Wort zum Tage, 29.04.2021

von Christoph Pötzsch, Dresden

Streit der Bäume

Kennen Sie die Geschichte vom Streit der Bäume? Mir fiel diese merkwürdige Erzählung vor kurzem in die Hände. Sie findet sich im Alten Testament der Bibel, im Buch der Richter und ist eigentlich eine Fabel.

Nebenbei gesagt, das Alte Testament ist eine Fundgrube von interessanten und geradezu abenteuerlichen Geschichten. Spannende Lektüre. Da lohnt sich mehr als nur ein Blick.

Aber jetzt der „Streit der Bäume“: Einst machten sich die Bäume auf, um sich einen König zu suchen. Den Ersten, den Sie fragten, war der edle Ölbaum. Ob er nicht der neue König werden wolle. Nein, sagte er, das macht Mühe und Arbeit. Mach ich nicht.

Der nächste, den sie fragten, war der Feigenbaum. Auch er wollte nicht. Schade um meine Früchte, sagte er. Die müsste ich dann wohl abgeben. Mach ich nicht.

Dann fragten sie den Weinstock. Auch dieser war nicht interessiert, König der Bäume zu werden. Er wollte nicht seine wertvollen Trauben aufgeben, um für andere da zu sein.

Da blieb nur noch der unbedeutende und struppige Dornenstrauch. Der wurde als Letzter gefragt. Er hielt kurz inne und willigte schließlich ein.

„Kommt, und findet Schatten in meinen dürren Blättern. Das, was ich kann, werde ich tun.“

Eine merkwürdige Geschichte. Diejenigen, die die besten Voraussetzungen haben, lehnen ab. Ölbaum, Feigenbaum und Weinstock werden als fähig geschildert. Aber sie wollen nicht, durchaus aus eigennützigen Motiven. Sie ducken sich ab.

Und der arme Dornenstrauch, der ja nun wirklich nicht viel zu bieten hat, der nimmt es auf sich.

Die Geschichte geht nicht weiter, wir können also nicht erfahren, ob der Dornenstrauch seinen Job als König gut macht oder nicht.

Aber das ist vielleicht auch nicht so wichtig. Er übernimmt Verantwortung, wo andere kneifen. Das ist dem Dornenstrauch hoch anzurechnen.

Irgendwie ist die Geschichte ziemlich gegenwärtig. Verantwortung zu übernehmen, ob im Ehrenamt, auf Arbeit, in der Politik, in der Kirchgemeinde oder auch in der Familie, ist eine Last.

Zweifellos: Sie schränkt ein, man muss Zeit und Kraft investieren. Man geht Bindungen ein und begibt sich in die Pflicht. Nicht immer wird man belohnt, oft dagegen kritisiert. Das kann nerven.

Aber unsere Welt und unsere Gesellschaft leben von Verantwortung. Verantwortung trägt unser Land. Haben wir Mut, Verantwortung zu übernehmen – und versagen wir nicht denen unseren Respekt, die es bereits tun.


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Dieser Beitrag wurde am 29.04.2021 gesendet.


Über den Autor Christoph Pötzsch

Christoph Pötzsch wurde 1955 in Dresden geboren. Er studierte von 1977 bis 1981 Jura an der Martin-Luther-Universität Halle Wittenberg. Bis 1990 war er als Jurist in einer Wohnungsbaugesellschaft tätig und wechselte 1991 in den Dienst des Bistums Dresden-Meißen. Dort war er als Justitiar, später auch als Kanzler tätig. Von 2005 bis 2017 war er Leiter des Katholischen Büros Sachsen und Beauftragter der katholischen Kirche beim Freistaat Sachsen. Seit 2017 ist er freier Publizist und Buchautor. Von ihm sind zahlreiche Bücher über sächsische Landes- und Kirchengeschichte erschienen. Kontakt info@historisches-dresden.de

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