Wort zum Tage, 26.04.2021

von Christoph Pötzsch, Dresden

Das schönste Wort

Es ist schon eine Weile her, da wurde ein Wettbewerb ausgeschrieben und das schönste Wort der deutschen Sprache gesucht. Was für ein Ehrgeiz, hatte ich gedacht. Kann ein Wort „schön“ sein? Ein Buch ja, ein langer Text, vielleicht auch noch ein Satz. Aber ein einzelnes Wort?

Doch das Ergebnis der Jury hat mich eines Besseren belehrt. Als schönstes Wort der deutschen Sprache wurde das Wort „Habseligkeiten“ ausgewählt. Ist schon ein wenig antiquiert und nicht mehr ganz Teil der Alltagssprache.

Aber wenn man über dieses Wort nachdenkt, wenn man dieses Wort in sich schwingen lässt, da tut sich viel auf. Nicht nur, dass das Wort in sich eine Sprachmelodie hat, es verführt uns zum Nachdenken. „Habseligkeiten“

Die Raffinesse dieses Wortes besteht aus seinen zwei Teilen. „Habe“, also materieller Besitz, Eigentum. Und „…seligkeiten“. Da entsteht sofort die Frage, ob Besitz selig macht. Dazu wird wohl jeder seine Antwort haben.

Sind mit Habseligkeiten die wichtigen Dinge des Alltags gemeint, auf das sich unsere materielle Existenz gründet? Ohne die es nicht geht? Nein, das wäre auch wieder zu kurz gesprungen.

Zum Beispiel sind die Unterlagen für meine eigene Haftpflichtversicherung wirklich sehr wichtig. Aber ich könnte sie nie als Habseligkeiten bezeichnen. An Habseligkeiten muss das Herz hängen.

Irgendwie schaut da auch etwas kindlich-Naives durch. Für ein kleines Kind kann der Inhalt seiner Hosentaschen, können gesammelte Kastanien und ein kaputtes Spielzeugauto, durchaus Habseligkeiten sein. Das Wort reißt vor uns aus und zwingt uns, ihm hinterherzulaufen.

Das Wort gibt’s übrigens auch nicht im Singular. Die Habseligkeit? Nein, so einfach ist die Seligkeit nicht zu bekommen. Da muss mehr her. Also, es bleibt uns nichts anderes übrig, als uns diesem Wort zu stellen.

Gesetzt den Fall, wir müssten Hals über Kopf unsere Heimstatt verlassen – Was nähmen wir mit? Was wäre uns wichtig? Das Handy, das Ladegerät? Die Fotos von den Kindern? Ein vielleicht materiell wertloses, jedoch mit Erinnerungen behaftetes Stück Modeschmuck?

Ich denke, die Juroren haben mit dem Sieg für das Wort „Habseligkeiten“ nicht nur einen Treffer gelandet. Sie haben uns auch herausgefordert. Jeder bestimmt seine Habseligkeiten für sich. Und jeder definiert sich darüber.

So entlasse ich Sie in den Tag mit der Empfehlung, mal darüber nachzudenken, was für Sie Habseligkeiten sein können.


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Dieser Beitrag wurde am 26.04.2021 gesendet.


Über den Autor Christoph Pötzsch

Christoph Pötzsch wurde 1955 in Dresden geboren. Er studierte von 1977 bis 1981 Jura an der Martin-Luther-Universität Halle Wittenberg. Bis 1990 war er als Jurist in einer Wohnungsbaugesellschaft tätig und wechselte 1991 in den Dienst des Bistums Dresden-Meißen. Dort war er als Justitiar, später auch als Kanzler tätig. Von 2005 bis 2017 war er Leiter des Katholischen Büros Sachsen und Beauftragter der katholischen Kirche beim Freistaat Sachsen. Seit 2017 ist er freier Publizist und Buchautor. Von ihm sind zahlreiche Bücher über sächsische Landes- und Kirchengeschichte erschienen. Kontakt info@historisches-dresden.de

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