Wort zum Tage, 30.04.2021

von Christoph Pötzsch, Dresden

Früher war alles besser

„Früher war alles besser!“

Ich denke, Sie kennen diesen markigen Spruch.

Sicher haben Sie ihn auch schon resignierend gebraucht. Gerade wenn man älter wird und die Möglichkeit des Vergleichs hat, dann rutschen einem diese vier Worte schon mal heraus:

„Früher war alles besser.“

Und ganz gern lässt man diesen Satz gegenüber den Jüngeren fallen und vermittelt damit eine gepflegte Melancholie der Altersweisheit.

Früher war alles besser, nüchtern betrachtet, sind diese vier Worte eigentlich nichts anderes als eine moderne Lüge.

In manchen Fällen mag es vielleicht stimmen. Die Luft war vielleicht früher besser, das Klima stabiler und berechenbarer. Früher war mehr Schnee.

Und das Leben war weniger hektisch, nicht so schnelllebig und dadurch möglicherweise gesünder.

Aber es stimmt eben nicht, dass früher wirklich alles besser war. Denken wir an die modernen Verkehrsmittel. Die Welt ist klein geworden und damit unsere Möglichkeiten, sie zu sehen, größer. Denken wir an die Kommunikation, wir erreichen unsere Lieben in der Ferne ganz schnell.

Oder denken wir an die Medizin. Menschen starben früher, weil simple Krankheiten nicht erkannt und nicht behandelt werden konnten. Krankheiten, für die es heute in jeder Apotheke Medizin gibt.

Das war in der Tat schlechter. Schon fast atemberaubend, was die Medizin heute kann. Da kommt ein neues Virus, und wenige Monate später ist der Impfstoff da. Grandios.

Aber wird durch diese enormen Entwicklungen auch die innere Gelassenheit größer? Wohl kaum. Ich habe manchmal das Gefühl, mit jedem Wissen, das wir hinzugewinnen, wächst auch die Angst.

Könnte die kleine Veränderung auf meiner Haut Krebs sein, oder ist das nur ein harmloser Fleck?

Ist das plötzliche Herzrasen der Beginn einer Krankheit, oder ist es nur eine simple Reaktion?

Früher hatte man sich einer Vielzahl dieser Fragen oder Befindlichkeiten überhaupt nicht gestellt. Aus Unwissenheit, aber auch aus einer Art von Urvertrauen.

Ging es uns früher besser oder schlechter? Nein, diese Frage können wir wirklich nicht abschließend beantworten.

Wir müssen den Wert des „Früher“ bewahren. Wir dürfen auch nicht aufhören, nach Wissen zu streben. Auch wenn wir wissen, dass diese Kenntnisse uns manchmal Angst machen werden.

Wir haben ein Recht auf Wissen. Aber dennoch: Wir haben auch ein Recht auf Nichtwissen. Ein solches ist das Recht auf Hoffnung. Ein Recht auf Zuversicht. Für mich ist das auch die Gewissheit, nicht tiefer fallen zu können als in Gottes Hand.


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Dieser Beitrag wurde am 30.04.2021 gesendet.


Über den Autor Christoph Pötzsch

Christoph Pötzsch wurde 1955 in Dresden geboren. Er studierte von 1977 bis 1981 Jura an der Martin-Luther-Universität Halle Wittenberg. Bis 1990 war er als Jurist in einer Wohnungsbaugesellschaft tätig und wechselte 1991 in den Dienst des Bistums Dresden-Meißen. Dort war er als Justitiar, später auch als Kanzler tätig. Von 2005 bis 2017 war er Leiter des Katholischen Büros Sachsen und Beauftragter der katholischen Kirche beim Freistaat Sachsen. Seit 2017 ist er freier Publizist und Buchautor. Von ihm sind zahlreiche Bücher über sächsische Landes- und Kirchengeschichte erschienen. Kontakt info@historisches-dresden.de

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