die gibt’s nur im Gehirn – gleich neben den Träumen.’ Besser kann man nicht beschreiben, dass Zeit eine Vorstellung ist.“  

Allerdings eine notwendige Vorstellung von etwas, das unserem Zugriff entzogen und gerade deshalb von höchster Relevanz ist. Wie relevant, habe ich vor wenigen Wochen beim Tod meines Vaters wieder einmal erfahren müssen. Spätestens in solchen Situationen zeigt sich, wie kostbar und begrenzt unsere Zeit ist, die leider immer nur in eine Richtung läuft.

Das verleiht jedem Handeln einen tiefen, bisweilen erschreckenden Ernst. Denn das Versäumnis oder die Fehlentscheidung von gestern kann ich zwar versuchen, irgendwie wieder auszugleichen, ungeschehen machen kann ich sie nie.

Die Zeit ist ein Rahmen

Ist die Zeit also ein Monster? Klar, man kann sie als Alleszermalmerin ansehen, als ein Ungeheuer, das jedes Individuum irgendwann frisst. Aber ist sie andererseits nicht auch das, was unser Leben erst ermöglicht? Der Stoff, ohne den es keine Veränderung, keine Entwicklung, keine Lebensgeschichte gäbe?

Die Zeit schenkt einen Anfang und ein Ende. Sie fordert mich auf, das Leben ernst zu nehmen, Prioritäten zu setzen, das eine zu tun und das andere – oft mit großem Bedauern – zu lassen. Und sie drängt mich dazu, nicht alles endlos zu verschieben, sondern das zu tun, was wichtig ist.

Kurz gesagt: Zeit ist der Rahmen, in dem sich das Leben eines Menschen abspielt und das Leben all seiner Mitgeschöpfe. Freiheit, Kreativität, Glück und Leid, Scheitern und Gelingen – all das ist immer nur in diesem Rahmen möglich.

Das klingt erschreckend eng. Aber: Das Fließen der Zeit ist lange nicht so determiniert wie etwa das Fließen eines Bachs. Im Gegenteil: Zeit ist weit mehr als eine einfache Reihe von Zeitpunkten. So die Überzeugung des Philosophen und Mathematikers Alfred North Whitehead. In ihrem bemerkenswerten Buch über die Zeit schreiben Harald Lesch und Ursula Forstner dazu:

„Whitehead revidiert unser wirkmächtiges mechanistisches Bild von ‚Zeit’ mit dem Hinweis, dass diese sich nicht unabhängig von Ereignissen betrachten und verstehen lässt. Zeit ist mehr als das, was die Uhr misst, und auch mehr, als der ‚Uhrzeitmensch’ daraus macht.“

Vom Umgang mit der Zeit

Ein einfaches Beispiel: Wenn ich zwei Wochen in Urlaub war, habe ich oft das Gefühl, ich bin lange weg gewesen. Meine Freundinnen aber wundern sich und sagen erstaunt:

„Bist du schon wieder da?“

Für sie sind zwei Wochen Alltag viel schneller vergangen als für mich zwei Wochen am Meer.

Diese Flexibilität der Zeit, ihre Eigenschaft, sich zu verzögern oder zu beschleunigen, ist durchweg positiv. Oder anders ausgedrückt: Für das, was einem Menschen viel bedeutet, findet sich häufig auch ein Zeitfenster. Zum Beispiel gerade jetzt: Vor zehn Minuten, am späten Sonntagvormittag, ruft mich eine liebe Verwandte an.

Obwohl mir dieser Beitrag wichtig ist, habe ich sofort – bildlich gesprochen – den Griffel fallen lassen, um mit ihr ein paar Minuten zu reden. Natürlich ist so ein Verhalten nicht immer möglich und auch nicht immer sinnvoll.

Aber ich habe schon vor Jahren gelernt, dass die Zeit, die man sich in aufrichtigem Interesse für etwas oder für jemanden nimmt, auf geheimnisvolle Weise da ist. Sie wächst einem wundersam zu, ist also keine gestohlene, sondern geschenkte Zeit. 

Der Umgang mit der Zeit bleibt eine ständige Herausforderung, besonders in unserem durchgetakteten Leben. Wie völlig anders dieser Umgang aussehen kann, hat mich – so verrückt es klingt – meine 2017 gestorbene Colliehündin gelehrt. Sie hat mir allein durch ihr Dasein gezeigt, wie man mit der Zeit umgehen sollte. Nämlich liebevoll, wertschätzend, den Augenblick feiernd.

Menschen wollen Ewigkeit

Immer wieder habe ich staunend erfahren: Meine Hündin, mein Tier, lebt ganz anders in der Zeit als ich. Sie lebt radikal in der Gegenwart, radikal im Jetzt. Eine Mystikerin im Wolfsfell. Wenn das Wetter schön war – also nach meinem Verständnis nicht total scheußlich – legte sie sich auf die immer gleiche Stelle auf der Terrasse und blickte tief und versonnen in den Garten hinein. Dann war sie auf eine seltsame Art glücklich.

Ja, ich glaube ganz ernsthaft, dass sie dann meditierte – sie meditierte den verwilderten Garten, den Kirschbaum, der unverschämt vor sich hin blühte, die Sträucher, in denen die Vögel sangen, das Spiel von Schatten und Licht.

Manchmal legte ich mich dann vorsichtig neben sie und wagte kaum zu atmen, um die heilige Stille nicht zu stören. Das Einsein mit der Schöpfung, die absolute Gegenwart, die auch mich erfasste und die kein Vorher und kein Nachher kennt. 

In solchen Erfahrungen, die gar nicht so selten sind, scheint es mir, als falle ein Strahl des Göttlichen auf unsere Welt. Ein Vorhang, der normalerweise geschlossen ist, hebt sich. Die Macht der Zeit ist für einige Augenblicke außer Kraft gesetzt. Ein Hauch von Ewigkeit.

Und Menschen wollen Ewigkeit, zumindest aber etwas, das ihre engen Grenzen, das Klein-Klein des Alltags sprengt. Womit wir bei der Geburtsstunde der Religion wären.

Auf der Reise in die Ewigkeit

Sicher hat Religion viele Wurzeln. Die Erfahrung der Begrenztheit und Endlichkeit – und die Auflehnung dagegen – gehören zweifellos dazu. Immer dann, wenn Menschen lieben, sagen sie dem anderen:

„Du sollst nicht sterben, du sollst ewig leben. Ich will nicht, dass du einfach so weggehst.“

Ich stelle mir vor, wie schon der Neandertaler, der wie die Forschung immer klarer zeigt zumindest in gewissen Regionen seine Toten bestattete, dem Verstorbenen noch ein Knochenwerkzeug mit auf die Reise gab und einige schöne Muscheln auf die Brust legte.

Vermutlich war es auch für ihn unerträglich, bei der Vorstellung zu verweilen, dass der Verstorbene einfach weg ist. Deshalb ist jede Grabbeigabe eine Auflehnung gegen die Zeit. Sie sagt dem Verstorbenen:

„Nein. Du bist nicht wirklich tot, du hast nur eine weite Reise angetreten.“

Eine Reise ins Licht, in eine Welt jenseits von Zeit und Raum, kurz: eine Reise in die Ewigkeit.

Unser Leben ist Wandel

Die Reise in die Ewigkeit muss jede und jeder für sich allein antreten. Die Angehörigen bleiben weiterhin dem Gesetz der Zeit unterworfen, ihrem geheimnisvollen Fließen, das manchmal beängstigend ist, manchmal aber auch tröstlich.

Zum Beispiel, wenn ich allein im Krankenhaus liege, Zahnschmerzen habe, mich eine Lebenskrise heimsucht oder gerade eine weltweite Pandemie wütet. In jedem Fall kann ich mir sicher sein, dass auch dies einmal vorbei gehen wird.

Denn der Wandel, die Entwicklung, nicht die Erstarrung ist unser Leben. Und dazu gehört eben auch, tragische Ereignisse, aber auch etwas so Normales wie Alterungsprozesse anzunehmen, zu deuten und lebendig zu gestalten.

Ein großes Vorbild in dieser Frage ist für mich der Baske Pedro Arupe, der fast 20 Jahre lang dem Jesuitenorden vorstand, bis ihn ein Schlaganfall zur Aufgabe seines Amtes zwang. Anstatt zu verbittern und zu klagen, deutete er die komplette Änderung seiner Lebenssituation mit den Worten:

„Mehr denn je in Gottes Hand.“

Kann es eine schönere Umschreibung von Krankheit, Alter und Tod geben? Vor diesem Hintergrund verstehe ich auch ein weiteres Zitat von Pedro Arupe:

„Tatsächlich ist der Tod, den man oft sehr fürchtet, für mich eines der am meisten erwarteten Ereignisse, ein Ereignis, das meinem Leben Sinn verleiht … Er bedeutet, sich dem Herrn in die Arme werfen, er bedeutet, die Einladung hören, die man nicht verdient hat, die aber in Wahrheit ergangen ist: ‚Wohlan du guter und getreuer Knecht … geh ein in die Freude deines Herrn’ (Mt 25,21), er bedeutet, ans Ziel der Hoffnung und des Glaubens zu kommen, um in der ewigen und grenzenlosen Liebe zu leben.“ 

Der Tod ist ein Aufbruch

Die meisten haben es heute offenbar verlernt, diesen Prozess des Älterwerdens – anders ausgedrückt: das unaufhaltbare Fließen der Zeit so zu deuten, wie es fast die ganze Menschheitsgeschichte lang der Fall war: als das Auf-Sie-Zukommen Gottes.

Ob es nicht doch möglich ist, auch im Alter noch nach vorn zu blicken, die Gegenwart, jeden einzelnen Augenblick zu genießen, wie man es am Ende einer großen Reise eben macht? Ob es nicht möglich ist, auf die große Begegnung hinzuleben, die immer näher rückt, sich auf Gott zu freuen? Auf die Ewigkeit, die Vollendung.

In unserer hoch säkularisierten Gesellschaft hat man sich daran gewöhnt, den Tod ausschließlich als ein Weggehen zu betrachten. Aus dem Glauben fast aller Religionen heraus ist dies viel zu kurz gegriffen.

Der Tod ist auch ein Aufbruch. Ein Aufbruch in eine Welt ohne Zeit, die unser Vorstellungsvermögen übersteigt. Oder anders ausgedrückt: Unsere Verstorbenen gehen nicht nur weg, sondern sie kommen auch an. 

Aber passt diese Vorstellung überhaupt noch in unsere Zeit? Ist sie nicht gänzlich überholt? Ich möchte hier den Jesuiten Albert Keller zitieren:

„Es ist nicht zu fragen, ob Gott in diese Zeit passt … Es ist zu fragen, ob diese Zeit zu Gott passt. Denn Gott passt natürlich in keine Zeit, weder in diese noch in die vergangene, noch in eine zukünftige. Er passt nicht in Zeit und Raum. Er steht darüber. Aber eben, weil es dieses Darüberstehen gibt, und weil wir dazu einen Bezug haben können, deshalb sind auch wir der Zeit nicht ausgeliefert, sondern können sie als Aufgabe, als uns von Gott aufgegeben, begreifen. Wir sind aufgerufen, Gegenwart nicht bloß zu erleiden, sondern zu bewältigen, zu meistern auf Menschlichkeit hin, weil in einem Menschen Gott mit uns ist.“    

Die redaktionelle Verantwortung für die Sendung hat Martin Korden

Musik:

Passage of Time – Rachel Portman

To the Sky – Dirk Maassen

The Changeling End Title – Clint Eastwood

* Die Zitate von Harald Lesch, Ursula Forstner und Karlheinz Geissler stammen aus dem 2019 erschienen Buch: Harald Lesch, Ursula Forstner, Ein Physiker und eine Philosophin spielen mit der Zeit. Mit einem Vorwort von Karlheinz A. Geissler, Patmos Verlag, Ostfildern 2019


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Dieser Beitrag wurde am 02.05.2021 gesendet.


Über die Autorin Silvia Katharina Becker

Dr. Silvia Katharina Becker studierte in Aachen Philosophie und katholische Theologie und arbeitete – nachdem sie einige Jahre in der Frauenbildung tätig war - viele Jahre als verantwortliche Redakteurin für „Die Mitarbeiterin“, eine Zeitschrift für Frauenbildung und Frauenseelsorge. Bis 2019 war sie katholische Senderbeauftragte für den Deutschlandfunk. Daneben war und ist sie auch als freie Autorin tätig. Sie entstammt einer alten und weit verzweigten Musikerfamilie, spielt selbst – ebenso wie ihr Mann - amateurmäßig Geige.

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