Feiertag, 01.05.2021

von Johannes Schröer, Köln

„Maria, dich lieben…“ Mystik und Marienverehrung heute

Sie gilt als wichtigste Frau im Christentum: Maria, die Muttergottes. Überall auf der Welt gibt es Orte, an denen sie besonders verehrt wird. Der Autor hat den Wallfahrtsort Neviges aufgesucht, um zu verstehen, was es mit der besonderen Verehrung Mariens auf sich hat.

© Saintambroise / Wikipedia / CC BY-SA 4.0

„Maria dich lieben“ – ein Marienlied, das aus dem 18. Jahrhundert stammt und mit dem heute an ungezählten katholischen Orten der Marienmonat eröffnet wird. Der Wonnemonat Mai, in dem alles grünt und blüht, ist in katholischer Tradition der Gottesmutter Maria gewidmet.

Auf der Nordhalbkugel des Globus ist das so – denn auf der Südhalbkugel, wo die Natur im November erblüht, ist es dementsprechend auch der analoge Monat November. Hier wie dort gibt es dann große Marienwallfahrten, Andachten und Prozessionen.

Im Mittelpunkt steht dabei Maria. Sie ist eine der prominentesten Frauen der Weltgeschichte. Sie ist die Mutter Gottes – die Heilige Frau – die Jungfrau – und Unbefleckte – die Himmelskönigin – die Gnadenmutter – Madonna – und Schmerzensmutter. Die vielen Titel und Zuschreibungen für Maria zeigen, wie vielschichtig ihre Bedeutung ist.

Bedingungsloser Gehorsam

Sie polarisiert auch, sie sorgt für große Emotionen. Maria, so ist es in der Bibel überliefert, vertraut Gott und glaubt dem Engel Gabriel, der ihr prophezeit, den Sohn Gottes zur Welt zu bringen. Ihr Schicksal: Sie muss ihren Sohn, der gekreuzigt wird, opfern. Sie bleibt aber trotz aller Zumutungen Gott treu.

Ihr Vorbild an bedingungslosem Gehorsam und Glauben wurde in der Geschichte oft von den Mächtigen als Instrument benutzt, um Christen in der Nachfolge dieses Gehorsams an die hierarchische Kirche zu binden und zu bevormunden. Aber so einfach ist es nicht.

Die weltweite Verehrung Marias geht weit über jede vordergründige Instrumentalisierung hinaus. Maria bewegt schon seit Jahrhunderten die Gemüter, indem sie einen Resonanzraum erzeugt, der vielen Menschen Trost und Geborgenheit stiftet.

So wird Maria auch die Schmerzensmutter genannt, weil sie selbst so viel erleiden musste. Und genau deshalb glauben Christen, dass Maria auch sie in ihrer Not und ihrem Leid besonders gut versteht und als Fürsprecherin bei Gott für ihre Anliegen eintreten kann.

Mutter für alle Menschen

Bedeutende Dichter wie Rilke, Wieland, Novalis, Goethe und auch Brecht widmeten ihr eigene Hymnen. Mystiker und Theologen wie Hans Urs von Balthasar erzählen, wie sie über Maria einen Zugang zu Gott gefunden haben.

Unter katholischen Christen sind Marienlieder oft populäre Hits und Hymnen: „Salve Regina“, „Segne du, Maria“ oder „Maria, breit den Mantel aus“.

Was hat es also mit der Mutter Gottes auf sich? Im Neuen Testament der Bibel erfahren wir viel über Jesus, Petrus und Paulus – aber vergleichsweise wenig über Maria. Eine biblische Schlüsselszene ist sicher der Moment unter dem Kreuz, der im Johannesevangelium überliefert ist.

Kurz vor seinem Tod, sagt Jesus da zu seiner Mutter Maria:

„Frau, siehe, das ist dein Sohn.“

Und damit deutet er auf den Apostel Johannes, der ebenfalls unter dem Kreuz steht. Zu diesem sagt er anschließend: 

„Siehe, das ist deine Mutter.“

Mit diesen Worten überantwortet Jesus nicht nur Johannes, sondern allen Menschen Maria als Mutter. So deutet es auch der katholische Priester Abbé Phil Dieckhoff.

„Sie ist für mich als Gläubigen und für mich als Priester die Mutter. Die Mutter des Herrn und damit auch unsere Mutter und Fürsorgerin und Gebetshilfe bei Gott.“

„Bei Maria ist das Leben sanfter“

Abbé Phil Dieckhoff lebt im Marien-Wallfahrtsort Neviges. Der 34-jährige gehört zur katholischen Gemeinschaft Sankt Martin, die den Wallfahrtsort betreut. Maria als Mutter-Archetyp, der Christen ihre Sorgen anvertrauen dürfen, das ist für ihn ganz wichtig. 

„Ich glaube, viele Generationen von Frömmigkeit haben gezeigt: Wir dürfen als Christen wirklich zu Maria kommen, wir dürfen uns von dieser mütterlichen Nähe umhüllen lassen gewissermaßen, versöhnen lassen. Manchmal ist es einfacher, zu ihr zu kommen, als zu ihrem Sohn zu kommen mit dem schweren brutalen Kreuz, das an Karfreitag so sehr im Mittelpunkt steht. Bei Maria ist das Leben irgendwie einfach, vielleicht auch manchmal sanfter.“

Wallfahrtsorte wie Lourdes, Fatima und auch Neviges zeigen, wie Maria Menschen bis heute trösten und auch Hoffnung geben kann. Jedes Jahr pilgern Hunderttausende dorthin, weil sie glauben, der Gottesmutter dort in besonderer Weise nahe zu kommen.

In Lourdes soll die Gottesmutter einer jungen Frau erschienen sein. In Fatima waren es drei Hirtenkinder, die von der Begegnung mit Maria berichteten und in Neviges war es der Franziskanerpater Antonius Schirley, der von einem besonderen Erlebnis mit der Gottesmutter erzählt hat.

Wallfahrtsort Neviges

Als er im Jahr 1681 in seiner Klosterzelle vor einem Marienbild aus seinem Gesangsbuch betete, hörte er ihre Stimme, die ihm sagte:

„Bring mich zum Hardenberg in Neviges. Ich möchte dort verehrt werden.“

So geschah es dann auch und seitdem wird das Marienbild aus der Klosterzelle von Pater Antonius in Neviges verehrt.

„Die Gottesmutter hat ihre Hand offenbar ausgebreitet hier über diesen Ort. Sie hat gewollt, dass das Bild hier verehrt wird – in Neviges. Und sie hat das gleichermaßen bezeugt mit zwei großen Heilungen, nämlich einmal mit der Heilung des Fürsten hier aus der lokalen Herrschaft und mit der Heilung des Fürstbischofs von Paderborn, die beide natürlich in großer Dankbarkeit die Wallfahrt sehr bestärkt haben.“

Die beiden schwer erkrankten Würdenträger, von denen Abbé Phil hier spricht, hatten damals vor dem besagten Bild Marias gebetet – und wurden wieder gesund. Diese unerklärlichen Heilungen sprachen sich dann schnell herum und immer mehr Menschen pilgerten zum Marienbild, das in Neviges kurz Gnadenbild genannt wird.

Die meisten Pilgerinnen und Pilger schwärmten nach ihrem Besuch in Neviges von der besonderen Ausstrahlung dieses Ortes. Auch von weiteren Wunderheilungen wurde seit Beginn der Wallfahrt immer wieder berichtet. 

Wunder bleiben Glaubenssache

Diese wundersamen Heilungsgeschichten sind typisch für die zahlreichen Marien-Wallfahrtsorte weltweit, werden aber besonders seit der Zeit der Aufklärung sehr kritisch beäugt und hinterfragt.

So gibt es heute ärztliche Kommissionen, die z.B. in Lourdes, Europas größtem Marienwallfahrtsort, die Berichte über unerklärliche Heilungen wissenschaftlich prüfen.

Denn von einem anerkannten Wunder spricht man in der katholischen Kirche erst dann, wenn es keine wissenschaftliche Erklärung für eine Heilung gibt. Ob die Gottesmutter Maria aber damit etwas zu tun hat, das können wissenschaftliche Kommissionen natürlich nicht erklären. 

Das sei eine Frage des Glaubens, sagt Abbe Phil. Wer absolute und überprüfbare Gewissheiten suche, der werde sie auch im Marienwallfahrtsort Neviges nicht finden.

„Man kann genauso an Maria zweifeln, wie man an Gott zweifeln kann, und das ist unbenommen. Wer da Heilsgewissheiten verlangt, wer da Heilungsgewissheiten verlangt, der ist bei Maria genauso falsch wie bei Gott.“

„Ohne die Muttergottes von Neviges geht nichts“

Abbé Phil Dieckhoff hat mich nach Neviges eingeladen. Schon vom großen Parkplatz am Ortseingang ist der gigantische Mariendom zu sehen, der hier alles überstrahlt. Der erste Eindruck: Der Dom sieht aus wie ein riesiges, verschachteltes Zelt aus Beton. Im Stil des Brutalismus ist er von Stararchitekt Gottfried Böhm entworfen worden. 1968 wurde der Mariendom geweiht.

Zwischen den Fachwerkhäusern des Ortes und der alten Wallfahrtskirche wirkt er zunächst fremd – sorgt aber für Staunen und weckt auch meine Neugier. Auf dem Weg zum Mariendom treffe ich eine Gruppe von einheimischen Frauen, die sich am Morgen aufgemacht haben, um in der alten Wallfahrtskirche den Rosenkranz zu beten.

„Maria mit dem Rosenkranz. Deswegen ist der Mai und der Oktober für die Muttergottes.“ 

„Wenn man in Not ist, man kann immer zur Muttergottes kommen hier. Maria bedeutet mir alles. Also das ist die Zuflucht. Ist sie.“

„Das ist unsere Trösterin. Ohne Muttergottes von Neviges geht gar nichts. Und ich glaube da auch dran.“

Ein Besuch in Neviges

Ich habe mich mit Abbé Phil Dieckhoff vor dem kleinen Domklosterladen verabredet, der wegen der Corona-Pandemie geschlossen ist. In seinem bodenlangen dunklen Kleid, der Soutane, kommt mir der junge Mann entgegengelaufen.

„Guten Morgen. Wir können uns leider nicht die Hand geben. Abbé Phil oder Abbé Dyckhoff, wie spricht man sie an? – Abbé Phil.“ 

Abbé Phil ist groß und schlank, gutaussehend und charmant. Man merkt ihm gleich an, dass er voll und ganz für seinen Glauben einsteht. Für jede der Frauen, mit denen ich mich gerade noch unterhalten habe, hat er ein freundliches Wort.

Er lädt mich in den Kreuzgang des alten Franziskanerklosters ein – von dort aus gibt es einen Zugang auch zum Mariendom. Und stand ich eben noch in einem uralten Kloster – mit einer Geschichte, die bis auf das 13. Jahrhundert zurückreicht, so staune ich hinter der Durchgangstür plötzlich über die massiven Betonwände in der Sakristei.

„Jetzt sind wir gerade in der Sakristei des Marien-Domes, das ist also auch schon der erste Einblick gleich in das große Betonwerk hier von Gottfried Böhm. Denn die Sakristei steht auch schon unter einem Zeltdach aus Beton. Und wir gehen jetzt hindurch in den in den Mariendom selbst.“

Und dann weitet sich der Blick in das überdimensionale Betonzelt. Es ist, als betrete ich eine andere Welt – weit weg von dem, was mich draußen umgibt. Die steilen Betonwände werden von kleinen Lichtluken durchbrochen. Das Sonnenlicht spielt mit der Architektur und macht sie lebendig.

„Wenn die Sonne draußen wirklich scharf scheint und wenn hier ein bisschen Weihrauch in der Luft hängt, dann hat man solche Lichtschwerter, die die Decke durchbrechen. Das ist ganz faszinierend. 34 Meter hoch, 7500 Tonnen Beton wurden in den Dom hinein gekippt.“

Ruhig wird man hier – still in diesem verschachtelten Zelt aus Beton. Es könnte auch eine gigantische Grotte sein, ein Fels, ein Kristall, ein Berg, eine Burg oder ein Bunker. Und egal, ob man gläubiger Christ ist oder nicht: Der Besuch dieser ungewöhnlichen Kirche ist ein Erlebnis.

Doch schon bald frage ich mich: Wo ist denn nun das Gnadenbild der Maria, das hier verehrt wird. Denn darum geht es doch, darum kommen die Pilgerinnen und Pilger nach Neviges, um das Bild zu sehen, durch das die Mutter Gottes zu einem Menschen gesprochen haben soll.

Ein Bildchen, das verehrt wird

Abbé Phil führt mich in eine Nische, gleich neben dem Eingang. Hier steht eine drei Meter hohe Säule. Eine große Blume aus Beton. Darin eingelassen – hinter einem kleinen Fenster – das Gnadenbild der Maria. Nicht größer als eine Seite aus einem Notizblock.

„Dieses Bildchen aus einer Buchseite entnommen. Ist ja nichts Besonderes, oder?“

„Das ist vielleicht genau das Geniale dieses Gnadenbildes. Das ist überhaupt das Geniale auch überhaupt des ganzen christlichen Glaubens. Das allermeiste, was wir verehren, ist nichts Besonderes sondern wir verehren hier tatsächlich nur ein Bildchen, das allein durch ein paar Heilungen beglaubigt ist, nichts anderes. Nur ein Bildchen, vor dem die Gottesmutter gesagt hat: Verehrt mich halt hier. Und dazu will ich meinen Segen geben.“

Und so kamen und kommen in jedem Jahr zehntausende Pilgerinnen und Pilger nach Neviges. Nach dem Besuch des Mariendoms führt mich Abbé Phil zurück zur alten kleineren Wallfahrtskirche, auch weil dort an diesem ganz normalen Dienstagmorgen ca. zwanzig ältere Frauen den Rosenkranz beten.

„Ja, das hat seinen Anfang darin, dass wir den Rosenkranz 1987 gegründet haben, mein Mann und ich. Und Pater Thomas hat gesagt, wenn ich mitmache und das tue ich gern, dann sind wir schon zu dritt.“

Mathilde Peus hat gemeinsam mit ihrem Mann den Gebetskreis gegründet, der sich bis heute regelmäßig trifft und den Wallfahrtsort selbst in Zeiten der Pandemie mit Leben erfüllt. 

„Man sollte es nicht als monotones Lippengebet betrachten. Wenn Liebe im Spiel ist, dann hört der Geliebte ja sehr gerne, dass man immer wieder sagt: Ich liebe dich, ich hab dich gern. Und so ist es bei jedem Ave. Es ist immer ein Liebesbeweis an Gott durch die Verehrung zur Gottesmutter. Mit dem Rosenkranz geht man glaubensmäßig tief vor Anker.“

Und dann kramt Mathilde Peus in ihrer Handtasche und schenkt mir eine Kopie, ein Faksimile des Gnadenbildes. Maria ist dort mit all ihren Attributen zu sehen, die auf eine Vision aus der Offenbarung des Johannes in der Bibel zurückgehen.

Maria, das Gegenbild der Schlange?

Zwölf Sterne umkränzen dort das Haupt einer schwangeren Frau. Sie ist mit der strahlenden Sonne bekleidet und steht auf dem sichelförmigen Mond. Unter ihren nackten Füßen die Schlange, das Böse, das sie zertritt.

Dass die Bibel in ihrer ganzen Dramaturgie auch ein von Anfang bis Ende literarisch durchkomponiertes Meisterwerk ist, erkennt man auch an diesem Bild aus der Offenbarung. Der Sieg über die Schlange steht am Ende der Bibel – mit genau der Schlange hat sie auch begonnen. 

Denn im Alten Testament, im ersten Buch Mose, der Genesis, tritt die Schlange als große Verführerin auf. Sie schafft es, die ersten Menschen Adam und Eva von Gott zu entfremden – die Menschen verlieren das Paradies, das Böse hält Einzug in die Welt.

Maria tritt im Neuen Testament als das Gegenbild auf. Als Mutter des Erlösers Jesus bringt sie mit dem Jesuskind das Gute in die Welt und zertritt damit die Schlange.

Übertriebene Marienverehrung?

Die innige Marienverehrung, wie ich sie im Wallfahrtsort Neviges erlebe, ist heute vielen Menschen fremd. Manche sprechen sogar von einer religiösen Parallelwelt. Die Skepsis gegenüber einer womöglich übertriebenen Marienfrömmigkeit hat auch historische Ursachen.

Im 19. Jahrhundert wurde Maria mancherorts so sehr verehrt, dass sie ebenbürtig neben Jesus Christus als Erlöserin angebetet wurde. Ganz aktuell hat jetzt auch Papst Franziskus davor gewarnt, die Bedeutung der Gottesmutter zu überhöhen. Maria sei eben nicht die Erlöserin, auch nicht die Co-Erlöserin, sagt der Papst.

Vor übertriebener Marienfrömmigkeit warnt auch Johanna Rahner. Die Theologieprofessorin aus Tübingen sagt, es sei ganz und gar unkatholisch, Maria neben Jesus einen nahezu gleichberechtigten Status einzuräumen.

„Und je stärker Sie sozusagen das Mariologische überdehnen wollen, desto deutlicher haben sie Probleme in der Anthropologie und in der Christologie. Und da muss man wirklich aufpassen.“

„Über Maria durch Christus zu Gott“

Aber wofür steht Maria? Welchen Status hat sie? Sie sei Fürsprecherin bei Christus. „Über Maria durch Christus zu Gott“, so beschreibt Johanna Rahner die Rolle Marias, an Christus aber reiche sie nicht heran. Und dann verweist die Theologieprofessorin auf das sogenannte Magnificat.

Das ist der Lobgesang der Muttergottes, überliefert im Lukasevangelium der Bibel. Maria preist in diesem Hymnus die angekündigte Ankunft von Jesus. Ihr Lobgesang, das Magnificat, kommt hier einer Vision gleich.

Gott stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen, heißt es da wörtlich. Die Hungernden beschenkt er, während die Reichen leer ausgehen. Maria selbst ist dafür Zeugin. Eine unbedeutende, arme Frau wählt Gott als Mutter seines Sohnes aus.

„Es gibt nichts Revolutionäres als das Magnificat und das sollte man mal ernst nehmen. Und damit ist man aber auf der im Prinzip politischen, gesellschaftlichen, anthropologischen Ebene. Und wenn er dann die Mächtigen vom Thron stürzt und die Niedrigen erhöht, dann ist das fast schon ein politisches Programm. So könnte man Mariologie heute wunderbar anschlussfähig an verschiedenste Strömungen auch unserer Zeit auch modernen Menschen plausibel machen. Das wäre mal eine gute katholische Antwort in Richtung Mariologie. Damit könnte man eher in einer modernen Zeit Dinge plausibel machen, warum man jetzt als Katholikin oder Katholik so einen Hang zum Mariologischen haben kann und darf.“

Viele Arten der Verehrung

Es gibt also ganz unterschiedliche Möglichkeiten, sich Maria zu nähern. Die Kirchenvolksbewegung Maria 2.0 greift den revolutionären Ansatz, den Maria in sich trägt, auf und kritisiert auf diese Weise den Klerikalismus, das Herrschaftsgebaren in Teilen der Kirche.

Aus ganz unterschiedlichen Perspektiven und auch Lebenssituationen wird Maria von Katholiken verehrt. Das kann durchaus politische Dimensionen haben, daneben aber auch sehr persönliche, intime Gründe. Häufig sind es individuelle Sorgen und Nöte, die die Menschen an Maria herantragen.

So erlebe ich das auch im Wallfahrtsort Neviges. Nach dem Gottesdienst hat mich Abbé Phil ins Kloster auf einen Tee eingeladen. Ich möchte mehr über die Wallfahrt in Corona-Zeiten wissen. 

Am 1. Mai wird die Saison feierlich eröffnet und dann kommen in normalen Jahren zur Eröffnungsmesse mit dem Erzbischof von Köln bis zu 1700 Gläubige in den Dom und zur anschließenden Lichterprozession. In Corona-Zeiten ist das natürlich nicht möglich.

„Das Ganze ist jetzt reduziert unter Corona-Bedingungen auf ungefähr 150 Plätze. Die ganze Wallfahrt, das ganze Kirchenleben ist natürlich stark reduziert. Es dürfen einfach bedeutend weniger Leute in die Kirche hinein. Dazu kommt natürlich, dass das Stehen auf Abstand, das Gesangs Verbot und so. Da bleibt natürlich ein etwas bedrückendes Gefühl immer dabei.“

Maria, die Trösterin

So werden auch in diesem Frühjahr und Sommer – in den Wallfahrtsmonaten von Mai bis Oktober – Pilgergruppen nach Neviges unterwegs sein. Weniger als sonst, aber es gebe doch zahlreiche Anmeldungen, sagt Abbé Phil, und man könne da auch in Pandemie-Zeiten mit allen Vorsichtsmaßnahmen einiges möglich machen. 

„Abbé Thomas hat es mal ganz schön gesagt, dass die Gottesmutter hier in Neviges hier wirklich verehrt innerhalb dieses brutalistischen Betonbaus. Und das ist ein Stück weit zeichenhaft, denn dieser riesige Fels aus Beton steht ja irgendwie auch für unsere harte und brutale Welt. Und wir dürfen dahin kommen aus unserer Welt und uns von der nahen, sanften Gottesmutter wirklich trösten und aufnehmen lassen.“

Nach meinem Besuch im Wallfahrtsort Neviges wird mir klar: Irgendetwas geht von diesem Ort aus. Irgendetwas macht ihn besonders. Die beeindruckende Architektur des Mariendoms ist das eine. Der Dom, dieser Zufluchtsberg, steht aber nur da, weil darin Maria verehrt wird – beides gehört zusammen.

Und auch Menschen, die das Religiöse ablehnen, werden sich fragen, wieso und woher kommt das, dass da so eine Inbrunst, so ein Glaube, so eine Kraftquelle existiert, und so viele Menschen zusammenkommen? Was passiert da? Ein Besuch im Wallfahrtsort Neviges macht eine Antwort auf diese Fragen spürbar.

„Wenn ich Kummer hab‘, dann gehe ich zur Muttergottes und dann bin ich getröstet wieder, wenn ich nach Hause gehe.“

Die redaktionelle Verantwortung für die Sendung hat Martin Korden.

Musik:

Ubi Caritas – Ola Gjeilo

The Spheres – Ola Gjeilo

The Changeling End Title – Clint Eastwood

The Crossing – Ola Gjeilo

 

 


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Dieser Beitrag wurde am 01.05.2021 gesendet.


Über den Autor Johannes Schröer

Johannes Schröer wurde 1963 in Emstek, im Oldenburger Münsterland geboren. Nach dem Studium der Psychologie, Theologie und Germanistik in Marburg, Tübingen und Bochum (Abschluss Staatsexamen), sowie einem Auslandsjahr als Assistent Teacher in London, absolvierte er ein Volontariat bei Radio Essen, wo er fünf Jahre als Hörfunk-Redakteur arbeitete. 1997 wechselte er in die Redaktion KIP-NRW, 2000 dann zum WDR TV-Programm der Lokalzeit Ruhr. Seit 2002 arbeitet Johannes Schröer beim Kölner Domradio. Neben seinen Aufgaben als stellvertretender Chefredakteur und CvD, ist er für die Literatur im Domradio verantwortlich. Veröffentlichungen: ‚Als der Dom nach Köln kam‘ und Mitherausgeber des Katalogbuches ‚Trotz Natur und Augenschein. Eucharistie – Wandlung und Weltsicht‘ im Greven Verlag. Außerdem schreibt Schröer Kinderbücher für den Carlsen Verlag in der Reihe Pixi. Kontakt: johannes.schroeer@domradio.de

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