Wort zum Tage, 28.04.2021

von Christoph Pötzsch, Dresden

Alte Bücher

Ich habe es nicht geschafft. Das übervolle Bücherregal im Dachgeschoss sollte ausgedünnt werden. So lautete der eindeutige Befehl meiner Frau. Schmeiß die Bücher weg, die Du eh nicht mehr in die Hand nimmst.

Ich gebe es zu, ich bin gnadenlos gescheitert. Als hätte ich eine Blockade im Kopf. Ich kann keine Bücher wegschmeißen. Geht nicht. Selbst das „Lehrbuch des Arbeitsrechts der DDR“ hab ich wieder zurückgestellt. Sogar „Wie der Stahl gehärtet wurde…“, hab ich vor mir selbst gerettet – alles andere als ein literarischer Sonnenaufgang.

Heute sind Bücher schnell gedruckt und genauso schnell sind sie Papier von Gestern und Makulatur. Das war nicht immer so. In den Zeiten des Mittelalters gab‘s den Buchdruck noch nicht.

Bücher wurden da abgeschrieben, jede Seite, kunstvoll. In den Klöstern wurde das von besonders begabten Ordensleuten gemacht. Die verbrachten fast ihr ganzes Leben in den Schreibstuben, den Skriptorien, und pinselten und pinselten. Es konnte Monate dauern, bis eine Kopie entstanden war.

Diese Klöster bündelten das Wissen in ihren Klosterbibliotheken. Sie waren Zentren der Bildung. Als dann im frühen 16. Jahrhundert die Menschheit einen gewaltigen emanzipatorischen Schub erhielt, und zahlreiche Erfindungen umgesetzt wurden, da lag das auch und besonders am übervollen Wissenspotential der Klöster.

Dann wurde der Buchdruck erfunden und Bücher und Wissen konnten erfreulicherweise zur Massenware werden. In deutschen Landen, aber auch bei unseren böhmischen Nachbarn sind noch Klosterbibliotheken vorhanden. Die sind historisch bedeutend.

Da verschlägt es einem nicht nur die Sprache, da weht einen der Weltgeist an. Bücher, das Buch, sind wohl die größten Errungenschaften unserer Zivilisation.

Auch die neuen Medien können mir den Reiz eines Buches mit seinen Seiten, die man genussvoll umblättern kann, nicht nehmen. Ich verbeuge mich in die Vergangenheit. Danke, liebe Altvordere. Danke, liebe Klostermänner und -frauen. Ohne Euch in alter Zeit wäre unser heutiges Leben wohl ungleich ärmer.

Und was mache ich nun mit meinen Büchern? Vielleicht bringe ich sie auf den Büchertisch in unserer Kirchgemeinde. Das „Arbeitsrecht der DDR“ und der „Gehärtete Stahl“ müssen ja nicht unbedingt dabei sein…


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Dieser Beitrag wurde am 28.04.2021 gesendet.


Über den Autor Christoph Pötzsch

Christoph Pötzsch wurde 1955 in Dresden geboren. Er studierte von 1977 bis 1981 Jura an der Martin-Luther-Universität Halle Wittenberg. Bis 1990 war er als Jurist in einer Wohnungsbaugesellschaft tätig und wechselte 1991 in den Dienst des Bistums Dresden-Meißen. Dort war er als Justitiar, später auch als Kanzler tätig. Von 2005 bis 2017 war er Leiter des Katholischen Büros Sachsen und Beauftragter der katholischen Kirche beim Freistaat Sachsen. Seit 2017 ist er freier Publizist und Buchautor. Von ihm sind zahlreiche Bücher über sächsische Landes- und Kirchengeschichte erschienen. Kontakt info@historisches-dresden.de

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