Morgenandacht, 23.04.2021

von Andreas Britz, Bellheim

Georges Lemaitre – Vater der „Urknalltheorie“

„Es gibt zwei Wege, auf denen man zur Wahrheit kommen kann. Ich habe mich entschieden, beide zu gehen.“

Der Mann, der das von sich sagte, war ein echter Grenzgänger. Georges Lemaitre, einer der bedeutendsten Physiker der Moderne und gleichzeitig katholischer Priester.

Lemaitre, 1894 in Belgien geboren, war der erste Wissenschaftler, der die Ausdehnung des Weltalls entdeckte und auch der erste, der die Vorstellung vom „Urknall“ formulierte.

Und dennoch ist er einer breiten Öffentlichkeit kaum bekannt. Lemaitre stand nicht gern im Rampenlicht; er lebte bescheiden und zurückgezogen. Da er als Priester keiner Gemeinde vorstand, hatte er viel Zeit sich seinen Forschungen zu widmen.

Nach Studienaufenthalten in England und den USA übernahm Lemaitre 1927 den Lehrstuhl für Mathematik und Physik an der katholischen Universität in Löwen. Im gleichen Jahr löste er ein Rätsel, das die Physiker seit Jahren beschäftigte.

Lemaitre erkannte, dass sich die Himmelskörper mit einer Geschwindigkeit von mehreren tausend Kilometern pro Sekunde vom Betrachter entfernen. Dafür konnte es nur eine Ursache geben: Die Ausdehnung des Universums.

Bestärkt wurde Lemaitre in seiner Ansicht durch die Beobachtungen, die der amerikanische Astronom Edwin Hubble mit seinem Spiegelteleskop machte.

Aber der belgische Physiker und Priester fragte noch weiter: Wie musste man sich dann den Anfang des Kosmos vorstellen? Seine Antwort: Ausgangspunkt ist eine gigantische Explosion, bei der im Bruchteil einer Sekunde aus einem unendlich kleinen Punkt von unvorstellbarer Energiedichte und Temperatur hochintensive Strahlung wird.

Damit war die Theorie vom „Urknall“ geboren. Lemaitre selbst verwendete diesen Begriff nicht, er sprach von einem „kosmischen Feuerwerk“.

Heute ist die Urknalltheorie das Standardmodell der Kosmologen. Vor 13,8 Milliarden Jahren - so haben sie ermittelt - sind auf diese Weise Zeit und Raum entstanden. Als Lemaitre seine Idee vorstellte, da schlug ihm noch die Skepsis seiner Kollegen entgegen.

Auch der große Albert Einstein wollte zunächst nichts davon wissen. „Abscheulich“ seien diese Thesen. Einstein war überzeugt: Das Universum hat keinen Anfang und kann sich auch nicht ausdehnen. Er vermutete, Lemaitre wolle als Theologe einen Schöpfungsakt in die moderne Physik einbauen, damit die Kirche ihre biblische Botschaft glaubwürdiger verkünden könne.

Aber Lemaitre ließ sich durch die Kritik des berühmten Kollegen nicht entmutigen. 1933 trafen sich die beiden Wissenschaftler in Kalifornien. Sie besuchten auch Edwin Hubble in seinem Observatorium. Und Albert Einstein ließ sich überzeugen. Öffentlich erklärte er zu Lemaitres Urknalltheorie:

„Dies ist die schönste und befriedigendste Erklärung der Schöpfung, die ich je gehört habe.“

Lemaitre war sich seiner Doppelrolle als Naturwissenschaftler und Theologe sehr wohl bewusst. Ihm war klar: Physik und Religion beschreiben die Wirklichkeit auf ihre je eigene Weise. Naturwissenschaftliche Forschung und persönlicher Glaube schließen einander nicht aus. In einem Interview mit der New York Times formulierte er das so

„Ich habe keinen Konflikt, den ich heilen muss. Die Wissenschaft hat meinen Glauben nicht erschüttert und niemals hat mein Glaube mich an Ergebnissen zweifeln lassen, die ich mit wissenschaftlichen Methoden erhalten hatte.“

Als Papst Pius XII. 1951 die Urknalltheorie als naturwissenschaftlichen Beweis für die Existenz Gottes interpretierte, widersprach ihm sein Priester Lemaitre entschieden. Die Physik kann Gott nicht beweisen. Das ist nicht ihre Aufgabe.

Pius´ Nachfolger, Johannes XXIII., unterstützte Lemaitres Ansatz. Er ernannte ihn zum Präsidenten der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften.

Das von Johannes einberufene II. Vatikanische Konzil machte den Weg endgültig frei für einen offenen Dialog zwischen Kirche und Naturwissenschaft. Auch zur Freude von Georges Lemaitre, der 1966 starb.


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Dieser Beitrag wurde am 23.04.2021 gesendet.


Über den Autor Andreas Britz

Andreas Britz, Jahrgang 1959, studierte Katholische Theologie und Geschichte in Trier. Seit 1989 unterrichtet er am Johann-Wolfgang-Goethe-Gymnasium im südpfälzischen Germersheim und ist Regionaler Fachberater für Katholische Religion. Zudem ist Britz Autor zahlreicher Unterrichtsreihen und Rundfunksendungen in den Hörfunkprogrammen des SWR. Kontakt: andreasbritz@web.de

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