Wort zum Tage, 27.04.2021

von Christoph Pötzsch, Dresden

Der Schrittzähler

Vor kurzem bekam ich von meiner Frau einen Schrittzähler geschenkt. Das ist so ein winziger Computer, den man an die Kleidung heftet, und der sehr exakt jeden Schritt registriert, den man macht. Gibt’s inzwischen auch als App auf dem Smartphone. Am Abend kann man dann genau lesen, wie viele Schritte man gelaufen ist.

Als ich diesen Schrittzähler bekam, war ich zunächst der Meinung, naja, ein Geschenk aus der Rubrik „Dinge, die die Welt“ nicht braucht. Aber - ich wurde bald eines Besseren belehrt. Das Ding entwickelte ein Eigenleben und mein Ehrgeiz erwachte auf eine ungeahnte Art und Weise.

Unwillkürlich schaute ich immer abends und auch zwischendurch auf die Anzahl der zurückgelegten Schritte und versuchte mich zu steigern. Die abendliche Runde mit unseren Hunden wurde immer länger.

In der Beschreibung des Geräts stand nämlich, dass man pro Tag mindestens 10.000 Schritte gehen solle, dies sei ärztlicherseits empfohlen. Und auf dem Display des Geräts springt, wenn man die 10.000 Schritte erreicht hat, ein kleiner Mann auf und ab. Den wollte ich sehen. Immer öfter. Neudeutsch nennt man das Suchtfaktor.

Die Wiederentdeckung des Laufens. Vergnüglich, aber nichts Besonderes. Oder doch? Ich erinnerte mich dabei an meinen Vater, der nach seinem Schlaganfall auf den Rollstuhl angewiesen war und sehr darunter litt, nicht mehr laufen zu können.

Er habe, so sagte er mir, Laufen erst als großen Wert und als Geschenk empfunden und erkannt, als es ihm nicht mehr möglich war.

In der Tat, Selbstverständlichkeiten wie Laufen, Sehen, Hören, Sprechen nehmen wir nicht besonders wahr, das sind für uns Normalitäten. Letztlich sind es doch aber große und einmalige Geschenke.

Es ist nur der Einfalt des Menschen geschuldet, diese großen Werte nicht wahrzunehmen, weil man sie ja immer „hat“ und sie nicht als besonders auffallen.

Für ich sind diese vermeintlichen Normalitäten, Gaben Gottes, die er mir mit auf den Weg gegeben hat. Wer betet, äußert darin oft genug Wünsche und Hoffnungen, sicher sehr zu recht. Ich habe dabei festgestellt, dass auch der bewusste Dank an Gott vorkommen sollte.

Wenn ich z.B. am Ende eines Tages bewusst darüber nachdenke, für was ich heute danken kann, fällt mir auf, dass es so vieles schöne und wichtige gibt, dass alles andere als selbstverständlich ist. Dinge, die wir erst dann vermissen, wenn sie uns fehlen. Darauf muss man doch wohl ab und zu mit der Nase gestoßen werden – und sei es durch einen Schrittzähler.


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Dieser Beitrag wurde am 27.04.2021 gesendet.


Über den Autor Christoph Pötzsch

Christoph Pötzsch wurde 1955 in Dresden geboren. Er studierte von 1977 bis 1981 Jura an der Martin-Luther-Universität Halle Wittenberg. Bis 1990 war er als Jurist in einer Wohnungsbaugesellschaft tätig und wechselte 1991 in den Dienst des Bistums Dresden-Meißen. Dort war er als Justitiar, später auch als Kanzler tätig. Von 2005 bis 2017 war er Leiter des Katholischen Büros Sachsen und Beauftragter der katholischen Kirche beim Freistaat Sachsen. Seit 2017 ist er freier Publizist und Buchautor. Von ihm sind zahlreiche Bücher über sächsische Landes- und Kirchengeschichte erschienen. Kontakt info@historisches-dresden.de

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