Gottesdienst am Vierten Sonntag der Osterzeit

aus der Basilika St. Lorenz in Kempten

Predigt von Stadtpfarrer Msgr. Dr. Bernhard Ehler

Liebe Schwestern und Brüder!

Ältere Leute kennen noch die frommen Bildchen: In süßlichen Farben zeigen sie einen Hirten, der ein Lämmlein auf den Schultern trägt. Jesus als guter Hirte: ein liebliches Bild, aber doch völlig antiquiert! Wer von uns will denn ein Lämmlein sein oder gar ein Schaf? Wer denkt da nicht gleich an dumme Schafe! Wir aber sind doch freie Bürger und mündige Christen! Was also fangen wir mit einem Guten Hirten an?

I. Der Gute Hirt setzt sein Leben ein für die ihm Anvertrauten

Wenn ich in der Bibel nachschaue, fällt auf: da ist meist kritisch die Rede von Hirten! Als Hirten wurden die politischen und religiösen Führer bezeichnet. Ihnen werfen die Propheten im Namen Gottes vor: Ihr seid schlechte Hirten! Ihr missbraucht euer Hirtenamt zu euren Gunsten! Ihr zieht den euch Anvertrauten das Fell über die Ohren! Ihr lasst sie für euch arbeiten und den Kopf für euch hinhalten!

Das ist heute nicht anders: Machthaber opfern Menschen, um ihre Macht zu festigen. Die Reichen werden immer reicher auf Kosten der Armen. Und auch in der Kirche gibt es Amtsträger, die mehr ihre eigene Ehre suchen als das Heil der Menschen. Ja es ist noch viel schlimmer: Sie sollten die ihnen Anvertrauten, vor allem die Kinder, vor Schaden schützen. Stattdessen sind manche selbst zu Wölfen geworden, die ihnen Gewalt angetan haben!

Diesen schlechten Hirten – damals wie heute – stellt Jesus den Guten Hirten gegenüber. Für ihn ist typisch: nicht er lebt auf Kosten der ihm Anvertrauten, sondern umgekehrt: Sie leben auf seine Kosten! Nicht wir müssen den Kopf für ihn hinhalten; er hält seinen Kopf für uns hin. Er gibt sein Leben für uns hin, damit wir im Tod nicht untergehen.

Der Gute Hirte läuft nicht weg, wenn es schwierig wird. Für uns nimmt er alle Bosheit und Angst, alle Schuld und alles Leid auf sich. Der Hirte führt die Schafe nicht am Gängelband. Er ermöglicht ihnen ein Leben in Freiheit, indem er dafür sorgt, dass sie finden, was sie zum Leben brauchen. Wenn wir uns verlaufen oder auch verrannt haben, sucht er uns und führt er uns zurück. Er heilt die Verletzten und schützt uns vor Bedrohung. Er lebt für uns, damit wir leben können.

II. Der Gute Hirt lebt und ermöglicht Beziehung

Das Leben hingeben aus freiem Willen: Das tut, wer liebt. In der Liebe liegt der Sinn und das Ziel unseres Lebens. Leben gelingt nur dann wirklich, wenn wir es nicht für uns selbst leben, sondern füreinander. Die Hingabe des Lebens aus Liebe wird möglich, weil der Gute Hirte mit seinem Vater im Himmel wie mit uns in Beziehung lebt. Diese Beziehung wird mit dem Wort „kennen“ ausgedrückt: Der Vater kennt den Sohn; der Sohn kennt den Vater und die Seinen kennen ihn.

Wenn Jesus mich kennt, dann ist das schön und erschreckend zugleich: schön, weil ich ihm nichts erklären muss, weil es keine Missverständnisse geben kann. Es ist erschreckend, weil er auch meine Schattenseiten kennt, sozusagen meine unaufgeräumten Kellerräume, wo möglicherweise sogar Leichen im Keller liegen.

Deshalb ist entscheidend, was dieses Kennen keine lückenlose Datenerfassung meint, die mich seinem schonungslosen Gericht ausliefert, sondern liebende Aufmerksamkeit. Im Hebräischen heißt Erkennen „jadá“ – und das heißt zugleich Lieben. Weil und indem und obwohl der Gute Hirt uns kennt, liebt er uns.

Damit ist er Vorbild für uns. Seine Liebe lädt uns ein, dass wir es ihm nachmachen: uns für einander interessieren, einander immer besser kennen lernen und einander lieben. Wie aber soll ich Menschen lieben, deren Unzulänglichkeit, ja Bosheit ich kenne? Jesus liebt mich, so wie ich bin, mit meinen Licht- und Schattenseiten, die er besser kennt als ich selbst.

Wenn ich das glaube und erfahre, dann brauche ich diese Liebe nur weitergeben an meine Mitmenschen. Ich lebe davon, dass der Gute Hirt so geduldig und barmherzig ist mir gegenüber. Wo ich das erfahre und mich darüber freue, kann ich auch anderen geduldig und barmherzig begegnen. Die Sorge des Guten Hirten für mich hat Konsequenzen für mein Verhalten!

III. Der Gute Hirt gibt sich nicht zufrieden mit denen, die schon da sind

Es ist schön, wenn man sich gut kennt und in vertrauter Gemeinschaft miteinander lebt. Jesus aber sagt:

„Ich habe noch andere Schafe, die nicht aus diesem Stall sind; auch sie muss ich führen.“

Der Gute Hirte gibt sich nicht zufrieden mit denen, die eh schon da sind, mit einer immer kleiner werdenden Herde. Er lenkt seinen Blick in die Weite: zu denen hin, die ihn auch brauchen. Er sendet seine Jünger, damit sie sein Evangelium überall hin tragen: nach Samaria und Galiläa und bis zu den Enden der Erde.

Papst Franziskus fordert uns deshalb immer wieder auf, an die Ränder zu gehen, an die Ränder der Gesellschaft, der Kirche, des Lebens. Vom Guten Hirten können wir lernen, denen nachzugehen, die sich verlaufen haben, die Hilfe besonders nötig haben, die allein zugrunde gehen.

Das Bild vom Guten Hirten ist alles andere als süßlich und kitschig. Es zeigt uns den Sohn Gottes, der keine Mühe und Gefahr scheut, um uns und alle übrigen Menschen zu einem Leben zu bringen, das diesen Namen verdient. Er beruft uns, an seinem Auftrag mitzuwirken.

Ob wir wirklich zu den Seinen gehören, das zeigt sich darin, dass auch wir uns derer annehmen, die am Rand stehen: die leicht übersehen werden, die nirgends richtig dazu gehören, die nicht teilhaben können an alledem, was unser Leben lebenswert macht. Dazu zählen Menschen mit Behinderung und diejenigen, die im Alter völlig einsam sind. Heimat- und Obdachlose, Menschen mit seelischen Erkrankungen, die am Leben verzweifeln, gehören dazu genauso wie alle, die nicht wissen, wie sie ihr Leben auf die Reihe kriegen sollen, weil sie in unserer Leistungsgesellschaft auf der Strecke bleiben.

Wie dem Guten Hirten müssen uns diejenigen am Herzen liegen, die am Rand unserer Kirche stehen, weil wir ihnen nicht verständlich machen konnten, wie sehr Gott sie liebt, weil sie verletzt wurden durch das Verhalten von Amtsträgern, weil sie sich durch kirchliche Morallehre verurteilt fühlen.

All diesen, allen, die sich nach mehr Leben, nach Schutz und Rettung sehnen, wendet sich der Gute Hirte zu. Jede und jeden von uns stärkt er, damit wir alle zu ihm führen und erfahren lassen: Er ist der Gute Hirt. Bei ihm ist Leben in Fülle.


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Dieser Beitrag wurde am 25.04.2021 gesendet.





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