Morgenandacht, 24.04.2021

von Andreas Britz, Bellheim

Landjudentum in Deutschland

„CHAI – Auf das Leben!“

So steht es auf einer aktuellen Sonderbriefmarke der Deutschen Post. Sie erinnert an ein stolzes Jubiläum: 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland. Aus dem Jahr 321 stammt der älteste schriftliche Beleg.

Der römische Kaiser Konstantin erlaubt darin den Kölner Juden die Mitarbeit in der Stadtverwaltung. Bundesweit erinnern in diesem Jahr rund 1000 Veranstaltungen daran, welchen enormen Anteil jüdische Männer und Frauen an der deutschen Geschichte hatten.

Mit der Schoa, dem Völkermord der Nationalsozialisten, scheint auch das Wissen um die lange jüdische Geschichte hierzuland verloren gegangen zu sein. Das Jubiläumsjahr 2021 will demgegenüber aufzeigen, dass Juden nicht nur Opfer, sondern auch immer aktive Mitgestalter ihrer Epoche gewesen sind. Ohne ihre Bildung, wirtschaftliche Kompetenz und Mobilität hätten sich unsere Städte nicht so erfolgreich entwickeln können.

Die rechtliche Gleichstellung im 19. Jahrhundert gab dem Judentum einen gewaltigen Auftrieb. Nirgendwo in Europa entfaltete sich jüdisches Leben damals so dynamisch wie in Deutschland. Jüdische Bürgerinnen und Bürger engagierten sich in Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur.

Mediziner und Physiker wie Paul Ehrlich, Albert Einstein oder Gustav Hertz verhalfen der deutschen Forschung zu Weltgeltung. Nicht anders ihr Beitrag zur Kultur. Heinrich Heine, Franz Kafka, Max Liebermann, Felix-Mendelssohn-Bartholdy - um nur ein paar Namen zu nennen.

Das Interesse der Historiker liegt meist auf dem Leben der Juden in den Metropolen. Das ist verständlich, galten doch im Mittelalter die sogenannten SCHUM-Städte Mainz, Worms und Speyer mit ihren jüdischen Hochschulen als das „Jerusalem am Rhein“.

Aber auch von dem jüdischen Leben auf dem Land gingen wichtige Impulse aus, nachdem man sie am Ende des Mittelalters aus den großen Städten vertrieben hatte. Wo sie sich niederließen, waren sie eine Minderheit in einer christlich geprägten Umwelt.

Ihre religiösen und sozialen Angelegenheiten durften sie meist selbst regeln. Gewiss, gleichberechtigt waren die Juden nicht und Vorurteile und Misstrauen begegneten ihnen auch auf dem Land.

Aber vielerorts lebten Christen und Juden hier über Generationen in guter Nachbarschaft. In den Dörfern lagen Kirche und Synagoge nahe beieinander. Viele Juden betrieben Viehhandel oder organisierten den Verkauf der landwirtschaftlichen Erzeugnisse. So profitierten auch die Bauern vom Knowhow ihrer jüdischen Mitbürger.

In manchen Regionen, wie in der Pfalz oder in Franken, lag der Vertrieb von Wein, Hopfen oder Tabak oft in jüdischer Hand. Juden und Christen lebten im dörflichen Alltag meist friedlich miteinander. Jüdische Familien luden ihre Nachbarn zum Mazzenessen ein, die Christen revanchierten sich mit Ostereiern.

Juden waren nicht weniger patriotisch als ihre katholischen oder evangelischen Landsleute. Im Ersten Weltkrieg kämpften die Männer Seite an Seite. 12.000 jüdische Soldaten fielen für „Kaiser und Vaterland“. Das alles ist heute vielerorts in Vergessenheit geraten.

Hitlers Machtergreifung beendete die jüdische Emanzipation schlagartig. Der mörderische Antisemitismus der Nationalsozialisten zerstörte eine jahrhundertealte jüdische Kultur. Zu den sechs Millionen Opfern der Shoa gehörten auch rund 170.000 Juden aus Deutschland.

Die meisten Landgemeinden existierten 1945 nicht mehr. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Aber seit den 1980er Jahren sind in vielen kleinen Orten Bürgerinitiativen entstanden, die sich für die jüdische Geschichte ihrer Heimat interessieren.

Oft sind dabei engagierte Christen die treibende Kraft. Sie helfen mit, Synagogen zu restaurieren, jüdische Friedhöfe zugänglich zu machen oder auch Stolpersteine zu verlegen, die an die Ermordeten erinnern. Das ist umso wichtiger, weil es bald keine Zeitzeugen mehr geben wird.

Die Erinnerungskultur weiterzuentwickeln, das ist eine zentrale Aufgabe für unsere Gesellschaft. Die lange vernachlässigte Geschichte der Juden auf dem Land bleibt dabei ein wichtiger Baustein.


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Dieser Beitrag wurde am 24.04.2021 gesendet.


Über den Autor Andreas Britz

Andreas Britz, Jahrgang 1959, studierte Katholische Theologie und Geschichte in Trier. Seit 1989 unterrichtet er am Johann-Wolfgang-Goethe-Gymnasium im südpfälzischen Germersheim und ist Regionaler Fachberater für Katholische Religion. Zudem ist Britz Autor zahlreicher Unterrichtsreihen und Rundfunksendungen in den Hörfunkprogrammen des SWR. Kontakt: andreasbritz@web.de

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